„Erinnerung ist nicht genug“

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Heute vor 75 Jahren wurde das deutsche Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Es ist ein wichtiger Anlass zum Erinnern - aber Erinnerung allein reicht nicht aus, schreibt EU-Kommissar Schinas. [Wojtek RADWANSKI / AFP]

Heute vor 75 Jahren wurde das deutsche Konzentrationslager Auschwitz nahe der polnischen Stadt Oświęcim von der Roten Armee befreit. EU-Kommissionsvizepräsident Margaritis Schinas schreibt zu diesem Anlass: „Erinnerung ist nicht genug.“

Margaritis Schinas ist einer der Vizepräsidenten der Europäischen Kommission und in dieser Rolle für die „Förderung des europäischen Lebensstils“ zuständig. Seine Aufgaben umfassen dabei auch die Koordinationen von Maßnahmen zur Bekämpfung von Antisemitismus in der EU.

Zwischen dem Haupttor des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau der Nazis und dem internationalen Mahnmal liegt weniger als ein Kilometer. Es ist eine Entfernung, die man als Besucher in knapp zehn Minuten abschreiten kann.

Und dennoch ist es ein Gang voll endloser Entmutigung.

Jeder einzelne Schritt entlang der Bahnschienen, die für mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder in ihren schrecklichen Tod führten, ist eine tiefe schmerzliche Erinnerung an das verheerende Versagen der Menschheit, die Massenvernichtung von Unschuldigen in einem solch unvorstellbaren Ausmaß zu verhindern.

Und jeder Schritt ist auch eine Erinnerung an die Verantwortung, die wir tragen, das so etwas nie wieder geschieht. Auf der Gedenktafel für die Opfer heißt es: „Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit.“

In diesem Jahr begehen wir den 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. In Europa und darüber hinaus finden eine Vielzahl von Gedenkveranstaltungen statt – es ist ein wichtiger Anlass, die sechs Millionen Jüdinnen und Juden und die vielen anderen zu ehren, die von den Nazis aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Identität oder ihres Glaubens ermordet wurden. Es ist ein Anlass, über die Shoah und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaften bis heute nachzudenken.

Und es ist ein Anlass, zu sagen: Wir erinnern.

Aber Erinnerung ist nicht genug. Am 23. Januar sendeten die Präsidentin der Europäischen Kommission und die Präsidenten des Europäischen Rates und des Europäischen Parlaments anlässlich der Gedenkveranstaltungen in Yad Vashem eine deutliche Nachricht: „Alle Mitgliedstaaten der EU sind sich einig in ihrer Ablehnung aller Ausdrucksformen von Rassismus, Antisemitismus und Hass – in Europa ist dafür kein Platz, und wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um diesen Kräften entgegenzuwirken.“

Europa hat schon viel getan. Die Arbeitsdefinition für Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance wurde bereits von 16 EU-Mitgliedstaaten übernommen. Diese Definition ist eine wichtige gemeinsame Grundlage für die Identifizierung und Bekämpfung des Phänomens Antisemitismus in all seinen Formen.

Aber wir dürfen uns nicht zurücklehnen. Antijüdische Vorfälle nehmen leider zu. In einer kürzlich durchgeführten Umfrage unter europäischen Jüdinnen und Juden berichtete jede dritte Person, dass sie bedrängt oder bedroht wurde, wenn sie in der Öffentlichkeit Gegenstände trug oder zeigte, die sie als Jüdin oder Juden erkennbar machen.

Die Anschläge von Halle und Brüssel sind eine erschütternde Erinnerung daran, dass der Antisemitismus auch 75 Jahre nach dem Holocaust immer noch Leben kostet und droht, das Gefüge unserer Gesellschaften zu zerreißen. Denn wenn ein Attentäter in einer Synagoge an Jom Kippur oder in einem Museum im Herzen der europäischen Hauptstadt das Feuer eröffnet, dann ist dies nicht nur ein Angriff auf die jüdische Gemeinde. Es ist ein Angriff auf uns alle. Auf unsere grundlegenden Werte und Grundsätze. Auf die Einheit, die Vielfalt und den Zusammenhalt unserer Gesellschaften. Auf all das, was unsere europäische Lebensweise ausmacht.

Als gebürtiger Thessalonicher bin ich mir des immensen Beitrags der jüdischen Kultur zu unserem europäischen Erbe zutiefst bewusst. Ebenso bewusst bin ich mir der erschütternden Nachwirkungen des Holocaust auf eine Stadt, die einst ein blühendes Zentrum des sephardisch-jüdischen Lebens und in der Ladino-Sprache als „Madre de Israel“ bekannt war.

Unter meiner Verantwortung hat die Europäische Kommission ein spezielles Team zur Bekämpfung von Antisemitismus eingerichtet, das die Bemühungen aller Mitgliedstaaten um die Entwicklung umfassender nationaler Strategien unterstützen und koordinieren soll. Diese Bemühungen reichen von der Bekämpfung von Hassverbrechen und Hassrede über den Schutz und die Integration jüdischer Gemeinden bis hin zu Bildung und Sensibilisierung.

Sicherheit bleibt das wichtigste Anliegen der jüdischen Gemeinden. Wir arbeiten auf die Vollendung einer EU-Sicherheitsunion hin, in der sich jeder und jede einzelne Europäerin sicher und geschützt fühlt – unabhängig von ihrem Glauben, ihrer Herkunft oder ihren Wohnorten. Wir werden weiterhin die Maßnahmen der Mitgliedstaaten unterstützen, um Radikalisierung zu verhindern, Hassrede im Internet zu bekämpfen und die physische Sicherheit der jüdischen Gemeinden zu garantieren. Synagogen, Gemeindezentren, Schulen und Universitäten sollten Orte sein, an denen die jüdische Kultur respektiert, gelernt/gelehrt und gefeiert wird – und nicht angegriffen.

Parallel dazu müssen wir unsere Anstrengungen im Bereich der Bildung verstärken. Bildung ist das mächtigste Instrument, das uns zur Verfügung steht, um antisemitische Vorfälle langfristig zu unterbinden. Wir müssen unsere Kinder unterrichten, unsere Bürgerinnen und Bürger informieren, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Strafverfolgungs- und Justizbehörden bezüglich der Shoah und der modernen Formen des Antisemitismus schulen. Die Rolle der Bildungseinrichtungen sowie eine ehrgeizige und integrative Bildungsagenda können entscheidend dazu beitragen, Wahrnehmungen und Einstellungen zu verändern. Auch hier können die Programme der Europäischen Union zur Mobilität von Studierenden sowie zur Förderung der Forschung wertvolle Unterstützung für die Strategien der Mitgliedstaaten bieten.

Schließlich müssen wir auch anerkennen, dass Antisemitismus nicht nur ein europäisches Problem ist. Er erfordert eine globale Antwort. Daher muss die Europäische Union ihre Kräfte mit all jenen – sowohl Ländern als auch internationalen Organisationen – bündeln, die bereit sind, für die Menschenrechte, für unsere Werte der Gleichheit, des Pluralismus, der Vielfalt sowie der Religions- und Meinungsfreiheit einzutreten.

Am Montag, dem 27. Januar, werde ich zusammen mit Holocaust-Überlebenden und politischen Führungspersönlichkeiten aus der ganzen Welt im Namen der Europäischen Union die Strecke vom Todestor bis zum Birkenau-Denkmal zurücklegen, um diejenigen zu ehren, die auf diesem Gelände umgekommen sind, sowie die Millionen weiteren, die unter der Geißel des Antisemitismus gelitten haben und weiterhin von ihm bedroht sind.

Das ist unsere Pflicht: Nicht nur zu erinnern, sondern uns einzusetzen und zu handeln.

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN