Wie in Sachsen und Thüringen die Corona-Lage eskaliert

Ein Denkmal in Berlin erinnert an die Toten, die bis zum 11. Januar in ganz Deutschland verstorben sind. [HAYOUNG JEON/EPA]

In Sachsen und Thüringen spitzt sich die Corona-Lage zu, in die Kliniken kommen immer mehr junge Covid-Patienten. Die Ministerpräsidenten räumen Fehler ein.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Der Tagesspiegel.

Die Karten mit den Landkreisen sind tiefrot. Sachsen und Thüringen sind am Montag traurige Corona-Spitzenreiter in Deutschland. Trotz wochenlangen Lockdowns ziehen die Zahlen an. Ärzte und Pfleger sind am Limit, Sachsen musste schon Patienten in andere Bundesländer verlegen lassen.

Nun wird der Öffentliche Nahverkehr mit 40 Prozent Auslastung verstärkt ins Visier genommen, Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) fordert ein Herunterfahren der Wirtschaft. „Ich merke, dass bei mir in Thüringen gerade die Hütte brennt“, sagt er im ZDF. Bestatter und Krematorien sind arbeiten rund um die Uhr, in Sachsen liegt die Zahl der Sterbefälle im Dezember bis zu 88 Prozent über den Vorjahren.

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Wie sind die aktuellen Zahlen?

In Thüringen gibt es 316 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen (7-Tages-Inzidenz), in Sachsen sogar 360 – bundesweit ein Rekordwert. In Sachsen ist vergangene Woche zudem erstmals die Variante des Coronavirus aus Großbritannien (B117) nachgewiesen worden; bei einer Person aus Dresden, die vor Weihnachten aus Großbritannien zurückgekehrt war. Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) fordert daher, die Regeln bei der Verteilung der Corona-Impfstoffe zu überdenken. „Bisher erfolgt die Verteilung des Impfstoffes nach der Einwohnerzahl der Bundesländer.“

Aber auch andere Faktoren müssten eine Rolle spielen: Impfstoff solle vor allem dort hin, wo das mutierte Virus auftauche. Mit 99,8 Corona-Toten je 100.000 Einwohner hat Sachsen laut RKI den bundesweit höchsten Wert vor Thüringen (62).

Hinter dem Landkreis Meißen liegt man mit 533 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnern in sieben Tagen bundesweit an zweiter Stelle. Der SPD-Politiker teilt die Einschätzung vieler Virologen, dass Schulen ein Treiber der Pandemie sind. „In der ersten Welle war Sachsen eines der ersten Bundesländer, dass die Schulen geschlossen hat. In der 2. Welle ist das nicht passiert.“ Zudem habe es in der ersten Welle Grenzschließungen gegeben, in der 2. Welle nicht. „Das war uns relativ klar, dass wir was abkriegen werden“, sagt Ahrens am Telefon.

Wie in Thüringen gibt es in Sachsen Zehntausende, die aus Tschechien zur Arbeit pendeln. Im Nachbarland explodieren die Fallzahlen, aktuell liegt die Inzidenz dort bei 846. Hinzu kämen die Lockerungen zu Weihnachten und dass der Lockdown Light fast nichts brachte. Natürlich gebe es viele, die Regeln missachteten. Das hänge auch daran, dass es in Thüringen wie in Sachsen keine wirkliche erste Welle gab. Ahrens: „Kaum jemand kannte irgendwen, der Corona hatte.“

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Ahrens nerven Fernurteile zu möglichen Korrelationen zwischen AfD-Hochburgen, einem höheren Maß an Gegnern der Corona-Schutzmaßnahmen und den hohen Infektionszahlen, die etwa Forscher des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) Jena herstellen. „Die These ist Quatsch“, sagt Ahrens. Es gebe überall in Deutschland „ein gewisses Maß an Vollidioten“ und auf den „Querdenker“-Demos würden sich linke Esoteriker ebenso tummeln wie stramme Nazis. Die zeitweise sehr hohen Zahlen in Berlin-Neukölln hätten auch ihre speziellen Gründe, Stichwort Hochzeitsfeiern und anderes. Eine Verharmlosung des Virus sei nicht an politische Grundeinstellungen geknüpft. „Durch viele Bürgergespräche weiß ich, dass auch eine große Anzahl an AfD-Wählern das Virus sehr ernst nimmt und große Sorgen hat, einige hätten gerne einen viel härteren Lockdown.“

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Welche Verantwortung tragen Ramelow und Kretschmer?

Die Ministerpräsidenten Thüringens und Sachsens gehörten lange zur Fraktion der Bremser. Thüringens Regierungschef Ramelow (Linke) hat inzwischen eingeräumt, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) habe Recht behalten. Trotz seines Eingeständnisse blockierte sein Kabinett jüngst die Umsetzung der 15-Kilometer- Regelung, also die Einschränkung des Bewegungsradius, um Kontakte zu reduzieren. Dies ist nur als Empfehlung verabschiedet worden. CDU-Landeschef Christian Hirte postete bei Twitter demonstrativ ein Foto mit dem Kommentar: „Auch mehr als 15 km entfernt vom Heimatort kann man im Schnee sehr gut Abstand halten“. Es gab zudem eine teils sehr geringe Impfbereitschaft beim Personal in Kliniken und Pflegeheimen – Faktoren, die den Kampf gegen das Virus neben dem geringeren Rückhalt für bestimmte Maßnahmen erschweren.

Kretschmer räumt ebenfalls Fehler ein. Die Landespolitik sei „aufgrund der allgemeinen Stimmung zu zögerlich mit harten Maßnahmen gegen die Pandemie gewesen“, sagte er der „Freien Presse“. Mitte Oktober hatten die Ministerpräsidenten zunächst einen Lockdown blockiert. Kretschmer erntet viel Kritik, weil er erst aus Rücksicht auf die Bevölkerung – und damit eben auch AfD-Wähler – zu zögerlich gehandelt habe. Und der „Freien Presse“ sagte er, erst durch den Besuch mehrerer Kliniken in Sachsen am 11. Dezember sei ihm die Dramatik bewusst geworden. „Ich hätte mir gewünscht, dass ich früher gewarnt worden wäre.“ Das spricht nicht gerade für sein Krisenmanagement. Sein Kabinett hat nun für Sachsen als erstes Bundesland den eigentlich bis 31. Januar befristeten Lockdown bis 7. Februar verlängert. Neben zahlreichen Geschäften, Gastronomie und Kultur- wie Sporteinrichtungen bleiben Schulen und Kitas geschlossen.

Der schärfere Kurs trifft auf eine andere Krise: Die Stimmung wird aggressiver, in Sachsen bildet sich eine Art Corona-Pegida hinaus. Dass rund 30 Personen bei Kretschmers Privatgrundstück in Großschönau (Landkreis Görlitz) auftauchten, beunruhigt Sicherheitskreise. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sieht große Herausforderungen für den Verfassungsschutz bundesweit. „Aus bösen Gedanken werden böse Worte und irgendwann auch böse Taten“, sagte er der „Welt“.

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Wie ist die Situation in Krematorien und bei Bestattungsunternehmen?

Viel Zeit hat Jörg Schaldach nicht. Eben sind wieder zwei Lkw mit Särgen im Krematorium in Meißen vorgefahren. „Die Bestatter schaffen es nicht mehr mit ihren kleinen Transportern, deswegen mieten sie sich jetzt Lkw“, sagt Schaldach. Städtische Mitarbeiter, Hausmeister, sogar ein paar Bekannte, die in Kurzarbeit sind, helfen im Krematorium Meißen in diesen Tagen aus. Geschäftsführer Schaldach will ihnen wenigstens einen Kaffee spendieren – und ein paar tröstende Worte. Seine Leute sind am Limit. Seit Wochen arbeiten die 24 Mitarbeiter rund um die Uhr. 7 Tage die Woche in drei Schichten – Tag und Nacht. 60 Einäscherungen schaffen sie mit den beiden Öfen am Tag, im Dezember sind sie so auf 1375 verbrannte Särge gekommen, im Januar erwartet Schaldach bis zu 1600.

Seit drei Jahrzehnten ist Schaldach im Geschäft – oder wie er es sagt: „Eine Viertel Million Tote habe ich hinter mich gebracht.“ Doch so etwas wie jetzt, hat der 57-jährige Sachse noch nicht erlebt. Doppelt so viele Einäscherungen wie sonst, auf jedem zweiten Sarg stehe „Corona“. In Meißen liegt die 7-Tage-Inzidenz laut RKI aktuell bei 547 – bundesweit gibt es keinen Landkreis, der schlechter da steht. Im Krematorium in Meißen kommen aber auch Lkw-Lieferungen aus dem Erzgebirge, der Lausitz und dem Süden Brandenburgs an. Die ganze Region ist seit Wochen Corona-Hotspot. Für Schaldach ist die Pandemie natürlich keine Lüge oder Übertreibung. „Die, die das leugnen, sind Spinner“, sagt er nur. Bei aller Arbeit – allein für die Bürokratie braucht es aktuell drei statt einer Kraft – will sich Schaldach nicht beklagen. „Wir arbeiten im Bereich des Todes. In den Kliniken und Pflegeheimen arbeiten sie im Bereich des Sterbens – das ist noch viel stressiger.“

Stress kennt auch Steffi Wenk, Institutsleiterin der „LK Bestattungs- und Friedhofsdienste GmbH“ in Löbau im Landkreis Görlitz. „Momentan ist es extrem“, sagt die 42-jährige Bestatterin. Um fünf bis sechs Tote müssen sie und ihre drei Mitarbeiter sich aktuell täglich kümmern. „Normalerweise haben wir zwei Tote die Woche“, sagt sie. Ihre Kühlräume reichen nicht mehr aus. Zum Glück sei es Winter, da könne man die Leichen auch in anderen Räumen lagern. Mehr als die Hälfte der Toten seien mit oder an Corona gestorben. Dann müssen die Bestatter besonders vorsichtig sein.

Wenks Mitarbeiter tragen FFP3-Masken, doppelte Handschuhe und Schutzkleidung. Die Verstorbenen bekommen ein desinfiziertes Tuch auf das Gesicht gelegt, der Körper wird so wenig wie möglich bewegt und nicht in Totenkleidung, sondern eine Sterbehülle gepackt. „Viele Angehörige reagieren mit Unverständnis. Selbst wenn ihre Liebsten gestorben sind, glauben sie, dass Corona nur eine Grippe sei“, sagt Wenk. Sie will sich darüber nicht mehr ärgern. Doch die langen Gespräche, die vielen Toten gehen an die Substanz. Ein Mitarbeiter hat sich inzwischen krankgemeldet. „Ich weiß nicht, wie lange wir das noch aushalten.“

 

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