Was die Corona-Krise für die Armen in Lateinamerika bedeutet

Eine Frau in Buenos Aires mit einer Mahlzeit, die von einer karitativen Einrichtung gespendet wurde. [Juan Ignacio Roncoroni/EPA]

Die Corona-Krise hat die Wirtschaft in ganz Lateinamerika stark geschwächt. Hilfen erhalten – wenn überhaupt – nur die Ärmsten der Armen. Trifft die ökonomische Krise die Menschen härter als die Krankheit selbst?

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Wirtschaftlich scheint Lateinamerika zunächst das Schlimmste überstanden zu haben. Verglichen mit dem desaströsen zweiten Quartal, in dem die Bruttoinlandsprodukte der Region zehn bis 20 Prozent unter dem Vorjahresquartal lagen, ist in vielen lateinamerikanischen Ländern seit Juli eine gewisse Erholung zu sehen. Allerdings, prognostiziert der Finanzdienstleister S&P Global, wird es wohl bis 2022 dauern, bis die Region das Vorkrisenniveau zurückerlangt.

Mit der Krise wächst das Verarmungsrisiko für viele Lateinamerikaner: Laut einer Studie des CEQ Institute der Tulane-Universität in New Orleans haben Telefonumfragen ergeben, dass Haushalte dies besonders stark spüren, deren Einkommen vom sogenannten „informellen Sektor“ abhängt. Darunter versteht man unregistrierte Jobs, die dementsprechend keinerlei staatliche oder vertragliche Absicherung bieten.

„Die wenigsten dieser Menschen haben Ersparnisse“, sagt auch Merike Blofield, die Direktorin des GIGA Instituts für Lateinamerika-Studien in Hamburg. „Dienstleister oder Arbeiter im informellen Sektor verlieren in Krisen von heute auf morgen ihre Jobs – erst recht, wenn die Regierung einen Lockdown verfügt.“

Viele Regierungen haben mit Nothilfen reagiert, die das Armutsrisiko für die Begünstigten abmildern. Blofield hat an einer Studie mitgearbeitet, die Nothilfen und Maßnahmen gegen die Verbreitung von SARS-CoV-2 in zehn lateinamerikanischen Ländern beschreibt. An drei der vier größten Länder – Brasilien, Mexiko und Argentinien – zeigt sich, wie unterschiedlich die Programme wirken.

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Nur Mexiko und Brasilien ohne strikte Shutdowns

Bis heute hat Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro – trotz massiver Kritik von innen und außen – keine landesweiten Maßnahmen gegen COVID-19 ergriffen. Verpflichtende Abstandsregeln und Maskenpflicht, Schulschließungen oder Stilllegung des öffentlichen Nahverkehrs sowie Ausgangssperren wurden in Brasilien bisher ausschließlich auf lokaler oder bundesstaatlicher Ebene erlassen.

Die Maßnahmen im Nachbarland Argentinien gehören dagegen zu den drastischsten überhaupt: Bereits Mitte März verhängte die Regierung in Buenos Aires einen weitreichenden nationalen Lockdown, der erst im Juli langsam gelockert wurde und das Leben bis heute stark einschränkt.

Wirtschaftlich scheint Lateinamerika zunächst das Schlimmste überstanden zu haben. Verglichen mit dem desaströsen zweiten Quartal, in dem die Bruttoinlandsprodukte der Region zehn bis 20 Prozent unter dem Vorjahresquartal lagen, ist in vielen lateinamerikanischen Ländern seit Juli eine gewisse Erholung zu sehen. Allerdings, prognostiziert der Finanzdienstleister S&P Global, wird es wohl bis 2022 dauern, bis die Region das Vorkrisenniveau zurückerlangt.

Mit der Krise wächst das Verarmungsrisiko für viele Lateinamerikaner: Laut einer Studie des CEQ Institute der Tulane-Universität in New Orleans haben Telefonumfragen ergeben, dass Haushalte dies besonders stark spüren, deren Einkommen vom sogenannten „informellen Sektor“ abhängt. Darunter versteht man unregistrierte Jobs, die dementsprechend keinerlei staatliche oder vertragliche Absicherung bieten.

Auch die Andenländer Chile, Peru, Bolivien, Ecuador und Kolumbien haben weitreichende Schritte wie Ausgangssperren und Schulschließungen vollzogen – teils auf nationaler, teils auf regionaler Ebene. Unter den großen Ländern der Region ist nur Mexiko einen ähnlichen Weg gegangen wie Brasilien und hat kaum Anti-Corona-Maßnahmen ergriffen.

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Brasiliens Nothilfen verringern extreme Armut

Dennoch unterscheidet sich die Corona-Politik in Mexiko und Brasilien in einem entscheidenden Punkt: Während Mexikos Regierung keinerlei zusätzliche Sozialprogramme zur Linderung der ökonomischen Härten der Krise angeschoben hat, zahlt die brasilianische Regierung auf Druck von Opposition und Zivilgesellschaft eine großzügige „Nothilfe“ von 600 Real pro Monat, etwa 100 Euro, was mehr als einem halben Mindestlohn entspricht. Etwa ein Viertel der Bevölkerung profitiere davon, heißt es in der CEQ-Studie, in der die Forscher simulieren, welche Einkommensschichten wie stark von Verarmung bedroht sind.

Entsprechend treffe die Wirtschaftskrise die unteren Einkommensschichten Brasiliens nicht so hart wie die in Mexiko: Bis zu 45 Prozent der Mexikaner, die vor der Krise ein niedriges oder mittleres Einkommen bezogen, könnten in eine niedrigere Einkommensstufe abrutschen: Mittelschichtler werden arm, Arme werden sehr arm.

In Brasilien dürfte dieses Schicksal nur 15 bis 30 Prozent der Menschen ereilen, so die New Orleanser Forscher. „Studien zeigen, dass die Hilfsprogramme in Brasilien sogar dazu geführt haben, dass die extreme Armut zurückgegangen ist“, sagt GIGA-Wissenschaftlerin Blofield.

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Argentiniens Noteinkommen rettet kaum vor sozialem Abstieg

Auch insgesamt scheint Brasilien etwas schneller aus der Wirtschaftskrise zu kommen als die anderen Länder. Im dritten Quartal, heißt es in einer Analyse der niederländischen Bank ING, hätten das produzierende Gewerbe, der Bausektor und der Einzelhandel wieder deutlich zugelegt. Im regionalen Vergleich steche Brasilien damit hervor. Auch die Wirtschaftsanalysten von Focus Economics gehen mit einem Minus von 5,9 Prozent von einer vergleichsweise milden Rezession für Brasilien aus.

Dass dafür nicht allein die Sozialprogramme verantwortlich sind, zeigt der Vergleich mit Argentinien. Dort hat die Regierung ihren rigiden Lockdown Ende September noch einmal bis Mitte Oktober verlängert. Gleichzeitig profitiert etwa ein Fünftel der Argentinier vom „Noteinkommen für Familien“, das gemessen am argentinischen Mindestlohn der Nothilfe in Brasilien entspricht, gemessen an der Kaufkraft aber 80 Prozent darüber liegt.

Dennoch könnten nach CEQ-Prognosen in Argentinien mit bis zu 46 Prozent genauso viele Menschen in eine niedrigere Einkommensschicht rutschen wie in Mexiko. In Brasilien erwarten die Forscher dies für weniger als ein Drittel der Bevölkerung. Auch insgesamt, schätzt man bei Focus Economics, dürfte Argentiniens Wirtschaft in diesem Jahr fast doppelt so stark (11,5 Prozent) schrumpfen wie die Brasiliens. Für Mexiko sehen die Ökonomen ein Minus von 9,8 Prozent.

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Wie hoch ist der Tribut an COVID-19?

Bislang sterben in Argentinien laut Statistik weniger Menschen mit einer SARS-CoV-2-Infektion als in Mexiko und Brasilien. Wie sehr das an dem rigiden Lockdown liegt, ist fraglich. Denn Argentinien war über weite Strecken des 20. Jahrhunderts das wohlhabendere Land, die Lebensmittelversorgung war deutlich besser als im Rest Lateinamerikas.

Die COVID-19-Risikogruppe hatte in Argentinien wesentlich seltener mit Mangelernährung zu kämpfen als in Mexiko und Brasilien, was für eine gesündere Entwicklung spricht. Zudem hat Argentinien mit 400 Ärzten pro 100.000 Einwohner eine erheblich bessere Gesundheitsversorgung als Brasilien und Mexiko, wo es weniger als 240 sind.

Welche Faktoren in Corona-Zeiten zu den unterschiedlichen Wirtschaftsdaten und Armutsrisiken führen, ist seriös kaum festzustellen. Fakt ist aber, dass die Folgen der pandemiebedingten Wirtschaftskrise weit mehr Menschen treffen als die Krankheit selbst. In den zwölf größten Staaten Lateinamerikas, in denen mehr als 90 Prozent der Bewohner der Region leben, sind bislang 0,6 Promille der SARS-CoV-19-infizierten Bevölkerung verstorben.

Wie viele infolge der Wirtschaftskrise oder aufgrund der daraus resultierenden Mangelernährung krank werden und früher sterben, wird vermutlich nie ermittelt werden. Die Zahl dieser Opfer dürfte am Ende weit höher liegen als die der COVID-19-Toten.

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