Mehr Impfstoff für die EU – im Frühjahr

Die EU hat 300 Millionen weitere Dosen des derzeitigen Marktführers Pfizer/BioNTech bestellt und verfügt über Optionen für 2,3 Milliarden Dosen Impfstoff verschiedener Hersteller. [BaLL LunLa/Shutterstock]

Die EU-Kommission verteidigt ihre Impfstoff-Strategie und hofft auf Millionen weiterer Dosen verschiedener Hersteller in den nächsten Monaten. Neue Impfstoffe warten bereits auf ihre europäische Zulassung.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Während verschiedene EU-Länder über Lockdown-Verlängerungen debattieren und Italien bereits die Verlängerung seiner Corona-Beschränkungen bis April ankündigt, fragen sich viele EU-Bürger, warum es mit den Impfungen in Europa nicht schneller vorangeht. Während ihre Durchführung bei den einzelnen Mitgliedsländern liegt, die logistische Probleme selbst verantworten müssen, liegt die zentrale Beschaffung des Impfstoffes bei der EU-Kommission. Sie hat gerade 300 Millionen weitere Dosen des derzeitigen Marktführers Pfizer/BioNTech bestellt und verfügt insgesamt über Optionen für 2,3 Milliarden Dosen Impfstoff verschiedenster Hersteller, von denen die meisten in zwei Spritzen verabreicht werden müssen. Aber hat sie teilweise auf die falschen Pferde gesetzt und wird der Impfstoff zu langsam geliefert?

EU-weite Beschaffung alternativlos

Die Europäische Volkspartei (EVP) im Europaparlament, der auch Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen angehört, hilft der Brüsseler Behörde mit einer Art Entlastungsangriff. Die Lehre aus der Corona-Pandemie sei „mehr Europa“ in Form einer EU-Gesundheitsunion, sagte der EVP-Vorsitzende Manfred Weber. Er stellte auch noch einmal klar, dass die europäischen Kaufverträge für Impfstoffe vor nationalen Verträgen erfüllt werden. Darauf hatte auch die für das Ankaufprogramm zuständige Direktorin Sandra Gallina vor dem Europaparlament hingewiesen: „Unsere Dosen kommen zuerst“, sagte sie auf Fragen nach einem deutschen Sonderankauf des Pfizer/BioNTech-Impfstoffs.

Sie wies auch darauf hin, dass zu Beginn „dieses Abenteuers 165 mögliche Kandidaten für einen Impfstoff zur Auswahl standen“. Die Kommission habe auf wissenschaftlichen Rat gehört und schon im Sommer versuchen müssen, die plausibelsten Unternehmen auszusuchen. Und Kommissar Margitis Schinas verteidigt die Entscheidung für den gemeinsamen Ankauf des Impfstoffs: „Ohne gemeinsames Handeln hätten die großen Mitgliedsländer zu Lasten der mittleren und kleinen alles aufgekauft. Diese hätten sich niemals genug Impfstoff zu bezahlbaren Preisen sichern können“.

Bleibt die Kritik vor allem im Europaparlament an der mangelnden Transparenz beim Abschluss der Verträge. Inzwischen liegen sie teilweise in einem Leseraum im Parlament zur Einsicht aus. Wie also sieht es mit den Haftungsregelungen aus und wie kamen die Preise zustande? Antworten darauf kommen langsam, so sollen die Verhandlungen mit Pfizer über Haftungsfragen extrem schwierig gewesen sein. Der US-Pharmariese wollte sich weitgehend entlasten, so wird berichtet. Jetzt will Albert Bourla, der Vorstandsvorsitzende von Pfizer, auf Drängen von Europaabgeordneten prüfen, inwieweit Details der bislang geheimen Verträge öffentlich gemacht werden könnten.

Kommission: Keine "Parallel-Deals" bei der Impfstoffbeschaffung

Die EU-Kommission hat die Existenz von bilateralen Impfstoffverträgen zwischen einzelnen EU-Ländern und Herstellern dementiert. Allerdings steht dies in direktem Widerspruch zur Sicht der portugiesischen EU-Ratspräsidentschaft, die solche Deals vergangene Woche bestätigte.

Mehr Impfstoff und bessere Wirksamkeit?

Bourla verspricht auch eine massive Ausweitung bei der Produktion des Impfstoffes von BioNTech/Pfizer: Man ziele noch im Laufe des Jahres auf eine Gesamtproduktion von zwei Milliarden Dosen. Die EU wolle ihren Anteil jetzt von 300 auf 600 Millionen Dosen verdoppeln und habe auch auf schnellere Lieferung gedrängt. Aber das Unternehmen müsse die Forderungen der Europäer mit der weltweiten Nachfrage balancieren. Europa habe mit seiner Bestellung in der zweiten Phase schnell gehandelt und Pfizer könne im zweiten Quartal 2021 weitere 75 Millionen Dosen an die EU liefern, zusätzlich zu den Mengen seit Anfang des Jahres. „Für Europa gibt es Licht am Ende des Tunnels“, erklärt der Manager.

Ziemlich optimistisch ist er auch bei den weiteren drängenden Fragen im Zusammenhang mit dem Impfstoff aus seinem Unternehmen. Man sei jetzt dabei, ihn an Jugendlichen zwischen zwölf und 16 Jahren zu testen und die ersten Ergebnisse seien ermutigend. Bisher gilt die Zulassung der Europäischen Arzneimittelbehörde erst ab 16 Jahren. Für Kinder ist bisher noch kein Impfstoff zugelassen, weil es nicht genügend klinische Daten zur Verträglichkeit gab.

Die wichtigste Fragen aber ist derzeit, ob Geimpfte das Virus trotzdem weitergeben können. Hier hat der Pfizer-Chef noch keine eindeutige Antwort. Erste Daten aus Tierversuchen stimmten zuversichtlich, dass das Virus nicht weitergegeben werde. Die ersten gesicherten Angaben aber könnten die Forscher vielleicht Mitte Februar machen. Und wie lange die Wirksamkeit andauert, ist noch weitgehend offen. In den ersten klinischen Versuchen waren Probanden vor rund sechs bis sieben Monaten geimpft worden. Diese seien weiter geschützt. Man müsse also noch abwarten, ob sich die Wirkung über längere Zeit abschwäche und ob und wann eine Auffrischung der Impfung gebraucht werde.

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Weitere Impfstoffe auf der Warteliste

Seit dem 6. Januar ist auch der Impfstoff des US-Unternehmens Moderna in der EU zugelassen, eine erste Lieferung ist inzwischen in Irland und Bulgarien eingetroffen. Die EU will auch ihre Bestellung bei Moderna erhöhen. Bisher hatte sie Optionen auf 150 Millionen Dosen des Impfstoffes, ein Drittel davon soll sich Deutschland gesichert haben. Andere EU-Länder haben das Moderna-Präparat abgelehnt, da es im Vergleich zu anderen Impfstoffen mit rund 25 US-Dollar pro Dosis am teuersten ist. Da Moderna zum ersten Mal einen Impfstoff in dieser Größenordnung herstellen will, ist darüber hinaus nicht klar, wie schnell das Unternehmen liefern kann.

Viele Hoffnungen richten sich daher auf den Impfstoff der Firma AstraZeneca, den die Europäische Arzneimittel-Agentur voraussichtlich Ende des Monats zulassen wird. Er gilt als leicht zu handhaben und preiswert, so dass manche EU-Länder darauf setzen, ihn flächendeckend anzuwenden. Hier hat die EU bereits 400 Millionen Dosen bestellt, und der Hersteller verspricht, im Laufe dieses Jahres drei Milliarden Dosen des Impfstoffs zu produzieren. AstraZeneca ist eines der größten weltweiten Pharmaunternehmen mit viel Erfahrung in der Impfstoffproduktion und kann seine Zusagen vermutlich einhalten.

Im Februar könnte dann ein weiter Impfstoff zugelassen werden, ein Präparat von Johnson &Johnson, das in den Niederlanden hergestellt wird, wie EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides am Mittwoch ankündigte. Damit wären dann vier verschiedene Impfstoffe auf dem europäischen Markt, was den Zugriff der Mitgliedsländer schlagartig erhöhen und die Reihenimpfungen der EU-Bürger im zweiten Quartal erkennbar beschleunigen dürfte.

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