EU trotz neuer Behandlungsmöglichkeiten nicht auf Alzheimer vorbereitet

"Wenn sich die Behandlung und Vorbeugung von Alzheimer und anderen Demenzformen nicht wesentlich ändert, wird sich die Zahl der Demenzkranken bis 2050 fast verdoppeln und auf 14,3 Millionen steigen," sagte Jean Georges, der Geschäftsführer von Alzheimer Europe. [SHUTTERSTOCK/Chinnapong]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Alzheimer-Krankheit testet EU-Bereitschaft

Die Länder der Europäischen Union hinken bei der Bekämpfung der Alzheimer-Krankheit immer noch hinterher. Derweil fordert die Weltgesundheitsorganisation dringende Maßnahmen, da sich die Zahl der Alzheimer-Fälle in der europäischen Region voraussichtlich verdoppeln wird.

Gleichzeitig mangelt es nationalen Gesundheitssystemen der ganzen Union an geeigneter Infrastruktur, die notwendig ist, um vielversprechende neue Therapien einzuführen.

Im Jahr 2018 sollen ungefährt 7,8 Millionen EU-Bürger mit Demenz gelebt haben, von denen zwei Drittel Frauen waren. Das entgeht einer Schätzung von Alzheimer Europe, eine Nichtregierungsorganisation, die Demenzpatienten vertritt. Die Alzheimer-Krankheit (AD) macht zwischen 60 und 80 % dieser Demenzfälle aus.

Jean Georges, der Geschäftsführer von Alzheimer Europe, erklärte, dass diese Zahlen aufgrund der alternden Bevölkerung in Europa steigen und sich in Zukunft voraussichtlich verdoppeln werden.

„Wenn sich die Behandlung und Vorbeugung von Alzheimer und anderen Demenzformen nicht wesentlich ändert, wird sich die Zahl der Demenzkranken bis 2050 fast verdoppeln und auf 14,3 Millionen steigen. Es sollte daher klar sein, dass dringend europaweite Maßnahmen zur Unterstützung der Demenzforschung und -pflege erforderlich sind“, sagte er gegenüber EURACTIV.

Das neue Medikament

Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat im Juni letzten Jahres Aduhelm (Aducanumab) zur Behandlung von Alzheimer zugelassen, das auf die frühen Stadien der Krankheit abzielt. Die Zulassung des Medikaments hat in den USA heftige Reaktionen ausgelöst und sogar innerhalb der FDA zu Uneinigkeit geführt.

Kritiker verweisen auf die hohen Kosten des Medikaments, die auf etwa 48 000 Euro pro Jahr geschätzt werden.

Das Medikament wurde auch bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zur Zulassung eingereicht und befindet sich in einem späten Stadium der Prüfung.

Doch selbst wenn dieses Medikament oder eine andere innovative Therapie zugelassen wird, sind die europäischen Gesundheitssysteme nach Ansicht von Kritikern noch nicht in der Lage, ihr Potenzial nutzen zu können.

Laut einer Umfrage von Alzheimer Europe unter mehr als 1400 pflegenden Angehörigen in fünf europäischen Ländern (Tschechische Republik, Finnland, Italien, Niederlande und Schottland) gibt es erhebliche Verzögerungen in der Diagnose von Alzheimer: Im Durchschnitt dauerte es 2,1 Jahre, bis eine Diagnose gestellt wurde (von 1,6 Jahren in der Tschechischen Republik und Italien bis 2,5 Jahren in Schottland).

Die größten Hinternisse sind für Georges die mangelnde Aufklärung der Familien der Patienten, aber auch der Fachkräfte des Gesundheitswesens. Dazu kommen die Verleugnung und das empfundene Stigma der Betroffenen sowie Infrastrukturprobleme, die zu langen Wartezeiten für den Zugang zu Fachärzten oder Spezialdiagnostik wie Hirnscans führen können.

„Mit neuen Behandlungen, die sich hoffentlich auf die früheren Stadien der Alzheimer-Krankheit konzentrieren (z. B. auf das Stadium der leichten kognitiven Beeinträchtigung oder der leichten Demenz), werden sich diese Herausforderungen noch weiter verschärfen“, betonte Georges.

Die Regierungen, so fügte er hinzu, müssten in Sensibilisierungskampagnen und die medizinische Ausbildung von Haus- und Fachärzten investieren. Gleichzeitig müssten sie spezialisierte Infrastruktur entwickeln, die notwendig sei, damit die Menschen eine rechtzeitige Diagnose erhalten und Zugang zu neuen Behandlungen bekommen.

Auf die Frage von EURACTIV, ob Europa bereit sei, Aducanumab zu nutzen, antwortete ein Sprecher der Europäischen Kommission, dass die Exekutive nicht in der Lage sei, sich zu einzelnen Produkten zu äußern, solange ein Zulassungsantrag anhängig sei.

Alzheimer entwickelt sich 20 Jahre vor den Symptomen

-Der Europäische Verband der Pharmazeutischen Industrien und Verbände (EFPIA) erklärte in einer E-Mail-Antwort, dass die Gesundheitssysteme in den meisten EU-Mitgliedstaaten nicht auf die Einführung krankheitsmodifizierender Arzneimittel vorbereitet seien.

„Es muss viel mehr in Diagnoseeinrichtungen und Behandlungspfade investiert werden, und es wird mehr geschultes Personal benötigt, um Demenzpatienten zu diagnostizieren, zu behandeln und ihren Fortschritt zu überwachen“, sagte EFPIA und fügte hinzu, dass ein besonderer Schwerpunkt auf die Früherkennung von kognitiven Beeinträchtigungen und Demenz gelegt werden müsse.

Für die pharmazeutische Industrie sollte Europa auch erheblich in die Aufklärung der Krankheit investieren, die sich laut EFPIA 20 Jahre vor den Symptomen entwickelt.

„Die Öffentlichkeit muss sich dieser Tatsache bewusst sein, um Symptome so früh wie möglich zu erkennen. Auch die Angehörigen der Gesundheitsberufe müssen geschult werden, damit sie Alzheimer in einem früheren Stadium erkennen können“.

Die Pharmaindustrie sagte, es bedürfe einer starken Führung, um Alzheimer als nächste gesundheitspolitische Priorität voranzutreiben: „Dies sollte auf europäischer Ebene beginnen und bis zu den nationalen Gesundheitssystemen durchdringen”.

Die Zivilgesellschaft und die Industrie fordern die Entwicklung eines europäischen Action Plan nach dem Vorbild des Plans zur Krebsbekämpfung. So solle man sicherstellen, dass Demenz eine Priorität in den EU4Health und Horizon Europe Programmen wird.

Auf die Frage, ob die Exekutive einen EU-weiten Plan zu Alzheimer vorantreiben wolle, sagte ein Sprecher der Europäischen Kommission, der Schwerpunkt liege auf der allgemeinen Gesundheitsförderung und der Krankheitsvorbeugung anstelle von krankheitsspezifischen Strategien. Dazu bemühe man sich außerdem um die Stärkung der nationalen Gesundheitssysteme.

„Die Kommission ist sich bewusst, welche Belastung die Alzeimer-Krankheit für die Gesundheit und das Wohlbefinden ist. Sie hat einen umfassenden Ansatz zur Bekämpfung nicht übertragbarer Krankheiten, einschließlich psychischer und neurologischer Störungen, angesetzt“, so der Sprecher der Kommission.

Unter Bezugnahme auf die EU-Arzneimittelstrategie sagte der Sprecher, die Kommission erkenne an, dass „Behandlungen für wichtige Krankheiten, z. B. neurodegenerative Erkrankungen und Krebserkrankungen bei Kindern, noch immer fehlen“.

„Dazu gehört natürlich auch die Alzheimer-Krankheit. Es ist Teil der Strategie, über einen besseren pharmapolitischen Rahmen nachzudenken, um Innovationen in Bereichen mit ungedecktem Bedarf zu fördern”.

Der Beamte sagte auch, dass es noch zu früh sei, um zu sagen, ob das EU4Health-Arbeitsprogramm 2022 Alzheimer explizit einschließen werde, da die Diskussionen mit den Mitgliedstaaten noch andauerten.

„Eine positive Stellungnahme im EU4Health-Programmausschuss ist für die Annahme des Programms notwendig“, sagte der EU-Beamte und fügte hinzu, dass die Kommission das Arbeitsprogramm voraussichtlich bis Ende 2021 annehmen wird.

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