Deutschland Vorreiter bei Behandlung von metastasiertem Brustkrebs

Nach Schätzungen des Zentrums für Krebsregisterdaten (ZfKD) am Robert Koch-Institut gibt es jährlich rund 18.000 neue Falle von metastasierendem Brustkrebs in Deutschland. [siam.pukkato/shutterstock]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Metastasierender Brustkrebs: Noch einiges zu tun

Das deutsche Gesundheitssystem ist bei der Verfügbarmachung von Medikamenten zur Behandlung von metastasierendem Brustkrebs europaweit Vorreiter. Probleme gibt es aber dennoch, denn einige wichtige Medikamente wurden in der Vergangenheit vom Markt genommen.

Nach Schätzungen des Zentrums für Krebsregisterdaten (ZfKD) am Robert Koch-Institut gibt es jährlich rund 18.000 neue Falle von metastasierendem Brustkrebs in Deutschland.

Zwar ist metastasierender Brustkrebs nicht heilbar, moderne Therapieformen erlauben es aber die Lebensqualität der Patienten maßgeblich zu erhöhen und ihre Lebenszeit zu verlängern, weshalb eine schnellstmögliche Behandlung der Erkrankung unerlässlich ist.

Gerade was die Verfügbarmachung von neuen Therapieformen anbelangt ist Deutschland hier europaweit Vorreiter.

„Generell würde ich sagen, dass Deutschland eines der bestversorgenden Ländern ist,“ sagte Diana Lüftner, Vorstand der Deutschen Stiftung für Junge Erwachsene mit Krebs gegenüber EURACTIV.

Denn, vom Tag an dem die Europäische Arzneimittel-Agentur (ENA) einen Wirkstoff zulässt, haben alle gesetzlich versicherten Patient:innen einen Anspruch auf das neue Medikament, wobei die Kosten von den Krankenkassen übernommen werden.

„Damit haben wir ein Alleinstellungsmerkmal, denn das ist in anderen Ländern nicht die Regel, dort wird doch sehr viel mehr eingeschränkt oder die Zulassung verzögert,“ betonte Lüftner weiter.

Medizinische Versorgung

Während in anderen Ländern erst langwierige Preisverhandlungen zwischen den Krankenversicherungsträgern und den Pharmakonzernen stattfinden, bevor das Medikament auf den Markt kommt, ist der Prozess in Deutschland gerade andersherum.

Nachdem die EMA ein Medikament zulässt kommt es direkt auf den deutschen Markt und ist dort für Patient:innen verfügbar. Im ersten Jahr kann der Hersteller dann den Preis für das Medikament selbst frei bestimmen während die Krankenkassen die Kosten für die Behandlung übernehmen.

„Alle gesetzlich versicherten Patienten haben Anspruch auf die Innovationen, die zugelassen sind, und da ist Deutschland glaube ich schon nahezu einzigartig,“ sagte Eva Schumacher-Wulf, Chefredakteurin des Brustkrebsmagazins Mamma Mia gegenüber EURACTIV.

Die Preisverhandlungen zwischen den Herstellern und dem Gemeinsame Bundesausschuss – das höchste Beschlussgremium der Krankenkassen, Ärzte und Krankenhäuser – beginnen dann nachgelagert nach einem Jahr, basierend auf einer Zusatznutzenbewertung – das sogenannte AMNOG-Verfahren.

Gerade hier setzt jedoch einer der wesentlichen Kritikpunkte des Systems an. Denn in der Vergangenheit kam es bereits vor, dass Medikamente zur Behandlung von metastasierendem Brustkrebs vom Hersteller vom Markt genommen wurden, nachdem die Verhandlungen scheiterten.

So betonte auch Schumacher-Wulf, dass die Preisverhandlungen oft „nicht immer im Sinne der Patienten enden.“

Deutsche Patienten sind dann auf individual-Importe aus anderen Ländern angewiesen, denn die Wirkstoffe ist in der EU immer noch zugelassen. Dies ist jedoch einerseits mit einem hohen bürokratischen Aufwand verbunden, gleichzeitig erhöhen sich aber auch die Kosten durch die Einfuhr.

Medikamente vom Markt genommen

In der Vergangenheit wurden bereits Medikamente zur Behandlung von Brustkrebs vom deutschen Markt genommen, da der Gemeinsame Bundesausschuss den Preisforderungen nicht nachkommen wollte.

Inzwischen wird das Medikament aus Österreich importiert, wo es nicht nur zugelassen, sondern auch am preisgünstigsten ist.

Als Grund für das Platzen der Verhandlungen wurde vom Gemeinsamen Bundesausschuss der fehlende Zusatznutzen angegeben, eine Ansicht die von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinischer Onkologie, die Defizite in der Bewertungsmethodik des Gemeinsamen Bundesausschusses ausmacht, jedoch bestritten wird.

„Man müsste diesen systematischen Fehler einfach mal politisch aufarbeiten,“ sagte Lüftner gegenüber EURACTIV. Zwar sei das AMNOG-Verfahren grundsätzlich positiv, aber hier hat es „Substanzen getroffen, die wir im Einzelfall sehr gut gebrauchen könnten und da ist die Gefahr einer Fehlversorgung schon sehr groß,“ betonte sie weiter.

Dass ein Hersteller zu einem so drastischen Schritt übergeht und gleich ein ganzes Medikament vom lukrativen deutschen Markt nimmt hat mehrere Gründe.

So spekulieren Unternehmen einerseits darauf, durch eine Verbesserung der Datenlage eine stärkere Position in den Preisverhandlungen zu bekommen, und halten deshalb ihre Medikamente kurzfristig vom deutschen Markt zurück.

Noch entscheidender ist aber, dass sich weltweit über 30 Länder am Ausgang des deutschen AMNOG-Verfahrens für ihre eigenen Preisverhandlungen orientieren.

Wenn die Hersteller also in Deutschland ihre Preisvorstellungen nicht durchsetzen können, „verzichten sie dann lieber auf die Markteinführung in Deutschland und haben dafür in über 30 Ländern einen vernünftigen Preis,“ sagte Lüftner.

Früherkennung

Ein anderer kontrovers diskutierter Punkt ist die Früherkennung. Diese ist insbesondere im vor-metastasierten Stadium essenziell, da Brustkrebs hier noch heilbar ist.

„Insgesamt ist es wichtig, dass die Krankheit möglichst früh entdeckt wird,“ betonte Schumacher-Wulf.

Bereits zwischen 2004 und 2009 hat Deutschland ein Brustkrebs-Screening-Programm zur Früherkennung flächendeckend eingeführt. Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren werden alle zwei Jahre schriftlich zu einer Screening Untersuchung eingeladen.

Zudem wird derzeit eine Ausweitung der Altersgrenze auf alle Frauen zwischen 45 und 74 Jahre vom Gemeinsamen Bundesauschuss diskutiert. Die europäische Brustkrebsleitlinie enthält nämlich die Empfehlung die Screenings auf diese Altersgruppen auszuweiten.

Unter Experten herrscht jedoch Uneinigkeit über die Sinnhaftigkeit einer solchen Ausweitung.

So betonte etwa Schumacher-Wulf, dass es mehr Angebote, gerade auch für jüngere Frauen geben müsste. „Ich meine 50 ist einfach zu spät,“ sagte sie weiter.

Lüftner wiederum sagte, dass die Ausweitung der Altersgrenze nach unten wenig zielführend sei, denn Brustkrebs trete vor allem bei Frauen über fünfzig auf.

Vorsorgeuntersuchungen bei jüngeren Patient:innen würden nur zur überflüssigen Biopsien und anderen Untersuchungen führen und „das ist nicht der Sinn und Zweck des Screenings,“ sagte sie weiter.

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