Berliner Nachtleben mit Sperrstunde

Ab 11 müssen die Berliner Pubs schließen. [CLEMENS BILAN/EPA]

Hotspot Berlin: Wegen der hohen Corona-Infektionszahl hat die Hauptstadt eine nächtliche Sperrstunde verhängt. Am ersten Wochenende mit den neuen Regeln war die Club- und Barszene vor allem eines: düster.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Es ist kurz vor Mitternacht. Im sonst so geschäftigen Berliner Stadtteil Friedrichshain beginnt gleich die Sperrstunde. Eine Gruppe Freunde verlässt mit einer Kiste Bier einen Späti – einen typischen Berliner Minimarkt. Sie scherzen, dass sie jetzt hamstern müssten. Sie stocken ihre Vorräte auf, bevor sie gleich nicht mehr raus dürfen. Das Versprechen „24 Stunden geöffnet“ kann der Späti-Besitzer dieser Tage nicht mehr halten.

In einem benachbarten Döner-Laden landet das letzte Stück Fleisch im Fladenbrot – natürlich zum Mitnehmen. Ein Stück weiter sitzen noch einige Gäste in einer Instagram-tauglichen Bar voller Grünpflanzen. Die Kunden haben es nicht eilig, ihr Craftbeer oder den Cocktail auszutrinken.

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Niemand geht eilig nach Hause

Es schlägt Mitternacht. In den darauffolgenden Minuten verlassen die Gäste nur langsam die Sitzplätze im Freien. Tische und Stühle werden aneinandergekettet, während die sich Bürgersteige mit Nachtschwärmern füllen, die noch nicht nach Hause gehen wollen.

Das sonst so aufregende und abwechslungsreiche Berliner Nachtleben erlebt zum ersten Mal seit mehr als 70 Jahren eine Sperrstunde. Ob die Berliner ihr Pils hinter den Gardinen einer Eckkneipe genießen und über Gott und die Welt reden oder ob die Clubbesucher bis weit nach Sonnenaufgang am Sonntagmorgen feiern – sie haben das Alles-ist-möglich-Nachtleben geprägt, das seit dem Fall der Mauer zum Synonym für die deutsche Hauptstadt geworden ist.

Corona kappt das Berliner Nachtleben

Die Zahl der täglichen Neuinfektionen mit dem Coronavirus steigt allerdings rasch und hat die Berliner Laissez-faire-Nächte fürs erste beendet. Alle Geschäfte, einschließlich Bars, Restaurants, Diskotheken und Spätis, müssen seit diesem Wochenende zwischen 23 und 6 Uhr schließen. Diese Regel gilt bis mindestens 31. Oktober. Eigentümer, die gegen die Sperrstunde verstoßen, müssen mit Geldstrafen von bis zu 5000 Euro rechnen.

Salama bedient in seiner Bar seit 25 Jahren Gäste. „In der aktuellen Situation ist es richtig, so zu handeln“, sagt er, während er Aschenbecher von den Tischen draußen einsammelt und drinnen „Love Shack“ von der Rockband The B-52s aus den Lautsprechern dröhnt. Dennoch machen die langfristigen Folgen der Sperrstunde Salama Sorgen. Er vermutet, er könnte rund 15 Prozent seines Umsatzes verlieren. „Erst mal komme ich klar“, sagt er. „Aber es kommt drauf an, wie lang die neuen Maßnahmen andauern.“

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Sperrstunde „absolut notwendig“

Gerd, Patrick und Johann sehen das ähnlich. Die Mittfünfziger laufen gerade nach Hause. Die Sperrstunde sei „absolut notwendig“, sagen sie. „In unserem Alter gehören wir wohl technisch gesehen zur Hochrisikogruppe“, ergänzt Gerd und lacht. „Aber selbst wir wollen am Wochenende ein Bier genießen.“ Währenddessen winkt Johann einer Gruppe 20-Jähriger, die in letzter Minute im Späti einkaufen waren. „Jetzt ist es aber Zeit der Gefahrenzone zu entkommen“, sagt er. „Guck, die rücken alle näher zusammen. Irgendetwas sagt mir, dass sie die Ausgangssperre nicht ganz so ernst nehmen.“ Nach den neuen Regeln dürfen sich draußen außerhalb der Geschäftszeiten nur noch fünf Personen treffen oder Mitglieder von zwei Haushalten.

Vor neonbeleuchteten Schaufenstern stehen ein paar Leute zusammen, darunter die 25-jährige Eilen und der 34-jährige Dominik. „Das ist ein massiver Fehler“, kritisiert Eilen die Sperrstunde. „Am Ende der Woche wollen wir einfach nur raus und feiern. Aber jetzt wird schon wieder die Berliner Clubszene attackiert – aber als ich neulich in einem Club war, haben dort mehr Leute Maske getragen als in so manchem Restaurant.“

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Clubs und Bars als „Sündenbock“

Dominik sagt, er glaube, dass die Berliner Behörden einen Sündenbock brauchen. „Die Clubs und Bars müssen den Preis für das Coronavirus zahlen. Aber das tatsächliche Problem sind die privaten Partys“, sagt er. „Bei den Feiern Zuhause hält niemand Abstand oder trägt Maske.“ Zudem befürchtet er, die Lage könne noch schlimmer werden, „wenn die Leute anfangen, noch mehr drinnen als draußen oder in Bars zu feiern“. Dominik und Eilen ziehen weiter, auf der Suche nach der nächsten angesagten Party. Bis sie die gefunden haben, hält Eilen ihre Flasche Rotkäppchen-Sekt fest im Arm.

Die beiden sind nicht die einzigen, die über die neuen Maßnahmen unglücklich sind. Lutz Leichsenring ist Sprecher der Berliner Interessenverbandes Clubcommission. Er hält die Sperrstunde für eine politische Geste. In den vergangenen Wochen und Monaten hätten sich die Clubbetreiber und Eventmanager „fast ohne Ausnahme verantwortungsvoll verhalten“, so Leichsenring.

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Schnelltests als Alternative

Als Alternative zur Sperrstunde hat die Clubcommission Schnelltests vorgeschlagen, die vor den Clubs angeboten werden könnten. Die Tests wären freiwillig, die Clubbesucher müssten sie selbst bezahlen und es wäre „ausgebildetes medizinisches Personal“ anwesend. Laut Experten sind die Ergebnisse dieser Schnelltests aber nicht so sicher wie Labortests.

Währenddessen haben einige Berliner Gastronomen bereits rechtliche Schritte gegen die Sperrstunde eingeleitet. Eine Entscheidung über den Eilantrag beim Berliner Verwaltungsgericht wird allerdings frühestens kommende Woche erwartet.

Mittlerweile ist es fast ein Uhr nachts in Friedrichshain. Ein Polizeiauto fährt in Schritttempo über das Kopfsteinpflaster einer Seitenstraße. Der Beamte auf dem Beifahrersitz späht aus dem heruntergelassenen Fenster. Der libanesische Imbiss an der Ecke ist der einzige Ort, aus dem noch Licht auf die Straße scheint. Da das Ordnungsamt um diese Zeit nicht mehr besetzt ist, müssen die Polizisten die Sperrstunde durchsetzen. In dieser Nacht eingreifen sie aber nicht ein. Sie fahren weiter.

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Keine Nachtschwärmer – kein Verdienst

Imbissmitarbeiter Douad sieht das Polizeiauto vorbeifahren, beugt sich aus dem Fenster und schaut auf die Straße. „Ich verstehe nicht, warum sie die Restaurants schließen“, sagt er. „Die Situation ist ernst. Aber guckt doch mal in die S- und U-Bahn-Züge in der Innenstadt. Die Leute stehen dort gequetscht wie Sardinen. Ich meide den öffentlichen Nahverkehr im Moment. Es ist unheimlich. Und trotzdem sind es die Restaurants, die schließen müssen.“

In einer normalen Nacht würde er sich jetzt auf die Welle an Nachtschwärmern vorbereiten, die zu später Stunde noch eine Stärkung brauchen. „Jetzt ist hier niemand mehr auf dem Heimweg, weil alles schon zu hat“, sagt er. „Aber wir müssen arbeiten. Wir müssen Rechnungen bezahlen. Wir müssen uns unsere Familie versorgen.“

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