UNICEF: „2016 war für Kinder das schlimmste Jahr in der Geschichte“

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Syrien: Der zehnjährige Abdulaziz verbringt seine Freizeit mit Freunden im ‘Land of Childhood’, einem unterirdischen Spielplatz. [UNICEF]

Von Aleppo über den Jemen bis zum Südsudan herrscht Bildungsnotstand. Eine Rekordzahl von Kindern könne aufgrund von Konflikten und anderen Notlagen nicht die Schule besuchen, warnt UNICEF im Interview mit EURACTIV Brüssel.

Justin Forsyth ist stellvertretender Exekutivdirektor des UN-Kinderhilfswerks (UNICEF). Davor war er als Vorstandsvorsitzender der Kinderrechtsorganisation Save the Children und als Berater des ehemaligen britischen Premierministers Tony Blair tätig.

EURACTIV: Worum geht es bei der heutigen Veranstaltung (6. Dezember 2016)?

Forsyth: Es geht darum, auf Bildungsnotstände aufmerksam zu machen. Wir haben bereits gute Fortschritte erzielt, wenn es darum geht, Kinder allgemein einzuschulen. In Krisenzeiten brechen jedoch viele die Schule ab, obwohl sie das nicht müssen. Oder aber sie hören auf, zu lernen. Es gibt kaum humanitäre Hilfe für dieses Problem. Daher sind Kommissar [Christos] Stylianides und all die Kinder heute hier, um die Trommel für Bildung in Notsituationen zu rühren.

Justin Forsyth

Justin Forsyth

Ob in Aleppo, im Südsudan oder im Jemen – wir müssen uns fragen, wie wir Kinder in humanitären Notständen in der Schule halten können. Bisher haben uns schon einige inspirierende Geschichten gezeigt, dass es möglich ist.

Laut UNICEF befinden sich 462 Millionen Kinder in einer „Notlage“ und etwa 75 Millionen können nicht zur Schule gehen. Was wollen Sie ganz konkret zum Beispiel in finanzieller Hinsicht erreichen, um dieses Problem anzugehen?

Die EU, einer der größten Geber von Hilfsgeldern weltweit, hat früher zum Beispiel nur zwei Prozent oder zumindest wenige Prozent ihres humanitären Hilfsbudgets für Notlagen aufgewendet. Dann hat sich Kommissar Stylianides eingeschaltet und gesagt, man habe inzwischen vier Prozent ausgegeben. Jetzt sollen es sechs Prozent und in Zukunft sogar noch mehr werden. Ziel ist es also, eine hohe Summe an Geldern zu mobilisieren. Das betrifft jedoch nicht nur die EU. Auch die Weltbank und bilateral die britische, norwegische und US-amerikanische Regierung werden in dieser Hinsicht weitaus mehr Mittel zur Verfügung stellen. So lassen sich greifbare Ergebnisse erzielen.

In Aleppo gibt es selbst inmitten des wütenden Konflikts unterirdische Schulen, an denen Kinder unterrichtet werden – finanziert aus EU-Geldern. Auch in den jordanischen und türkischen Flüchtlingslagern, in denen viele Kinder anfangs nicht zur Schule gehen konnten, wurde viel erreicht. In Jordanien zum Beispiel besuchen inzwischen fast alle Kinder die Schule. In der Türkei bleibt noch Einiges zu tun, aber in Jordanien hat sich wirklich viel getan. Hier wird es keine „verlorene Generation“ an Kindern geben, die auf Bildung verzichten muss. Denn wir wissen, es würde ihnen schaden.

Allerdings lassen sich auch sehr negative Folgen für die Gemeinden und Gesellschaften beobachten. Im Nahen Osten zum Beispiel sind viele anfällig für Rekrutierungsversuche durch Extremisten.

Sie haben Syrien und Aleppo angesprochen. Das ist natürlich zurzeit ein brandaktuelles Thema. Im Gespräch mit mehreren NGOs ist mir jedoch in den letzten Monaten klar geworden, dass das Thema Syrien viele andere Konflikte aus unserem Sichtfeld verdrängt. Immerhin gibt es ja auch noch den Jemen, die Situation um den Tschadsee in Afrika…

Absolut. Ich war über den Sommer gerade im Südsudan, wo 50 Prozent der Kinder nicht zur Schule gehen. Das ist eine wahre Tragödie. Wir haben gerade angefangen, Fortschritte vor Ort zu machen, als zwei Anführer diesen Konflikt wieder lostraten. Im Juli sind deswegen wieder massenhaft Menschen vertrieben worden. Zahlreiche Kinder sind unterernährt. Viele wurden aber auch dazu gedrängt, die Schule zu verlassen. Bewaffnete Gruppe haben nicht nur allgemein gegen die Menschenrechte verstoßen, sondern auch Kinder als Soldaten rekrutiert.

Ich habe eine sehr abgelegene Gegend im Südsudan besucht, Bentu. Dort leben Tausende Menschen, die vom Krieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Im Flüchtlingslager haben sie Schulen ins Leben gerufen, in denen Kinder inzwischen wieder lernen können. Und sie sind mit viel Eifer und Enthusiasmus dabei, weil es ihnen inmitten des Konflikts ein Stückchen Normalität zurückgibt und sichergestellt wird, dass sie keine Bildungschancen verpassen.

Ich stimme Ihnen also voll und ganz zu. Nicht nur im Südsudan, sondern auch in Nordnigeria wüten Konflikte. Boko Haram hat ganz gezielt etwa 3.000 Schulen angegriffen. Während man sie zurückdrängte, gelang es nach und nach, wieder mehr Kinder in den betroffenen Gegenden zu unterrichten. Nicht nur in Syrien sind Kinder auf der Flucht.

Ich denke, Bildung bereitet vor allem – so schrecklich die Situation der Kinder zurzeit ist – auf das spätere Leben vor. Wenn man also nichts lernt, ist es schwierig, später eine zweite Chance zu bekommen.

Das ist in der Tat ein großes Problem, auch wenn man später vielleicht einen Teil des Stoffes nachholen kann. Hierfür bieten wir bereits ein Programm für etwas ältere Kinder an. Besser ist es natürlich, wenn man von vornherein nichts verpasst. Denn solche Kinder werden häufiger Opfer von Missbrauch oder müssen in Fabriken arbeiten, wie das gerade in der Türkei der Fall ist. Darüber hinaus sind Schulen auch ein Hort der Sicherheit. Kinder zu unterrichten hat also zweierlei Vorteil.

Und es müssen nicht einmal offizielle Schulen sein. Im Südsudan habe ich Freiluft-Schulen besucht, Zelte in einem der Flüchtlingslager. In Aleppo gibt es, wie gesagt, die unterirdischen Schulen. Wir müssen das Beste aus diesen schwierigen Situationen machen. Wichtig ist, dass man einen sicheren Ort für Kinder schafft.

Wie schätzen Sie jetzt im Dezember das Jahr 2016 aus entwicklungspolitischer und humanitärer Sicht ein? In London gab es die Syrien-Geberkonferenz, in Istanbul den Internationalen Humanitätsgipfel und auch den neuen EU-Entwicklungskonsens. Trotzdem scheint der Syrien-Konflikt kein Ende zu nehmen. Millionen von Flüchtlinge leben inzwischen in benachbarten Ländern, ganz zu schweigen von Europa. Gibt es einen Hoffnungsschimmer für 2017?

2016 war für Kinder wahrscheinlich das schlimmste Jahr in der Geschichte. Wenn man die Lage in Syrien, im Jemen, im Südsudan und in Nordnigeria zusammennimmt, sind deutlich mehr Kinder weltweit auf der Flucht. Sie fliehen vor Banden-Gewalt in Zentralamerika oder überqueren das Mittelmeer von Libyen aus. Es gab kaum Jahre, in denen Kinder unter so viel Gewalt gelitten haben – ganz zu schweigen von den verpassten Bildungschancen.

In Syrien sind die Aussichten meiner Meinung nach sehr düster. An einigen der belagerten Orte, in denen wir tätig sind, ist inzwischen Hilfe angekommen, größtenteils in Ost-Aleppo, aber generell nicht viel und bei Weitem weniger als in den vorigen Jahren. Dieser Konflikt ist noch nicht einmal sechs Jahre alt, doch das Leid ist schon jetzt unerträglich.

Ein Mitarbeiter hat mir erzählt, dass Ärzte in Ost-Aleppo, die wir finanzieren und mit denen wir arbeiten, keine Medikamente mehr haben. Sie müssen also buchstäblich entscheiden, welche Kinder zu leben und zu sterben haben. Es gibt Hunderte verletzter Kinder, die wir nicht evakuieren können.

Sie können sich das Grauen nicht vorstellen. Die Menschen beginnen, alle Hoffnung fahren zu lassen. Es gab da mal die Geschichte einer Mutter, die ihren Ehemann und zwei Söhne verloren hatte und daraufhin versuchte, sich und ihr Baby zu ermorden. Am Anfang des Konflikts hatten die Menschen noch Hoffnung, zurückzukehren und eine Zukunft zu haben. Jetzt sind sie, denke ich, nur noch verzweifelt.

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