Entschlossen Klimawandelleugnern entgegentreten

Dr. Johannes Teyssen: "In unserem eigenen Wirtschaftssektor nehme ich leider immer wieder Kräfte wahr, die wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel aus egoistischen Gründen leugnen und das Rad der Energiewende zurückdrehen wollen". [NOAA Photo Library/Flickr]

Dr. Johannes Teyssen (59) ist seit 2010 Vorsitzender des Vorstands der E.ON SE. Er sprach mit Sven Lilienström, dem Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, über Demokratie, den Ausbau erneuerbarer Energien und die Frage, warum Sicherheit Teil der Unternehmens-DNA von E.ON ist.

Mit rund 43.000 Mitarbeitern konzentriert sich E.ON auf die Geschäftsfelder Energienetze, Kundenlösungen und erneuerbare Energien.

Herr Dr. Teyssen, als neues Gesicht in der Riege der „Gesichter der Demokratie“ möchten wir Sie zu allererst fragen: Welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Demokratie ist für mich einer der größten Fortschritte, die wir hier in Europa errungen haben. Ihre grundlegenden Attribute wie freie Wahlen, Gewaltenteilung, Presse- und Meinungsfreiheit, Minderheitenschutz, akzeptierte und gewollte politische Opposition oder verfasste und geschützte Grundrechte für jedermann sind hier die Grundlagen einer lebenswerten staatlichen Gemeinschaft. Für mich ist die Demokratie die einzige Staatsform, in der ich leben möchte. Sie zu bewahren und weiterzuentwickeln ist eine ständige Aufgabe für uns alle. Auch ich habe mich ihr verschrieben.

Natürlich habe ich auch oft mit der Politik gerungen und mit einzelnen Entscheidungen gehadert. Aber auch der Diskurs und Entscheidungen gegen die eigene Meinung gehören uneingeschränkt zum demokratischen System.

Deutschland wird populistischer – zu diesem Ergebnis kommt das „Populismusbarometer 2018“ der Bertelsmann-Stiftung. Ist der zunehmende Populismus ein Risikofaktor für Unternehmen hierzulande?

Ich teile die Sorge vieler Menschen und Unternehmen. Deswegen ist Engagement für unsere pluralistische Demokratie so wichtig. Deutschlands Wirtschaft ist in ganz besonderem Maße in die Weltgemeinschaft eingebunden. Allein deswegen – aber natürlich nicht nur – tun wir gut daran, auch unter wirtschaftlichen und Wohlstandsaspekten für unsere Demokratie und unsere freiheitlich-tolerante Art zu leben einzustehen.

In unserem eigenen Wirtschaftssektor nehme ich leider immer wieder Kräfte wahr, die wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel aus egoistischen Gründen leugnen und das Rad der Energiewende zurückdrehen wollen. Dem treten wir als E.ON entschlossen entgegen – besonders mit der Kraft von Fakten und unserer Überzeugung, eine nachhaltige Welt für unsere und kommende Generationen zu schaffen.

Deutschland soll nach dem Willen der Kohlekommission die Stromgewinnung aus Kohle bis spätestens Ende 2038 beenden. Wie bewerten Sie diesen Zeitpunkt und was bedeutet die Entscheidung für E.ON?

Wir haben uns als E.ON aus der Stromerzeugung schon vor einiger Zeit verabschiedet. Darum gibt es für uns keinen unmittelbaren Bezug zum Termin 2038.

Für mich geht es um einen klar definierten Weg zur CO2-Vermeidung in allen Bereichen unseres Lebens. Die Energiewende kann außerdem nur gelingen, wenn eine neue, nachhaltige und intelligente Energie-Infrastruktur auf- und ausgebaut wird. Das betrifft nicht nur den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien, die Digitalisierung der Verteilnetze oder das Angebot digitaler Energielösungen, sondern muss auch die Bereiche Wärme und Verkehr einschließen. Da gibt es noch enormen Nachholbedarf. Wir stehen mit unserer Erfahrung und unserem Know-how bereit, den Wandel hin zu einem effizienten und klimaschonenden Energieeinsatz in allen Bereichen voranzutreiben.

Im März 2018 haben E.ON und RWE die Aufteilung von innogy beschlossen. Welche Auswirkungen hat der geplante Deal für die Arbeitsplätze bei E.ON und die Stromkunden in Deutschland?

Selbstverständlich müssen wir im Zuge der geplanten Übernahme von innogy auch Synergien schaffen, das haben wir von Beginn an offen gesagt. Der damit verbundene Abbau von Arbeitsplätzen wird aber sehr moderat ausfallen und in guter Tradition sozialverträglich gestaltet. Vor allem aber werden wir die neue E.ON zu einem wachsenden europäischen Energieunternehmen entwickeln, in dem mittel- und langfristig tausende neue Arbeitsplätze entstehen können.

Unsere Kunden können sich auf noch mehr Innovationen und noch mehr Kundenorientierung freuen. Sie können aber auch weiterhin auf einen intensiven Wettbewerb vertrauen, an dem hunderte Anbieter beteiligt sind. Bei kaum einem anderen Produkt wie Energie ist die Auswahl so groß. Das bleibt so.

Stichwort innere Sicherheit: Energienetze bieten mögliche Angriffspotenziale für Cyber-Attacken oder hybride Bedrohungen. Wie sicher ist die Energieinfrastruktur in Deutschland – jetzt und in der Zukunft?

Wir beobachten alle Aktivitäten in diesem Bereich der Kriminalität sehr aufmerksam. Seit Jahrzehnten betreiben wir Energienetze. Schon deshalb ist Sicherheit Teil unserer DNA. Das gilt genauso für den Schutz von Kundendaten. Natürlich gibt es einen permanenten Wettlauf mit potenziellen Angreifern. Aber das haben wir fest im Blick, stellen uns darauf ein und befinden uns dadurch sozusagen dauerhaft im Trainingsoptimum. Wir holen uns zusätzliches Know-how von außen und proben mit unserer Krisenorganisation ständig neue Szenarien. Im Interesse einer sicheren Infrastruktur, auf die sich unsere Kunden verlassen können, werden wir auch in Zukunft fit bleiben.

„Diversity at E.ON“: Wie fördern Sie konkret die Vielfalt der Mitarbeiter bei E.ON und welchen Beitrag leistet Ihr Unternehmen zur Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt?

Diversität bringt uns Vorteile. E.ON beschäftigt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus rund 100 verschiedenen Nationen. Wir sind auf zahlreichen internationalen Märkten aktiv. Aber wir haben auch eindeutig weiteren Entwicklungsbedarf: Unseren Anteil von Mitarbeiterinnen in Höhe von knapp 35 Prozent und den Anteil unserer weiblichen Führungskräfte in Höhe von 20 Prozent wollen wir weiter steigern. Wir wollen auch internationaler und in jeder Hinsicht so vielfältig wie unsere Kunden werden. Daran arbeiten wir entschlossen.

Bei der Integration von Flüchtlingen in unsere Arbeitswelt haben wir vor allem die Erfahrung gemacht, dass es ein unglaublicher bürokratischer Akt ist, Flüchtlinge auch nur befristet als Praktikanten zu beschäftigen. Wir haben dieses Problem an verschiedenen Stellen deutlich benannt und eigene Vorschläge zur Verbesserung gemacht. Erste Früchte trägt das schon.

Herr Dr. Teyssen, unsere siebte Frage ist immer eine persönliche: Was machen Sie in Ihrer Freizeit am liebsten und was wünschen Sie sich für das Jahr 2019?

Gute Bücher, Konzerte, Theaterbesuche und Kunstausstellungen können mich fesseln. Aber auch der Fußball und besonders der FC Bayern München begeistern mich. Überhaupt finde ich neue Impulse spannend, die überraschend und auch mal verstörend sein dürfen. Hier hat Kultur sehr viel zu bieten.

Natürlich verbringe ich gerne Zeit mit meiner Familie. Vor Kurzem bin ich erstmals Großvater geworden.

Für 2019 habe ich eine ganze Reihe von Wünschen, für E.ON und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für meine Familie, aber im Rahmen dieses Interviews vor allem einen: Ich hoffe, dass viele Menschen sich an der Europawahl beteiligen und dass Europa daraus gestärkt hervorgeht.

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