WHO: Verharmlosung des Krebsrisikos durch Alkohol im EU-Parlament

"Die Begriffe 'moderater und verantwortungsvoller Alkoholkonsum' oder 'schädlicher Alkoholkonsum' sind wissenschaftlich ungenau und im Zusammenhang mit der Krebsprävention besorgniserregend", heißt es in dem Schreiben der WHO. [SHUTTERSTOCK/OCPHOTO]

Die WHO sich in einem Brief an EU-Abgeordnete besorgt über den derzeitigen Stand des europäischen Plans zur Krebsbekämpfung geäußert. In diesem Plan seien „wissenschaftlich ungenaue und besorgniserregende“ Formulierungen enthalten.

Der Brief der Weltgesundheitsorganisation (WHO) datiert vom 3. November, der Euractiv vorliegt, ist an die Abgeordneten des Umwelt- und Gesundheitsausschusses des Europäischen Parlaments (ENVI) gerichtet. Der Ausschuss wird am Dienstag (7. November) über eine Reihe von Änderungsanträgen zu einer Resolution über nicht übertragbare Krankheiten (NCDs) abstimmen.

In Europa sind nicht übertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, chronische Atemwegserkrankungen und Krebs für 90 Prozent aller Todesfälle und vor allem für 70 Prozent aller vorzeitigen Todesfälle verantwortlich.

Im Sommer begannen die Abgeordneten des Unterausschusses für öffentliche Gesundheit (SANT) des EU-Parlaments mit der Ausarbeitung eines unverbindlichen Initiativberichts mit Empfehlungen an die Europäische Kommission. Darin geht es unter anderem um die Frage, wie die wichtigsten Risikofaktoren, die zu nicht übertragbaren Krankheiten beitragen, angegangen werden können.

Die 560 Änderungsanträge wurden von den Abgeordneten bereits im September eingereicht. Eine kleinere Anzahl von Kompromissänderungsanträgen, auf die sich die Fraktionen und der dänische liberale Berichterstatter Erik Paulsen geeinigt haben, werden das Fundament der Resolution bilden und haben die größte Chance, am Ende vom ENVI angenommen zu werden.

„Ich erkenne zwar an, dass dieses Dokument einen empfehlenden Charakter hat, aber ich bin beunruhigt über die Tendenz, die bei der Fertigstellung dieses wichtigen Berichts zu beobachten ist“, schrieb Hans Kluge, der WHO-Regionaldirektor für Europa, in dem Brief an die Abgeordneten.

Insbesondere der Versuch, das Krebsrisiko durch Alkohol in den Kompromissänderungsanträgen zu verharmlosen, indem nur vor einem vermeintlich „schädlichen Konsum“ gewarnt wird, kam bei der WHO nicht gut an. Die Weltgesundheitsorganisation veröffentlichte die Anfang 2023 eine Stellungnahme, in der es heißt, dass jeglicher Alkoholkonsum gesundheitsschädlich ist.

„Die Begriffe ‚moderater und verantwortungsvoller Alkoholkonsum‘ oder ’schädlicher Alkoholkonsum‘ sind wissenschaftlich ungenau und im Zusammenhang mit der Krebsprävention besorgniserregend“, heißt es in dem Schreiben der WHO.

Im endgültigen Kompromissdokument, das Euractiv vorliegt, wurde der Verweis auf „Alkoholkonsum“ aus Absatz 3 des Textes gestrichen, der eine Liste von Faktoren und Bestimmungen enthält, die „das Risiko von NCDs wesentlich erhöhen.“

In der Liste werden andere Krebsrisikofaktoren wie Tabakkonsum, ungesunde Ernährung und die Belastung durch Chemikalien aufgezählt, wobei der „schädliche Alkoholkonsum“ nur am Rande erwähnt wird.

Ebenso wurde ein weiterer Verweis auf „Alkoholkonsum“, der ursprünglich in Absatz 6 als „Risikofaktor für mehrere NCDs“ enthalten war, gestrichen, sodass wieder nur die Formulierung „schädlicher Konsum“ zu finden ist.

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Prävention ist der entscheidende Faktor, um die Belastung durch nicht übertragbare Krankheiten abzumildern. Dies beschreibt ein Berichtsentwurf des Europäischen Parlaments, der hinzufügt, dass diese Krankheiten, die EU jährlich mit mehr als 100 Milliarden Euro belasten.

Genug ist genug

Der Kampf gegen Krebs hatte für die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen während ihrer fünfjährigen Amtszeit oberste Priorität. Im Februar 2021 wurde die Leitinitiative eines EU-Plans zur Krebsbekämpfung vorgestellt.

Obwohl die WHO den Plan als „eine zeitgemäße und notwendige Initiative zur Verbesserung der Krebsprävention und -behandlung in ganz Europa“ betrachtet, ist die Organisation besorgt über seine Umsetzung.

„Ich habe die Umsetzung des EU-Krebsbekämpfungsplans mit zunehmender Besorgnis verfolgt und festgestellt, dass die anfänglich starken Verpflichtungen in dem Dokument in verschiedenen Dokumenten langsam verwässert wurden“, so Kluge in dem Schreiben der WHO.

Auf das Schreiben folgte eine weitere einzigartige gemeinsame Erklärung, die vom WHO-Regionalbüro für Europa und der auf Krebserkrankungen spezialisierten Agentur IARC unterzeichnet und am Tag vor der Abstimmung (6. November) veröffentlicht wurde.

In der öffentlichen Erklärung bekräftigten die beiden UN-Organisationen, dass „der Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum, Krebserkrankungen und der Sterblichkeit eindeutig anerkannt werden sollte, ohne dass irgendwelche einschränkenden oder irreführenden Adjektive wie ’schädlicher‘ oder ’starker‘ Alkoholkonsum oder ‚verantwortungsvoller Alkoholkonsum‘ verwendet werden.“

Die WHO kritisierte auch, dass in den Kompromissänderungsanträgen der Verweis zur Kennzeichnung mit Warnhinweisen als Empfehlung an die EU-Kommission zur Verbesserung der Verbraucherinformation gestrichen wurde.

„Das Streichen der Verpflichtung der Europäischen Kommission zur Einführung krebsspezifischer Warnhinweise in dieser Resolution bringt die europäischen Bemühungen von ihrem ehrgeizigen Ziel ab, die Krebsprävalenz und -inzidenz in der EU zu senken“, heißt es in dem Schreiben.

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Ein parlamentarischer „Krimi“

Das Streichen des Hinweises auf den „Alkoholkonsum“ ist eine parlamentarische Intrige, da in den vorläufigen Kompromissen, auf die sich die Fraktionen und der Berichterstatter ursprünglich geeinigt hatten, die Formulierung „Alkoholkonsum, insbesondere der schädliche Gebrauch von Alkohol“ enthalten war.

„Obwohl diese Formulierung nicht sehr wissenschaftlich ist“, wurde sie von den Abgeordneten, die an dem Dossier arbeiteten, „im Sinne des Kompromisses“ akzeptiert, so eine parlamentarische Quelle gegenüber Euractiv.

Jedoch wurde der Teil über den „Alkoholkonsum“ erst gestrichen, als die Verhandlungen der Fraktionen bereits abgeschlossen waren, so die Quelle, die auf die Forderung der Mitte-Rechts-Partei EVP hinwies, nur den Verweis auf den „schädlichen Alkoholkonsum“ beizubehalten.

Eine Quelle der EVP, die an dem Dossier mitgearbeitet hat, bestritt, dass ihre Fraktion hinter der Streichung stehe, zeigte sich aber zufrieden mit den Kompromissänderungsanträgen und der Aufnahme des Begriffs „schädlicher Konsum.“

Die Quelle erklärte, dass das Hauptanliegen der EVP während der Verhandlungen über den Text darin bestand, eine Formulierung zu bevorzugen, die bereits in der Position des Parlaments zur Krebsbekämpfung verwendet wurde. Diese wurde als ausgeglichene Grundlage angesehen, auf der man aufbauen konnte.

Auf Nachfrage von Euractiv erklärte der Berichterstatter bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels nicht die Gründe für die Streichung der Formulierungen „Alkoholkonsum“ und „Gesundheitswarnung“ aus dem Text.

Bereits im Oktober schickten Organisationen, die den EU-Weinsektor vertreten, darunter das Comité Européen des Entreprises Vins (CEEV) und die EU-Landwirtschaftslobby Copa-Cogeca, ein von Euractiv eingesehenes Schreiben an die Mitglieder des SANT-Ausschusses, in dem sie darum baten, eine „klare Unterscheidung zwischen schädlichem Alkoholkonsum und moderatem/verantwortlichem Konsum“ in dem Bericht beizubehalten.

In einem weiteren Schreiben an die Abgeordneten vor der Abstimmung forderten der europäische Fachärzteverband EASL und die Europäische Allianz für Alkoholpolitik Eurocare die Abgeordneten auf, die Kompromissänderungsanträge abzulehnen, da ihre Formulierung „irreführend ist und die Tatsache untergräbt, dass es kein sicheres Maß an Alkoholkonsum gibt.“

Zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter auch Eurocare, werden vor dem Saal, in dem die Abgeordneten am Dienstag über das Dossier abstimmen werden, Flugblätter verteilen, in denen sie die Übereinstimmung einiger für den Bericht verantwortlicher Abgeordneter mit den Argumenten der Alkoholindustrie verurteilen“, sagte Eurocare-Generalsekretärin Florence Berteletti gegenüber Euractiv.

[Bearbeitet von Alice Taylor/Kjeld Neubert]

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