Wer hat die Alternative für Deutschland gewählt?

  
4,7 Prozent Wählerstimmen für Bernd Luckes AfD. Wer verbirgt sich hinter dieser Zahl? Foto: dpa

Die Alternative für Deutschland (AfD) ist mit 4,7 Prozent Stimmenanteil knapp am Einzug in den Bundestag vorbeigeschrammt – dennoch ist ihr aus dem Stand ein beachtlicher Wahlerfolg gelungen. Was hat ihre Wähler bewegt, ihr Kreuz bei der AfD zu machen? Die führenden Köpfe der vier wichtigsten deutschen Meinungsforschungsinstitute standen Journalisten Rede und Antwort.

Gibt es den "typischen" AfD-Wähler? Die Antwort der Experten fällt unterschiedlich aus. Peter Matuschek, Bereichsleiter für Politik- und Sozialforschung bei forsa in Berlin beschreibt ihn als selbstständig, männlich, mit eher überdurchschnittlichem sozialen Status und Einkommen. Ein Vertreter der gehobenen Mittelschicht, der sich "zwischen unten und oben zerrieben fühlt".

Matuschek sieht jedoch auch deutliche Berührungspunkte zum rechten Spektrum. Gewisse AfD-Wähler erinnerten ihn an die deutschen Republikaner der 1980er- und 90er-Jahre. Anders als sie hätten AfD-Anhänger jedoch kein Problem damit, ihre Unterstützung für ihre Partei öffentlich kundzutun.

"Sie agieren nicht in einem feindseligen Umfeld", erklärt Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts Demoskopie Allensbach. Denn in der Bevölkerung stießen Parolen, die die Unterstützung für Griechenland in Frage stellen, auf breites Verständnis. Es herrsche immer noch großes Unbehagen über die Euro-Krise und die Mehrheit der Bevölkerung sei überzeugt, dass das Schlimmste noch bevorstehe. Die AfD legitimiere sich über das Thema Europa.

Erfolg im Osten kein Zufall

Der Geschäftsführer von infratest dimap, Richard Hilmer, zeichnet ein anderes Bild: "Die AfD-Wähler kommen aus allen Richtungen." Die höchste Zustimmung genieße die "Professorenpartei" ausgerechnet bei der Arbeiterschaft. Die AfD ziehe jedoch auch viele Proteststimmen an: Es sei kein Zufall, dass die AfD im Osten besonders stark abgeschnitten habe – dort gebe es mehr Wechselwähler. In AfD-Vorstandsmitglied Bernd Luckes eigenen Worten: "Die Ostdeutschen haben mit Experimenten keine schlechte Erfahrungen gemacht."

Matthias Jung, Vorstandsmitglied bei der Forschungsgruppe Wahlen, teilt Hilmers Einschätzung: "Die AfD ist von der Wählerschaft her eine extrem heterogene Partei." Ihre Anhänger kommen nicht nur aus dem etablierten bürgerlichen Milieu sondern auch vom rechten Rand. Trotzdem sei die AfD keine rechtsradikale Partei, wie der Zulauf auch von Linken-Wählern beweise.

Mit einem Fuß im EU-Parlament?

Die AfD konzentriere sich nun neben den bevorstehenden Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen auf die Europawahlen im Mai 2014, bestätigte Lucke am Montagnachmittag (23. September). Wie stehen die Chancen der AfD, ins EU-Parlament einzuziehen?

Allein schon aus wahlrechtlichen Gründen nicht schlecht, so die Meinungsforscher. Die Hürde für den Einzug ins Parlament liegt in Straßburg nämlich nur bei 3 Prozent. Könnte die AfD ihren Stimmenanteil bis nächsten Frühling halten, wäre sie damit im EU-Parlament.

Die Experten warnen allerdings vor verfrühten Prognosen. Denn die AfD stehe und falle mit dem Thema Euro-Krise, so Jung. Die Angst vor der Krise treibe ihr die Wähler in die Arme. Zwar finde ihre zentrale Forderung, den Euro aufzulösen, nur wenig Wiederhall in der deutschen Bevölkerung. Doch die Wahl der AfD sei für viele Menschen eine willkommene Möglichkeit, ihrem Unmut über Europa Ausdruck zu verleihen. Der zukünftige Erfolg der Partei hänge deshalb ganz stark von den zukünftigen Entwicklungen der Euro-Krise ab, so Jung.

Die AfD als Sammelbecken für Euroskeptiker – doch wen wählen eigentlich die Deutschen, die die Europäische Integration befürworten? Die Umfrageergebnisse sind bemerkenswert: Auf die Frage, welche Partei am meisten für Europa und die krisengeschüttelten Mitgliedsstaaten tue, gibt die Mehrheit der Befragten die gleiche Antwort wie auf die Frage, welche Partei die nationalen Interessen Deutschlands am besten wahre: Die CDU. "Das Thema Europa ist CDU-Thema", so Renate Köcher.

Patrick Timmann

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