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Ein Mann mit viel Biografie: Joachim Gauck wird Bundespräsident. Foto: dpa
Aktuell - Montag 20 Februar 2012 - Wahlen und Macht
Als "wahren Demokratielehrer" bezeichnete ihn Kanzlerin Angela Merkel. Die Union scheint dies gebrauchen zu können: Die überparteiliche Kür von Joachim Gauck zum Bundespräsidentenkandidaten wirkte wie Gift für die Koalition. Ein Kommentar.
Er war schon vor zwei Jahren in den Umfragen "der" Bundespräsident der Deutschen schlechthin, und auch diesmal stünde die Hälfte der Wähler hinter Joachim Gauck, hätten sie in direkter Wahl etwas mitzureden.
Das beeindruckte die Unionsparteien beide Male nicht. Vor zwei Jahren wurde Christian Wulff in drei Wahlgängen der Bundesversammlung durchgedrückt, und nun sollte es abermals jemand werden, der bloß nicht Gauck heißt.
Der Coup der FDP-Spitze, die sich auf die Seite von SPD und Grünen geschlagen hatte und nach einstimmigem Votum deren Favoriten unterstützte, brüskierte CDU und CSU. Angela Merkel blieb nichts anderes übrig, als nachzugeben und Gauck zu akzeptieren. Aber das Gift brodelt. Das Verhältnis der Koalitionspartner untereinander ist lebensgefährlich vergiftet.
Insofern ist bereits die Nominierung des "wahren Demokratielehrers" Gauck selbst ein Lehrstück an Demokratie. Die Union musste sich beugen und diesmal auf taktische Manöver verzichten. Das schmerzt die Konservativen, bedeutet es doch das peinliche Eingeständnis, dass die beiden bisherigen Bundespräsidenten, von Merkel ausgesucht, Fehlentscheidungen waren.
Zersetzt das Gift in den nächsten Tagen tatsächlich die Koalition, nimmt die Union Schaden. Damit begibt sich Merkel der Chance, ihr Umschwenken auf Gauck als Größe interpretieren zu lassen.
Ihr favorisierter Kandidat, der durchaus von allen Parteien akzeptierte und geschätzte Bundestagspräsident Norbert Lammert, hatte sie im Stich gelassen. Er war von Merkel auf die Option der Wulff-Nachfolge vorbereitet worden, hatte aber am Samstag abgesagt. Er hat offenbar die Kräfte rechtzeitig und richtig eingeschätzt, die sich für Gauck stark machten, und wollte das erneute Durchboxen eines CDU-Kandidaten gegen Gauck verhindern und seinen Ruf nicht beschädigen.
Gauck wird mehr als nur ein "wahrer Demokratielehrer" sein. Die Vita des Pastors, früheren DDR-Dissidenten und späteren Chef der "Gauck-Behörde" zur Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen und seine Redebegabung machen den 72-Jährigen zum respektablen Staatsoberhaupt der Bundesrepublik – auch der Konservativen. Er verkörpert ein interessantes Stück Europa. Die Union sollte ihre Giftfläschchen wieder einpacken.
Ewald König
Zu diesem Thema erschien ein
Bericht auf EurActiv.com in englischer Sprache (20. Februar 2012)

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