Interview: Städte brauchen starke Instrumente für nachhaltige Mobilität [DE]

  

Während sich die Kommission darauf vorbereitet, Vorschläge für eine europäische Strategie zum Stadtverkehr vorzulegen, betont Klaus Bondam, der Vorsitzende des Mobilitätsforums von Eurocities und stellvertretende Bürgermeister von Kopenhagen, die Notwendigkeit eines "Anstoßes von oben", der es den EU-Städten ermöglichen würde, nachhaltigere Infrastrukturen im Verkehrssektor zu finanzieren und umweltfreundlichere Stadtpolitiken, wie beispielsweise Staugebühren, umzusetzen.

  • Weniger Abhängigkeit von Fahrzeugen

Bondam sagte, es sei „sehr realistisch“, Menschen dazu bewegen zu können, ihr Auto zugunsten umweltfreundlicherer Verkehrsmittel weniger zu nutzen. 

In seiner Stadt besitzen nur 25% der Haushalte ein Auto und von denen - und dies sei noch wichtiger - nutzten viele ihr Fahrzeug nur einmal pro Woche oder noch seltener.

Bondam erklärt diese Situation mit einem Verweis auf Dänemarks Tradition der „hoher Besteuerung auf Fahrzeuge“, was dazu geführt habe, dass der Besitz eines Fahrzeuges zu einem Luxus wurde. Weiterhin ist es Teil der Politik Kopenhagens, Parkplätze im Innenstadtbereich zu reduzieren, um die Menschen davon abzuhalten, mit dem Auto aus den Vororten in die Innenstadt zu kommen.

Jedoch, so fügte Bondam hinzu, die wichtigste Politik sei die grosse Unterstützung für das Radfahren durch die Stadt Kopenhagen , welche die Menschen dazu ermutige, ihre Fahrzeuge weniger zu nutzen.

  • Radfahren ist die Zukunft

„Es gibt eine Bandbreite an positiven Aspekten, die durch das Radfahren erreicht werden können. Man leistet einen Beitrag zur Reduzierung der CO2-Emissionen. Man betätigt sich körperlich, was gut ist für die Gesundheit. Und schließlich – was ich persönlich realisiert habe – ist die handyfreie Zone – eine Zeit, die man ganz für sich selbst hat“, sagt Bondam.

Er betont, dass Radfahren in vielen europäischen Städten zu Lösungen führen könne. „Paris hat in diesem Jahr sein neues Stadtrad eingeführt und dies war ein enormer Erfolg. Es gibt viele Städte, die hier ein großes Potential bergen.“

Dennoch fügt Bondam hinzu: „Man kann jedoch nicht immer und nicht über jede Distanz Rad fahren. Daher sind die Menschen natürlich auch von einem gut funktionierenden öffentlichen Verkehrssystem abhängig.“

  • Die „Kopenhagenisierung“ der Straßen

Der stellvertretende Bürgermeister erklärt, die Städte müssten sich auf die Schaffung von Verkehrsbedingungen konzentrieren, die den „schwächsten Verkehrsteilnehmern“ nutzten – Radfahrern und Fußgängern.

In vielen Städten müssen sich Radfahrer zwischen parkenden und fahrenden Autos hindurch schlängeln, was ein hohes Maß an Unsicherheit mit sich bringe. In Kopenhagen wurden die verschiedenen Verkehrsmittel voneinander getrennt: Fußgänger auf Fußgängerwegen, daneben ein Radweg, dann die parkenden Fahrzeuge und schließlich die Autos.

Diese Art der Umgestaltung der Infrastruktur sei teuer, gesteht Bondam ein. „Aber es ist eine sehr gute und nachhaltige Investition“.

  • Staugebühren

Bondam erklärt, obwohl es die Regierung den lokalen Behörden untersagt, Staugebühren einzuführen, hat seine Verwaltung bereits die notwendigen Maßnahmen geschaffen um ein ähnliches System wie das in London und Stockholm einzuführen, „sobald wir die gesetzliche Erlaubnis erhalten“.

Es herrscht zunehmend Einigkeit, dass dies geschehen werde, und dass man den Menschen mehr Qualität bieten könne, indem der Verkehr umgeleitet werde.

Zur Frage, wohin die zusätzlichen Einnahmen einer solchen Gebühr fließen sollten, erklärt Bondem, dass diese sowohl in die Entwicklung als auch in die Verbesserung nachhaltigerer Verkehrsmittel investiert werden sollten, einschließlich öffentlicher Verkehrsmittel und Radfahren, ebenso wie größerer Investitionen in Straßeninfrastruktur, die notwendig seien, um Stauprobleme zu vermeiden.

  • Gesundheit und Umwelt vor wirtschaftlichen Interessen

Auf die Frage, ob die wirtschaftlichen Interessen Europas unter einem starken Fokus auf Nachhaltigkeit leiden könnten – beispielsweise wird es für Frachtunternehmen zunehmend schwieriger, ihre Güter zu liefern -  antwortete Bondam: „Es ist wichtig, mit diesen Teilen der Gesellschaft im Dialog zu stehen. Aber ich denke, wir müssen das einzelne Individuum und dessen Interessen stärker berücksichtigen.“

„Ich denke, dass viele Menschen bereit sind, ein bisschen mehr für etwas zu zahlen, dass gesundheitlich und ökologisch bewusster sei. Wenn wir etwas mehr für unsere Waren zahlen müssen, um unsere Lebensqualität zu verbessern, denke ich, ist das akzeptabel. Die Herausforderung heute ist die Beförderung von Menschen und Wissen – nicht von Waren.“

Er fügt hinzu, dass Menschen ebenfalls ihren Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel leisten können, indem der so genannte unnötige Verkehr vermindert wird: „Ein weiteres Mittel zur CO2-Senkung ist der Kauf von Waren, die in der Umgebung hergestellt werden, da man hier nicht den Transport benötigt.“

  • Die Rolle der EU?

Auf die Frage, ob er Maßnahmen auf EU-Ebene zur Verbesserung der Situation befürworte, antwortete Bondam: „Ich hoffe, sie werden ein starkes Dokument vorlegen.“

„Unsere nationalen Regierungen werden es nicht vermögen, die Instrumente zu entwickeln, die wir benötigen, um ein nachhaltiges, modernes Stadtleben zu schaffen. Die EU kann von oben Druck ausüben. Und dies kann hoffentlich der Beginn eines Europas der Städte sein.“

Denn, so Bondam, egal ob man nach Kopenhagen, München, Sevilla oder Turin fahre, die „Probleme, mit denen man kämpfe, sind identisch“. 

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