Erasmus für Jungunternehmer

-A +A
Foto: Konstantin Gastmann / pixelio.de.

Wer ein eigene Firma gründen will oder bereits ein Start-Up betreibt, kann in anderen EU-Staaten von erfahrenen Unternehmern lernen. Ein EU-Programm für Jungunternehmer finanziert den grenzüberschreitenden Austausch von Know-How.

"Erasmus für Jungunternehmer" (Erasmus for Young Entrepreneurs / EYE) ist ein Pilotprogramm der EU. Jungunternehmer erhalten die Möglichkeit, bis zu sechs Monate in einem anderen EU-Land von einem erfahrenen Unternehmer zu lernen, der ein kleines oder mittleres Unternehmen (KMU) leitet. Das Programm soll den Erfahrungsaustausch fördern, den Zugang zu neuen Märkten und die Suche nach Geschäftspartnern erleichtern. Die erfahrenen Unternehmer sollen von neuen Geschäftsverbindungen und der Vernetzung in ein andere EU-Land profitieren.

Die Kommission will aus dem Pilot-Projekt ein dauerhaft gefördertes Programm machen. Oberziel ist die Stärkung des grenzüberschreitenden Handels in der EU. KMU nutzen die Möglichkeiten des EU-Binnenmarkts bei weitem nicht so stark wie Großunternehmen.

Meilensteine


November 2006:
Das EU-Parlament billigt den Plan für ein "Erasmus für Jungunternehmer" (EYE) Pilot-Programm
25. Juli 2008: EU-Kommission stellt den "Small Business Act" (SBA) vor, der Vorbereitungen für EYE enthält.
19. Februar 2009: EYE startet mit 3 Millionen Euro Budget.
Juni 2009: Erste Teilnehmer gehen mit EYE ins Ausland
Februar 2010: Ein zweiter Programm-Zyklus beginnt, das Budget wird 5 Millionen Euro erhöht.
Februar 2010: Antonio Tajani wird EU-Kommissar für Industrie und Unternehmen.
Februar 2011: Die dritte EYE-Runde startet mit einem Budget von 5 Millionen Euro.
Mitte 2011: Die Kommission wird beaufragt, die Rechtsgrundlage für ein dauerhaftes EYE-Programm zu schaffen.
Bis Ende 2011: EU-Parlament und Mitgliedsstaaten entscheiden über den Vorschlag der Kommmission EYE dauerhaft zu fördern und auszuweiten.
Februar 2012: Die Vierte EYE-Runde beginnt

Zusammenfassung

Der Unternehmergeist ist in Europa weniger ausgeprägt als in den USA. Studien zeigen, dass US-Amerikaner sehr viel eher bereit sind, unternehmerische Risiken einzugehen. Umstritten bleibt, wie Unternehmergeist geweckt werden kann - mit finanziellen Anreizen des Staates oder durch möglichst wenig Bürokratie?

Ein neuer Ansatz ist das Erasmusprogramm für Jungunternehmer. Wie beim Erasmus-Programm für Studenten geht es um Auslandserfahrung und den Wissenstransfer über Grenzen hinweg. Teilnehmende Jungunternehmer erhalten eine Unterstützung von bis zu 1.100 Euro im Monat. Eingebunden ist EYE in den Small Business Act (SBA), die EU-Initiative zur Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU).

Im Februar 2011 hatten 332 Jungunternehmer das Programm absolviert. Weitere 200 sind derzeit im Ausland. Allerdings gestaltete sich die Suche nach Gastgebern schwierig. Eine vierte Runde ist für Februar 2012 geplant.

EU-Beamte gehen davon aus, dass die Teilnehmerzahl sich verzehnfachen müsste, soll das Programm einen nachhaltigen Effekt auf das grenzüberschreitende Unternehmertum haben. Schließlich sind in der EU rund 23 Millionen KMU aktiv. Einer dauerhaften Finanzierung und einer Ausweitung des Programms müssten jedoch das EU-Parlament und die Mitgliedsstaaten zustimmen. In Zeiten leerer Kassen bleibt die Höhe der Finanzierung umstritten. Viele EU-Staaten wollen das EU-Budget ab 2013 einfrieren, die Mittel müssten an anderer Stelle eingespart werden. Ende 2011 soll über den Kommissionsvorschlag entschieden werden.

Wer & wo

Das Programm richtet sich an alle, die in den vergangenen drei Jahren eine Firma gegründet haben oder dies vorhaben. Potenzielle Mentoren müssen sich registrieren.

Die Kandidaten für EYE bewerben sich bei Mittler-Organisationen - beispielsweise bei örtlichen Handelskammern oder Wirtschaftsverbänden. Reise- und Lebenshaltungskosten werden von der EU gedeckt. Die Zahlungen liegen im Bereich von 560 Euro pro Monat in Bulgarien und 1.100 Euro pro Monat in Dänemark.

Seit Beginn des Jahres gibt es auch Vermittler in Zypern, Estland und Irland. Damit bieten alle 27 Mitgliedsstaaten den Zugang zum Programm. Aus Italien und Spanien kommen rund 47 Prozent aller Anträge (Februar 2011). Alle anderen Ländern liegen deutlich dahinter.

Das größte Interesse kommt aus den Sektoren Werbung, Medien, Informationstechnologie und Bildung. Das begehrteste Gastland war in den vergangenen Monaten Großbritannien.

Ein Marketing-Problem

Das Feedback der Teilnehmer ist bislang weitgehend positiv. Problematisch gestaltet sich dagegen die Suche nach etablierten Unternehmern, die Zeit und Ressourcen in das Programm investieren. Kritiker sprechen von einem "Marketing-Problem".

Von 2.446 angemeldeten Personen waren 62 Prozent junge Unternehmer und 38 Prozent potenzielle Gastgeber. Das heißt: viele Jungunternehmer finden keine Partnerfirma. Einige Vermittler-Organisationen beklagen, für ihre Dienste zu wenig finanzielle Unterstützung zu erhalten. Die überproportionale Beteiligung Spaniens und Italiens scheint nahezulegen: die meisten anderen Mitgliedsstaaten kommunizieren das Programm noch nicht genug.

Auf einer Konferenz im vergangenen April forderten mehrere Akteure, den Titel des Programms zu ändern. Die Formulierung 'Young Entrepreneurs' schrecke ältere Unternehmer mit Berufserfahrung ab, sich zu beteiligen.

Bedenken gibt es auch hinsichtlich der Überschneidung mit bestehenden EU- und anderen Mentoren-Programmen. Fraglich sei auch, ob die meisten Teilnehmer ihr Unternehmen nicht auch ohne das Programm gestartet hätten.

Auf dem Weg zu 10.000 Teilnehmern?

Eine Befragung zeigte eine breite Zufriedenheit der teilnehmenden Jungunternehmer. Eine unabhängige Überprüfung hat allerdings festgestellt, dass EYE weit größere Ressourcen bräuchte, um Unternehmensgründungen nachhaltig zu fördern.

Das Erasmus-Programm für Studierende hat 180.000 Teilnehmer pro Jahr. Kommissionsbeamte halten es deshalb für vertretbar, EYE auf 10.000 Teilnehmer aufzustocken.

Die Ausweitung könnte die Wettbewerbsfähigkeit und das Wachstum erheblich steigern, meint auch Jack Malan vom Centre for Strategy & Evaluation Services, der eine Überprüfung von EYE im vergangenen Jahr durchgeführt hat.

Eine entsprechende Forderung der Kommission findet sich allerdings nicht in der Zwischen-Bilanz des Small Business Act vom 23. Februar 2011.

Positionen


Marko Curavić
, Referatsleiter bei der Generaldirektion Unternehmen und Industrie der EU-Kommission, sagte, die Pilotphase sei eine "gute" Ausgangsbasis für ein dauerhaftes und größeres Programm. Es sei noch Zeit, die Regelungen zu verbessern, bevor man eine neue, dauerhafte Rechtsgrundlage schaffe. Diese würde ein höheres Budget mit sich bringen.

Joanna Drake, Direktor für die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit von KMU bei der Generaldirektion Unternehmen und Industrie der EU-Kommission, sagte, sie befürworte eine dauerhafte Grundlage für das Programm. EYE sei ein integraler Bestandteil des "Small Business Act" und passe gut zu einer Reihe von Flaggschiff-Iniativen der "Europa 2020"-Strategie, speziell zu "Jugend in Bewegung", zur "Innovations-Union" und zum Fokus auf die nachhaltige Schaffung von Arbeitsplätzen.

Mit Blick auf "Jugend in Bewegung " fülle das Programm eine Lücke, da diese Initiative nichts für Menschen in frühen Stadien ihrer beruflichen Laufbahn tue.

Drake sagte, es sei wichtig, das Programm zu kommunizieren, fügte aber hinzu, dass zusätzliche Mittel für das Marketing nicht die einzige Antwort sein könnten. "Wir brauchen Unternehmer, Botschafter für das Programm, und es ist auch wichtig, dass die Abgeordneten und regionalen Gebietskörperschaften eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung der Erfolge spielen", erklärt Drake.

EYE-Programmkoordinator Typhaine Beaupérin von Eurochambres, das die nationalen Mittlerorganisationen unterstützt, sagte, dass die Zahl der Begünstigten wächst und das Bewusstsein für die Förderung zunehme. Vor einer Ausweitung sei es die Herausforderung, die geografische Abdeckung zu verbessern und mehr Unternehmer zu suchen, die als Gastgeber zur Verfügung stehen.

Mit Blick auf die Dominanz Italiens und Spaniens sei mehr Werbung in der gesamten EU notwendig. Vor allem müssten mehr erfahrene Unternehmsgründer gewonnen werden, sagte Beaupérin EurActiv. Sollte diese Herausforderungen angegangen werden, könnte das EYE-Budet letztendlich ähnlich hoch ausfallen wie beim Erasmus Programm für Studierende, das mit 450 Millionen Euro im Jahr ausgestattet ist.

Arnaldo Abbruzzini, Generalsekretär von Eurochambres, sagte, das Programm erfülle die Forderung nach mehr Mobilität in Europa. Er warnte zugleich, eine Reihe von Schwachstellen müssten behoben werden.

Abbruzzini, der seine eigene Firma betreibt, sagte, er würde sich nicht als Gastgeber registrieren, weil hierfür der Anreiz fehle. "Wir brauchen eine massive Informationskampagne und müssen die Gründe identifizieren, warum ein Unternehmer sich als Gastgeber anmelden sollte. "Der Vorteil für Jungunternehmer ist klar, aber für jemanden wie mich ist er begrenzt, weil ich Zeit- und Bürofläche für das Programm opfern müsste."

Abbruzzini unterstützt die Idee, den Namen des Programms zu ändern, um erfahrene Unternehmer zu ermutigen, sich als Mentoren zu engagieren.

Fátima Mínguez, stellvertretender Generaldirektor für die KMU-Politik des spanischen Ministeriums für Industrie, Tourismus und Handel, sagte, das Konzept hinter EYE sei rund, die Ergebnisse der Pilotphase allerdings "sehr bescheiden".

Im April 2010 sagte sie, es gebe noch viel Raum für Verbesserungen. Es sei zu früh anzunehmen, dass Programm habe keine spürbaren Auswirkungen.

"Wir müssen die Arbeit der Mittlerorganisationen professionalisieren", sagte Mínguez. Die Mitgliedsstaaten würden sich der Initiative annehmen, wenn die Kinderkrankheiten beseitigt seien.

Luca Poli, ein italienischer Chirurg und Teilnehmer des Programms, sagte, es sei von unschätzbarem Wert gewesen, einen spanischen Unternehmer kennengelernt zu haben, weil die lokalen Unternehmen oft nicht bereit sei, vertrauliche Geschäftsinformationen zu teilen.

Er habe sehr wenig über die Führung eines Unternehmens gewusst, bevor er sich an dem Programm beteiligt habe. Jetzt betreibt er eine eigene kosmetische Klinik in Mailand.

In einem Interview mit EurActiv im Februar 2010 sagte Poli, während des Programms habe er seine Ideen mit einem erfahrenen Unternehmer ausprobieren können und gelernt, wie man Dinge besser zu macht, etwa in der Kommunikation.

Annie König, die als Mentorin an EYE teilnahm, sagte, die Kommission sollte auf mehr Nachhaltigkeit drängen. Man sollte es den Jungunternehmern selbst überlassen, sich Mentoren zu suchen, anstatt auf ein komplexes System von Unternehmensverbänden zu setzen, die als Vermittler tätig sind.

Katia Marchesin, ebenfalls Mentorin, sagte, das Programm biete Geschäftsleuten die Chance, neue Ideen zu entwickeln und könne als eine "virtuelle Brücke zu anderen Märkten" dienen. Es sei eine Chance für Unternehmen, sich zu internationalisieren.

Im Juli 2009 sagte der ehemalige EU-Kommissar für Unternehmen und Industrie Günter Verheugen, er sei froh, das EYE-Programm starten zu sehen. "Das Ziel ist, unternehmerisches Potenzial freizusetzen, und neue Chancen einer besseren Nutzung des Binnenmarktes zu bieten (...)".

Links


EU

Erasmus für Jungunternehmer: Internetseite
Erasmus für Jungunternehmer: Users 'Guide
Erasmus für Jungunternehmer: Mittlerorganisationen
Erasmus für Jungunternehmer: Häufig gestellte Fragen

EU-Kommission: Kleine und mittlere Unternehmen (KMU)
EU-Kommission: KMU - Förderung der Unternehmertätigkeit
EU-Kommission: ''Small Business Act für Europa''
EU-Kommission: Ihr Europa, Ihre Chance - Praktische Anleitung zur Geschäftstätigkeit in Europa

Business & Industrie

Eurochambres:
Erasmus für Jungunternehmer
Eurochambres:
Erster Jahrestag des "Erasmus für Jungunternehmer" (24. Februar 2010)
Eurochambres:
"Erasmus für Jungunternehmer" gestartet (19. Februar 2009)

Presseartikel

Maximale Berlin: Auf Stippvisite Jungenternehmer (10. Dezember 2009)

Anzeige