Das Paradoxe am europäischen Arbeitsmarkt
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Manche Freiberufler zieht es mit ihrem Schuldendesaster als "Insolvenztouristen" nach London. Foto: dpa
Aktuell - Donnerstag 9 Februar 2012 - Unternehmen und Arbeit
Die Harmonisierung des Insolvenzrechts in der EU bleibt aus. Das begünstigt den Insolvenztourismus: Verbraucher ziehen in einen benachbarten EU-Staat, um sich ein für sie günstigeres Insolvenzverfahren auszunützen. Die mit Abstand höchste Zahl an Privatinsolvenzen in Europa liefern übrigens die Briten: Nirgendwo sonst leben die Haushalte so sehr auf Pump.
Eine ausführliche Analyse der Insolvenzen von Unternehmen und Privatpersonen in der EU mit detaillierten Länderübersichten und Grafiken, verfasst von der Creditreform Wirtschaftsforschung, finden Sie
hier.
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Während bei der Zahl der Privatinsolvenzen im Jahr 2010 noch ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen war, sind die Pleiten bei Privatpersonen im Jahr 2011 – als die Schuldenkrise teilweise aus dem Ruder zu laufen drohte – zurückgegangen. In den Volkswirtschaften, die eine entsprechende Statistik zu Privatinsolvenzen führen, wurden insgesamt 1,5 Prozent weniger Privatinsolvenzverfahren gezählt als im Vorjahr. Insgesamt wurden 373.284 Fälle erfasst. Das entspricht in absoluten Zahlen einem Minus von rund 5.800 Personen.
Insgesamt hat sich die Lage an den europäischen Arbeitsmärkten in der zweiten Jahreshälfte 2011 eingetrübt. Bedingt durch die konjunkturelle Abkühlung in einigen aufstrebenden Volkwirtschaften sowie die strukturellen Anpassungen infolge der Staatsschuldenkrise stieg die Arbeitslosigkeit in vielen Volkswirtschaften Europas spürbar an.
Arbeitslosigkeit und unverantwortliches Konsumverhalten stellen die Hauptauslöser für eine Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit dar. Dementsprechend nahm die Zahl der Privatinsolvenzen 2011 in einer Vielzahl europäischer Staaten zu.
Den stärksten Zuwachs an zahlungsunfähigen Verbrauchern verzeichneten im Vergleich zu 2010 Frankreich (plus 26,4 Prozent), gefolgt von den Niederlanden (plus 26,0 Prozent) und Finnland (plus 19,7 Prozent). In absoluten Zahlen entfiel auf diese drei Volkswirtschaften ein Zuwachs an Privatinsolvenzen um ca. 15.300 Personen.
Neben konjunkturellen Faktoren spielte vermutlich auch eine Rolle, dass Verbraucher in einen benachbarten EU-Staat ziehen, um sich dort einem Insolvenzverfahren zu unterziehen.
Dieser Insolvenztourismus liegt vor allem darin begründet, dass eine Harmonisierung des Insolvenzrechts innerhalb der EU weiterhin ausbleibt. Folglich gestaltet sich die Durchführung der Insolvenzverfahren für Verbraucher höchst unterschiedlich – vor allem was die Dauer der Wohlverhaltensperiode, bis also eine Restschuldbefreiung erreicht wird, anbelangt.
Die maßgeblichen Treiber für die rückläufige Entwicklung bei den Privatinsolvenzen sind die Bundesrepublik und Großbritannien. Allein in diesen beiden Staaten ging die Zahl der Pleitiers in absoluten Zahlen im Jahr 2011 um ca. 21.820 zurück. Die Zahl der Privatinsolvenzen in Deutschland fiel 5,8 Prozent geringer aus als im Vorjahr – insgesamt sind 129.800 Fälle (2010: 137.780) gezählt worden.
Wie dem Creditreform Schuldneratlas 2011 zu entnehmen ist, hat die private Überschuldung mit der weiter aufhellenden Arbeitsmarkt- und Konjunkturlage in Deutschland abgenommen. Ein Wermutstropfen bleibt jedoch: Das Niveau der Privatinsolvenzen bleibt weiter hoch. Und es ist nicht davon auszugehen, dass Deutschland diese Zahl mittelfristig reduzieren kann.
Mit der von sechs auf drei Jahre verkürzten Wohlverhaltensperiode wird die Zahl der Privatinsolvenzen voraussichtlich stark zunehmen. Eventuell ist in der durch diese Perspektive verursachte Zurückhaltung bei der Eröffnung eines Verfahrens auch ein Grund für den starken Rückgang der deutschen Insolvenzzahlen zu sehen.
In Großbritannien ging die Zahl der Privatinsolvenzen in absoluten Zahlen um 13.840 Personen zurück. Prozentual entspricht dies einem Rückgang um 8,8 Prozent – dem größten Rückgang unter den europäischen Volkswirtschaften.
Nichtsdestotrotz wurden in Großbritannien im dritten Jahr in Folge die meisten Privatinsolvenzen innerhalb Europas registriert. So mussten 2011 insgesamt 143.871 Briten den Gang zum Insolvenzgericht antreten – mit Abstand die höchste Zahl an Privatinsolvenzen in Europa (2010: 157.712).
Grund für dieses äußerst hohe Niveau: Das Leben auf Pump ist in Großbritannien an der Tagesordnung. Kaum ein anderes Industrieland weist eine dermaßen hohe Verschuldung privater Haushalte auf (Quelle: OECD).
Auch im historischen Vergleich bereiten diese Zahlen Anlass zur Sorge: Gegenüber 2003 (38.930 Fälle) hat sich die Zahl der Fälle mehr als verdreifacht. Hinter diesem langfristigen Anstieg der Privatinsolvenzen stecken in erster Linie eine Neustrukturierung des Insolvenzrechts und die Einführung neuer Verfahren, die Verbrauchern die Anmeldung der Privatinsolvenz erleichtern und den Prozess bis zur Restschuldbefreiung wesentlich beschleunigen.
Red. mit Informationen der Creditreform.
Der erste Teil der Untersuchung erschien gestern auf EurActiv.de.
EurActiv.de:
Ein Spiegel der Krise: Insolvenzen in Europa (8. Februar 2012)
Creditreform-Untersuchung:
Insolvenzen in Europa 2011/2012 (PDF)
Rede von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zur
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