Europa-Preise in Berlin: Auch Disteln können blühen

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Eine Lilie für die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro, eine Distel für Nikolaus Blome (BILD). Fotos: dpa

So sehr die Preisträger der Europa-Lilie auch bewundert und beklatscht wurden, so gespannt waren die Teilnehmer am Bundeskongress der Europa-Union Deutschland, wie die „Bild“-Zeitung auf die Europa-Distel reagieren werde, die ihr „für den größten europäischen Fehltritt“ zugedacht wurde.

Er kam tatsächlich. Nikolaus Blome, Vize-Chefredakteur des Boulevardblattes und Chef des Hauptstadtbüros, hatte zugesagt, die Europa-Distel in Empfang zu nehmen und eine Replik auf die, nun ja, Quasi-Laudatio beizusteuern. Er kam wie versprochen und saß beim Berliner Bundeskongress der Europa-Union Deutschland (EUD) am Samstag in der allerersten Reihe, in der auch die Empfänger der Europa-Linie Patz genommen hatten.

Selbstverständlich hatten die Lilien-Preisträger den Vorrang. Zunächst das Ehepaar Klaus und Roswitha Brausch für deren “bürgerschaftliches Engagement”. Was etwas seelenlos und abstrakt klingt, meint konkret den unermüdlichen Einsatz des Wuppertaler Paares für Förderschulen und behinderte Kinder in der Slowakei und in Deutschland. Der slowakische Botschafter in Deutschland, Igor Slobodnik, betonte als Laudator, dass die Europa-Lilie stellvertretend für viele andere gelte, die sich ehrenamtlich und grenzüberschreitend engagieren. “Solche Leute brauchen wir gerade heute, wenn wir von europäischer Solidarität sprehen.” Das Ehepaar merkte an: “Immer wenn die Politiik etwas nicht zustande bringt, müssen die Bürger her.”

Dann wurden zwei Schülerinnen auf die Bühne gebeten. Sabine Hanke und Katharine Rogge repräsentieren die Initiative „Schüler Helfen Leben“ (SHL), die seit dem Jugoslawien-Krieg die Altersgenossen in den Balkanländern mit Jugendzentren unterstützt und ihnen zeigt, dass sie in Europa nicht allein sind. Laudator Lars Becker, Bundesvorsitzender der Jungen Europäischen Föderalisten (JEF), erläuterte den „Sozialen Tag“ der SHL: Einen Tag pro Jahr arbeiten 100.000 Schüler aus ganz Deutschland in Unternehmen mit, den Lohn spenden sie SHL. 2011 haben sie damit 1,6 Millionen Euro erarbeitet.

Und schließlich die gebürtige Schweizer Professorin von der Universität Mainz: Beatrice Weder di Mauro, trotz ihrer jungen Jahre eine der „Wirtschaftsweisen“, also Mitglied im fünfköpfigen Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Der frühere EU-Kommissar Günter Verheugen erklärte, warum sie die Europa-Lilie für die herausragendste europapolitische Leistung erhalte. In seiner aktiven Zeit als Politiker und auch heute noch fühle er sich genervt von den Ökonomen und deren wissenschaftlichem Rat: „Man kann jeden gewünschten Rat bekommen, aber auch das genaue Gegenteil.“ Die Beiträge von Weder di Mauro dagegen seien tatsächlich immer hilfreich.

Was sie in ihrer Dankesrede auch gleich bewies: Ihre Sorge, wie gerade in den vergangenen Wochen in EU und Euro-Raum alles auseinanderzulaufen drohe; die Diskrepanz, wie Deutschland die Krise sehe und wie Deutschland von außen gesehen werde; die fehlenden Antworten auf die fundamentalen Fragen (Wohin geht es? Was hält die Euro-Zone noch zusammen?); die Unvereinbarkeit der europäischen Denkmodelle; die Optionen für die nächsten Schritte, die unbedingt in allernächster Zukunft getan weden müssten – sie verglich die gegenwärtige Lage mit einem total überfüllten Raum, in dem plötzlich jemand laut Feuer- oder Bombenalarm gebe und dazu sage: „Aber bleiben Sie ruhig und verlassen Sie nicht den Raum, die Feuerwehr ist bereits unterwegs.“

Damit waren die drei Europa-Lilien-Skulpturen (für deren Stiftung Kuratoriumsvorsitzender Robert Henkel den Agenturen Serviceplan und Spreeproduktion dankte) abgeräumt. Übrig blieb die Distel.

Für Joachim Wuermeling, Sprecher von Europa Professionell, der Hauptstadtgruppe der EUD, war es „ein ganz besonderes Vergnügen, aber trotzdem nicht leicht“, den Journalisten Nikolaus Blome für die größten europäischen Fehltritte seiner Zeitung zu rügen. Gemeint ist die legendäre Forderung an die „Pleitegriechen“, ihre Inseln zu verkaufen. „Was uns nicht gefällt, ist, dass Sie die europäischen Bürger gegeneinander aufbringen“. Die BILD-Zeitung habe immer dreister eine Emotionalität in die Debatte getragen, die es der deutschen Politik immer schwerer gemacht habe.

Blome – er erhielt für die Europa-Distel zwar keinen Glückwunsch, aber Dank für seinen Mut zu kommen – zitierte Sophokles: „Töte nicht den Boten!“ Die Maxime von BILD sei immerhin: Rettet den Euro! Wogegen etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der „Spiegel“ ständig sehr kritische Europapositionen pflegten und viel eher eine Distel verdient hätten.

Das Wort Distel komme, erinnerte Blome, aus dem Indogermanischen und bedeute „spitz“, „stechend“: „Das wollen wir weiterhin sein. Seien Sie froh, dass es uns gibt!“ 

Worauf Günter Verheugen ergänzte: „Gerade die Distel, wenn sie gut gepflegt wird, kann wunderschöne Blüten hervorbringen.“

Und zuletzt erinnerte der CDU-Politiker Peter Altmaier als gerade noch amtierender Präsident der EUD – am Sonntag endete sein Amt - daran, wie die BILD während der jüngsten deutschen EU-Präsidentschaft hundert Tage lang jeweils ein positives Beispiel gebracht habe, wie die EU den Bürgern das Leben erleichtert habe. Dafür hätte laut Altmaier die Zeitung die Europa-Lilie verdient, wenn es sie damals schon gegeben hätte. Und auch in der aktuellen Neonazi-Debatte habe ihn die BILD sehr beeindruckt: „Ich hätte mir eine solche klare Sprache auch von anderen Zeitungen gewünscht.“

Spätestens da war die Distel gar nicht mehr so sehr eine Schmähung, sondern fast schon eine Auszeichnung der besonderen Art, die es dem Kuratorium bei der nächsten Preisverleihung nicht leicht machen dürfte.

Neuer Präsident der Europa-Union: Rainer Wieland


Zum neuen Präsidenten der Europa-Union Deutschland wurde Sonntag Nachmittag der 54-jährige Rainer Wieland, Vizepräsident des Europäischen Parlaments, gewählt.

Er folgt auf Peter Altmaier, den Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, der nach fünfjähriger Amtszeit als EUD-Präsident nicht mehr angetreten war.

Rainer Wieland ist seit 1997 im Europäischen Parlament (derzeit einer der Vizepräsidenten), seit zehn Jahren Landesvorsitzender der Europa-Union in Baden-Württemberg und Vizepräsident von European Movement International (EMI).

93 Prozent der knapp 200 Delegierten aus dem ganzen Bundesgebiet sprachen sich auf dem EUD-Bundeskongress in Berlin in geheimer Wahl für ihn aus.

Als Vizepräsidenten wurden der Europaabgeordnete Thomas Mann, der Jurist Ernst Johansson und die Bundestagsabgeordnete Eva Högl im Amt bestätigt.

Schatzmeister bleibt Joachim Wuermeling. Zum neuen Generalsekretär wurde Christian Moos gewählt.

Zu weiteren Präsidiumsmitgliedern wurden gewählt (in alphabetischer Reihenfolge): Ralf Bingel, Reinhard Bütikofer MdEP, Anton Freiherr von Cetto, Kristin Funke MdL, Lutz Hager, Ulla Kalbfleisch-Kottsieper, Sylvia-Yvonne Kaufmann, Enrico Kreft, Jürgen Lippold, Heinz-Wilhelm Schaumann, Otto Schmuck, Elisabeth Schnarrenberger-Oesterle, Gabriela Schneider, Thomas Stölting, Michael Theurer MdEP und Wolfgang Zapfe.

Die Europa-Union Deutschland ist die größte überparteiliche Bürgerinitiative für Europa (17.000 Mitglieder).

Ewald König


Links

Pressemitteilung der Europa-Union Deutschland zur Europapreisverleihung

Homepage des Sachverständigenrats mit Beiträgen von Prof. Beatrice Weder di Mauro

Homepage "Schüler Helfen Leben" 

Replik von Nikolaus Blome: Darum bleibt BILD bei seiner Meinung

Kritik in "Treffpunkt Europa" an der Distel-Preisverleihung: "Die Peinlichkeit der Farce" 

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