Frankreich: Die Qual der Wahl

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Die Präsidentschaftsanwärter François Fillon (links) und Jean-Luc Mélenchon (rechts) im persönlichen Gespräch vor einer TV-Debatte. [Patrick Kovarik / POOL/EPA]

Ein Großteil der Franzosen ist noch immer unsicher, wen sie in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen am Sonntag wählen sollen – laut Experten ein schlechtes Zeugnis für die Überzeugungskraft der Kandidaten. EURACTIV Frankreich berichtet.

Nur noch wenige Tage bis zu den Wahlen. Frankreichs Wähler sind gestresst, Staatsbedienstete fürchten um ihren Arbeitsplatz und Parteiaktivisten verbringen schlaflose Nächte. Die Meinungsumfragen sagen ein außergewöhnlich enges Kopf-an-Kopf-Rennen voraus, bei dem vier Kandidaten tatsächlich Chancen auf den Einzug in die Stichwahl haben.

Präsidentschaftskandidaten in Frankreich starten Wahlkampf-Endspurt

Knapp eine Woche vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich haben die in Umfragen führenden Kandidaten den Endspurt im Wahlkampf eingeläutet.

Mit 23 Prozent liegt der linksliberale Emmanuel Macron derzeit auf Platz eins, dicht gefolgt von Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National (22,5 Prozent). Auf Rang drei und vier landen der konservative François Fillon und Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon mit 19,5 beziehungsweise 19 Prozent, so das Ergebnis der Prognosen von Ipsos Sopra-Steria, die im Auftrag von Le Monde und Cevipol durchgeführt wurden.

Was die meisten Statistiken jedoch nicht abbilden, ist die Verunsicherung der französischen Wähler. Serge, ein Regierungsmitarbeiter im Justizministerium, weiß noch immer nicht, wo er am kommenden Sonntag sein Kreuz setzen wird. Trotz seiner 25 Jahre Wahlerfahrung fühlt sich der eingefleischte Umweltschützer verloren. „Das passiert mir zum ersten Mal. Ich habe wirklich keine Ahnung, was ich machen soll. Es ist zum Haareraufen“, klagt er. Der Europabefürworter ist enttäuscht vom sozialistischen Anwärter Benoît Hamon, findet Macron „inhaltsschwach und opportunistisch“ und Mélenchon zu euroskeptisch.

Das Unbehagen der Wähler

Serges Unentschlossenheit ist bezeichnend für eine neue Welle des Unbehagens in der französischen Wählerschaft, insbesondere unter den traditionellen Linkswählern. Einer Odoxa-Umfrage zufolge sind 43 Prozent der sozialistischen Unterstützerbasis noch immer unentschieden; bei den Mitterechtswählern hingegen sind es 29 Prozent.

Frankreich: Mehrheit der Wähler will Rücktritt von Fillon

Die Ermittlungen gegen François Fillon im Skandal um das Beschäftigungsverhältnis seiner Ehefrau und Kinder laufen. Einer aktuellen Studie zufolge fordert die Mehrheit der Franzosen seinen Rücktritt. EURACTIV-Kooperationspartner Ouest France berichtet.

Hamon ist in seinem Wahlkampf ganz klar daran gescheitert, die sozialistischen Stammwähler von sich zu überzeugen. Viele von ihnen sind in das Lager des pro-europäischen Zentristen Macron übergelaufen. Selbst der amtierende sozialistische Präsident François Hollande, der sich nach eigenen Aussagen zwischen den Wahlrunden für einen der beiden Kandidaten entscheiden werde, scheint seinen ehemaligen Wirtschaftsberater Macron deutlich dem eigenen Parteikollegen vorzuziehen.

Mélenchon wiederum, der 2008 aus der Parti Socialiste austrat, um die radikalere Linksfront zu gründen, hat die jüngsten Meinungsfragen im Sturm erobert. Innerhalb eines einzigen Monats stiegen seine Zustimmungswerte von zwölf auf 19 Prozent. Bei der letzten TV-Debatte vom 22. März gelang es ihm sogar, zusätzlich zur Unterstützung durch die kommunistische Partei auch zahlreiche moderaten Wähler für sich zu gewinnen.

Wetterte Mélenchon 2016 noch gegen entsandte Arbeitnehmer – die Polen „ essen unser französisches Brot“ – und beschimpfte das EU-Parlament als Mogelpackung, so scheint er seinen Tonfall nun deutlich zurückgeschraubt zu haben. Und das mit offensichtlichem Erfolg.

Unglaubwürdig

Die weit verbreitete Unsicherheit sei ein klares Anzeichen für die Unfähigkeit der Kandidaten, Wähler zu überzeugen, kritisiert Madani Cherufa, Generaldirektor von Cevipol. In einem Leitartikel der Tageszeitung Le Monde schreibt er, dass vor allem die gut informierten Wähler mit ihrer Entscheidung hadern. Schon 2012 hätten viele Franzosen ihren Entschluss erst in letzter Minute gefasst.

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