Neuer SPD-Vorsitzender Schulz und die Erfolgsformel Schröders

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Martin Schulz [Flickr]

Nicht alles anders, aber vieles besser, lautet das Versprechen des neuen SPD-Vorsitzenden Martin Schulz. [Foto: Flickr]

Auch als neuer SPD-Chef sagt Martin Schulz nicht viel Neues – aber das wenige Neue hat Wucht und Gefühl. Nicht alles anders, aber vieles besser, lautet sein Versprechen. Reicht das? Ein Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff, Chefredakteur des „Tagesspiegel“.

Ein Best-of der Gassenhauer – so kann man es nennen, was Martin Schulz in seiner Bewerbungsrede als Nachfahre von August Bebel und Willy Brandt und, an diesem Tag, Sigmar Gabriel im Amt des SPD-Parteivorsitzenden gesagt hat. Wenig Neues, und wo neu, da nicht bis zu Ende gedacht: Ja, so kann man es sehen. Es gibt Gründe dafür. Und so werden es zumal alle seine Gegner sehen.

Man kann es aber auch so sehen: Da kommt einer, der mit dem Wort sozialdemokratisch wirklich etwas anzufangen weiß. Der es durchbuchstabiert, dass denen, die als Delegierte im Saal sitzen, das linke Herz wild zu schlagen beginnt. Endlich ist einer da, der auch dem Gegner Angst macht mit seiner Authentizität und all dem, was er an Begeisterung auf seinem Weg an die Spitze, die Parteispitze, auslöst.

100 Prozent! Nicht einmal Kurt Schumacher hat das nach dem Weltkrieg geschafft, als die SPD sich aus Ruinen erhob, die sie verschüttet hatten. Keiner in der stolzen, anderthalb Jahrhunderte langen Geschichte der Sozialdemokratie. Erst jetzt: Schulz. Wenn das kein Fanal ist.

Die SPD will es wissen. Es ist ihr „Verdammt noch mal, es reicht“. Es übertönt alle Skepsis, macht die Genossen fürs Erste blind vor Glück und taub gegen die Warnung, dass es nicht alle Tage so weitergehen kann. Und der Wahlkampf hat noch viele Tage.

Respekt – dieses Wort zieht

Wenig war neu an der Rede von Schulz, das stimmt. Aber das wenige Neue entfaltet Wucht. Sein Wort der Stunde, des Tages, des Wahlkampfs ist gefunden: Respekt. Wie Schulz ihn den Menschen gezollt hat, denen er nahe ist, die der Sozialdemokratie nahe waren, bis sie sich verlassen fühlten. Jetzt ist die Marschroute klar: Vorwärts und nicht vergessen. Ein Beispiel? Die Agenda 2010 war der Reformausweis der SPD. Und war auch beileibe nicht alles richtig – jetzt kann es die SPD ja richtig machen, besser machen. Genau nach dem Motto, das Gerhard Schröder ins Kanzleramt gebracht hat: Wir machen nicht alles anders, aber vieles besser.

Respekt – dieses Wort zieht. Es zieht Wähler an. Denn der Wunsch danach zieht sich durch alle Schichten. Die Jungen, die Alten, die Frauen, die Migranten, alle haben eines gemeinsam: Sie wollen respektiert werden. Da geht es um die Sache, aber mehr noch ums Gefühl. Grassiert es nicht, das Ungerechtigkeitsgefühl?

Und eines steht fest: Gefühl kann Schulz. Ganz anders als die, die das Amt verteidigen soll, in das er hinein will, das Kanzleramt. Angela Merkel, die Amtsinhaberin, erscheint neben ihm wie eine Kanzlermaschine, ein Merkelomat.

Das Versprechen: Milliardeninvestitionen – in Menschen

Wenn dann ihre Union auch noch Abermilliarden an Steuersenkungen verspricht und die Abschmelzung des Solidaritätsbeitrages, wenn sie im Gegenzug aber 20 Milliarden Euro mehr fürs Militär und dessen Rüstung ausgeben will – dann öffnet sie das Tor für die anderen. Scheunenweit.

Denn der andere verspricht Milliardeninvestitionen, nur nicht in Kriegsgerät, sondern in Köpfe, in Menschen, echte Menschen aus Fleisch und Blut. Bildung kostenfrei! Fortbildung kostenfrei! Längeres Arbeitslosengeld! Qualifizierung für Arbeit! Endlich Perspektiven für desillusionierte Ältere und bange Jüngere! Familienarbeit! Schulz verspricht das alles, und alles so vehement, dass jede Forderung ein Ausrufezeichen wird.

Dass die Länder die Bildungshoheit haben, und der Bund ihnen nicht so einfach reinregieren kann – wer will das schon hören? Hier und jetzt keiner. Zumal Schulz seine Antwort gleich mitliefert: Dann gewinnen wir die restlichen Länder eben auch noch.

Damit allerdings wächst der Druck. Schulz muss liefern, 100 Prozent. Wenn im Saarland, in wenigen Tagen, der Regierungswechsel gelingt, die Sozialdemokraten eine Machtperspektive haben, dann … Wenn die SPD im Mai auch noch die Macht in NRW hält, dann …

Dann war dieser Sonntag der erste Tag der nächsten Wende.