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25/09/2016

Wie Wulff den allerersten Wahlkampf mit Bestechungen bestritt

Wahlen und Macht

Wie Wulff den allerersten Wahlkampf mit Bestechungen bestritt

Christian Wulff mit japanischen Schülern. Als er selbst Gymnasiast war, startete er seine politische Karriere als Schülersprecher. Der Wahlkampf scheint nicht ganz sauber gewesen zu sein. Foto: dpa

Bundespräsident Christian Wulff hat für sein erstes politisches Amt – als Schülersprecher in seinem Osnabrücker Gymnasium – offenbar systematisch mit Münzen und Schokotäfelchen die Wähler bestochen. Ein Zeitzeuge schildert dem Deutschland-Korrespondenten der dänischen Zeitung Morgenavisen Jyllands-Posten, wie Wulff in die Politik einstieg.

Zur Person

" /Jørn uz Ruby ist langjähriger Deutschland-Korrespondent der dänischen Zeitung Morgenavisen Jyllands-Posten und arbeitet in Berlin. Seine Recherche aus der Schulzeit Wulffs ergab sich durch einen großen Zufall. Das Ergebnis stand bisher in keinem anderen Medium.

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Die dänische Zeitung Morgenavisen Jyllands-Posten Leitet Herunterladen der Datei einveröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 21. Januar 2012 ein Porträt des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff. Es enthält noch unbeachtete Informationen über die Vergangenheit Wulffs. EurActiv.de dokumentiert den Beitrag des dänischen Journalisten Jørn uz Ruby.

Als sich demnach Wulff zum ersten Mal um ein politisches Amt als Schülersprecher an dem Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium in Osnabrück bewarb, bestach er seine Wählerinnen und Wähler. Woher der junge Gymnasiast, der aus einem bescheidenen Elternhaus stammte, seine damals erheblichen Mittel zur Bestechung bekommen hatte, ist noch offen. Die Zeitung lässt vermuten, dass der spätere Bundespräsident sich schon damals mit einflussreichen Freunden umzugeben verstand.

Die Zeitung zitiert einen alten Schulfreund, Hermann Schmidtendorf, der drei Jahre älter als Christian Wulff ist und sein Vorgänger im Amt als Schülersprecher war:

“Wir waren damals die erste Generation, die gewagt hatte, unsere Väter zu fragen, was sie während des Krieges gemacht hatten. Damals gab es Aufbruch in Deutschland, und in der Schule diskutierten wir über Politik, Vietnam, Chile, Klassenkampf, auf Hochtouren,” erzählt Hermann Schmidtendorf der dänischen Zeitung.

Christian (Wulff) sei der erste Schüler gewesen, der gegen den damals ideologisierenden Unterricht protestiert habe. Er habe nur lernen wollen – nach dem Motto: “Wir müssen uns auf unser Pensum konzentrieren, damit wir so schnell wie möglich in die Welt gehen und Geld verdienen können.”

Seiner Meinung nach, so Schmidtendorf, war das zu wenig. “Ich fand es aber auch mutig von ihm, sich so gegen den Zeitgeist zu äußern. Im Nachhinein kommt es mir doch paradoxal vor: Politiker sein zu wollen, ohne über Politik reden zu wollen. Aber vielleicht wurde er deshalb als der ideale Bundespräsident gedacht.”

Schmidtendorf – er diente später als Dolmetscher und Ratgeber für Gerhard Schröder in dessen Zeit als Vorsitzender für die jungen Sozialdemokraten – lächelt: ”Also so einer, der eigentlich keine Macht hat, aber der die Weihnachtsrede hält, in der allgemeine menschliche Werte betont werden, der darf ja gerne etwas langweilig sein.”

Das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium in Osnabrück rühmt sich, starke Persönlichkeiten hervorgebracht zu haben. Das Gymnasium schmückt sich mit Pluswörtern wie Energiesparschule, humanistische Schule, Schule ohne Rassismus. Mit Stolz wird hervorgehoben, dass eine ganze Reihe von Persönlichkeiten, mit Wulff an der Spitze, ihre Kindheit und Jugend hier verbracht haben.

Hermann Schmidtendorf kennt eine andere Geschichte.

Er war damals Vorsitzender des Schülerrates, als der spätere Bundespräsident seinen Einstieg in die Politik machte. ”Damals war die Schule nach amerikanischem Muster mit demokratisch gewählter Schülervertretung organisiert”, erklärt Schmidtendorf.

“Wir lehnten uns an die politischen Parteien, und als Sozialdemokrat wurde ich zum ersten gemeinen Schülersprecher gewählt.”

Der After-Eight-Politiker

Als Schmidtendorf 1975 Arbitur machte, sollte ein neuer Schülersprecher gewählt werden. Christian Wulff hatte sich als Kandidat für die Schülerunion, die aus jungen CDU-Mitgliedern bestand, aufgestellt. An dessen Slogan erinnert sich Schmidtendorf immer noch: “Sachliche Politik statt Klassenkampf”.

”Aber ganz so sachlich, wie er behauptete, waren seine politischen Methoden nicht. Während des Wahlkampfes hat er After-Eight-Schokolade unter den jüngsten Schülern verteilt. Die Schüler der mittleren Stufe, in der 8., 9. und 10. Klassen, haben zwei D-Mark und die Schüler in der Oberstufe fünf D-Mark pro Kopf bekommen, wenn sie versprochen haben, ihre Stimmen dem Wulff zu geben. Seit dem habe ich ihn immer den After-Eight-Politiker genannt. 

Aber, so fragte Jørn Ruby aus Dänemark, habe man es damals nicht merkwürdig gefunden, dass ein Schüler so viel Geld verteilen konnte?

“Doch, das passte ja gar nicht zu dem Bild, das wir von ihm hatten: einem Jungen, der neben der Schule arbeiten und daheim im Haushalt mithelfen musste. Theoretisch muss ihn das Ganze mehr als 2.000 D-Mark gekostet haben. Das war damals eine Menge Geld – und wahrscheinlich unversteuert, denn ich kann mir ja gar nicht vorstellen, das dieses Geld aus einer Parteikasse kam”, hinterfragt Schmidtendorf.

”Ja”, meinte der Mitschüler Wulffs zum dänischen Korrespondenten verschmitzt: “Da haben Sie schon das nächste Kapitel in der Skandalgeschichte um den deutschen Bundespräsidenten.”

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Den Originalartikel in dänischer Sprache sehen Sie Leitet Herunterladen der Datei einhier als PDF.