Emmanuel Macron – Ein Feingeist auf dem Weg zum Elysée

Laut Hochrechnung liegt Emmanuel Macron mit 23 Prozent vor Marine Le Pen (21 Prozent) [EPA/THIBAULT VANDERMERSCH]

Der unabhängige Kandidat greift mit knapp 40 Jahren nach dem höchsten politischen Amt in Frankreich: Emmanuel Macron will nach Stationen als Berater des Staatschefs und auf dem Posten des Wirtschaftsministers im Mai Präsident werden.

Der frühere Investmentbanker hat sich aus dem Schatten seines Mentors im Elysee-Palast, Francois Hollande, gelöst und will nach einer politischen Blitzkarriere den Sozialisten nun beerben. Mit Erreichen der Stichwahl hat er laut Umfragen die besten Aussichten, das zu schaffen.

Der fast jugendlich wirkende Kandidat mit Seitenscheitel und markanten Koteletten ist wie so viele andere Spitzenpolitiker Absolvent der Elite-Hochschule ENA. Doch der smarte Jungstar sieht sich nicht als Teil des politischen Establishments, sondern als Revoluzzer, der Frankreich aufrütteln und modernisieren will.

Newsblog: Die Präsidentschaftswahl in Frankreich

In zwei Wahlgängen (am 23. April und 7. Mai) bestimmen unsere französischen Nachbarn, wer in den Élysée-Palast als ihr nächster Präsidenten einzieht.

Macron hat mit „En Marche“ (Vorwärts) binnen Jahresfrist eine eigene Bewegung mit mehr als 230.000 Anhängern auf die Beine gestellt. Sie soll den 39-Jährigen ins Präsidentenamt tragen und einen Durchmarsch der Rechtsextremen Marine Le Pen verhindern.

Der im nordfranzösischen Amiens geborenen Sohn eines bürgerlichen Ärzte-Ehepaars war schon als Kind ein Bücherwurm, wie er in seinem eigenen Werk mit dem Titel „Révolution“ schreibt. Macron, der auch ein begabter Klavierspieler ist, hat seit den Zeiten als Berater Hollandes zudem den Spitznamen „Mozart aus dem Elysee-Palast“. Doch der Feingeist und studierte Philosoph zeigt auch eine andere Seite: Macron liebt das Kickboxen, auch wenn er inzwischen öfter zum Tennisschläger greift.

Mit dieser Mischung aus Talent und Schlagkraft hat er sich den Weg nach ganz oben gebahnt. Als Investmentbanker bei Rothschild bewies er auch in der Geschäftswelt Durchsetzungsvermögen: 2012 boxte Macron den milliardenschweren Kauf der Säuglingsnahrungssparte des US-Pharmakonzerns Pfizer für den Nahrungsmittelkonzern Nestle durch, der dabei Mitbewerber ausstach. Zugleich erwarb sich Macron damals als Präsidentenberater den Ruf, stets ein offenes Ohr für die Belange der Unternehmer zu haben. „Er ist unsere Anlaufstelle beim Präsidenten“, bescheinigte ihm der Chef von France Telecom, Stephane Richard, im September 2012.

Macron, die Banken und „Fake News“

Diese Nähe zur Wirtschaft bietet seinen politischen Gegnern Angriffsfläche. Laut En-Marche-Generalsekretär Richard Ferrand hat Russland sogar eine „Fake news“-Kampagne gegen den bekennenden Pro-Europäer losgetreten. Russland weist die Vorwürfe zurück, auch wenn in staatlichen Medien Macron als „Agent der amerikanischen Hochfinanz“ tituliert wird. Laut Ferrand gab es auf die Computer der En-Marche-Kampagne zudem Hunderttausende Angriffe, die von Orten in Russland ausgingen.

Die Vision des Monsieur Macron

Er ist der Überraschungskandidat im französischen Präsidentschaftswahlkampf. In Berlin hat Emmanuel Macron nun seine Grundsatzrede zu Europa gehalten. Eine klare Forderung an Deutschland stellte er dabei auch.

Für Aufregung im Wahlkampf sorgten zudem Gerüchte im Netz, in denen Macron eine außereheliche Liebesaffäre mit dem fast gleichaltrigen Rundfunkintendanten Mathieu Gallet nachgesagt wurde. Macron, der seit 2007 mit seiner früheren Französischlehrerin Brigitte Trogneux verheiratet ist, versuchte die Gerüchte mit Ironie aus der Welt zu schaffen: Falls er tatsächlich ein Doppelleben mit Gallet führen sollte, könne es nur daran liegen, dass sein eigenes „Hologramm ausgebüchst“ sei. Er spielte auf einen skurril anmutenden Wahlkampfauftritt seines linken Konkurrenten Jean-Luc Melenchon an: Dieser nutzte moderne 3-D-Technik und zauberte sein virtuelles Ich via Hologramm auf eine Bühne in Paris, während er in Lyon redete.

Dass ihm nach dem Bruch mit der Regierung von Teilen der Linken Verrat vorgeworfen wird, findet Macron weniger lustig. Er hatte seinen Ministerposten nach nur zwei Jahren im Amt im August 2016 aufgegeben, um fortan seine Kandidatur um das höchste Staatsamt vorzubereiten. Er sei von den Vertretern des politischen Systems nicht als einer der Ihren akzeptiert worden, klagt der selbst ernannte Revolutionär in seinem Buch: „Wenn ich mich über die politischen Regeln hinweggesetzt habe, dann nur deshalb, weil ich sie niemals akzeptiert habe.“

Hintergrund

Macrons Wahlprogramm

Mehr Europa
Wie kein zweiter französischer Präsidentschaftskandidat wirbt Macron für eine Vertiefung der europäischen Integration. So will der 39-Jährige einen Haushalt, ein Parlament und einen Finanzminister für die Eurozone. Zusammen mit Deutschland will der überzeugte Pro-Europäer außerdem eine gemeinsame europäische Verteidigungspolitik stärken. Er schlägt einen europäischen Verteidigungsfonds für gemeinsame Rüstungsausgaben vor.

Haushaltdisziplin und Steuernsenkungen
Zudem will der parteilose Politiker Frankreich umfassende Reformen verordnen: Macron will bei den Staatsausgaben binnen fünf Jahren 60 Milliarden Euro einsparen und dazu unter anderem 120.000 Stellen im öffentlichen Dienst streichen. Der Ex-Wirtschaftsminister will zugleich Unternehmen bei Steuern und Abgaben entlasten. So soll die Unternehmenssteuer von 33,3 auf 25 Prozent sinken. Steuerentlastungen soll es auch für die Bürger geben: 80 Prozent der Haushalte sollen drei Jahre lang von der Wohnungssteuer befreit werden.

Reformen von Arbeitsmarkt und Renten
Macron will die 35-Stunden-Woche weiter lockern und Unternehmen und Gewerkschaften mehr Raum geben, über die Arbeitszeiten zu verhandeln. Die Arbeitslosenversicherung soll für Selbstständige, Unternehmer und Landwirte geöffnet werden, außerdem für Angestellte, die von sich aus gekündigt haben. Zugleich soll der Druck auf Arbeitslose erhöht werden, angebotene Jobs anzunehmen. Macron will außerdem die umstrittenen Sonderrenten für Beamte und Mitarbeiter von Staatskonzernen abschaffen. An dem Vorhaben war Mitte der 90er Jahre eine konservative Regierung gescheitert. Das Renteneinstiegsalter und die Höhe der Bezüge will er nicht antasten.

Gezielte öffentliche Investitionen
Macron will zwar sparen, zugleich aber mehr in Zukunftssektoren investieren. Ihm schwebt ein 50 Milliarden Euro schwerer Investitionsplan vor. Der Großteil davon - jeweils 15 Milliarden Euro - sollen in die berufliche Aus- und Weiterbildung und in die Energiewende fließen.

Sicherheit und Verteidigung
Macron will 10.000 neue Polizisten einstellen und 15.000 neue Gefängnisplätze schaffen. Außerdem will er eine Nachbarschaftspolizei einführen. Die Verteidigungsausgaben will er auf das Nato-Ziel von zwei
Prozent des Bruttoinlandsprodukts anheben.

Umwelt und Atomkraft
Macron hält an dem Ziel der jetzigen Regierung fest, den Atomstromanteil von derzeit rund 75 Prozent bis 2025 auf 50 zu senken. Er ist auch für die Schließung des Pannen-Akws Fessenheim. Bis 2022 sollen eine Million schlecht isolierte Wohnungen renoviert werden.

Kampf gegen Vetternwirtschaft
Insbesondere als Reaktion auf die Scheinbeschäftigungsaffäre um den konservativen Präsidentschaftskandidaten François Fillon schlägt Macron ein Gesetz für mehr Moral in der Politik vor. Unter anderem will er Abgeordneten verbieten, Verwandte als parlamentarische Mitarbeiter zu beschäftigen. Auch sollen Parlamentarier nicht neben ihrem Mandat noch Beratertätigkeiten ausüben
dürfen.