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28/09/2016

Die Montagsdemos in Leipzig

Wahlen und Macht

Die Montagsdemos in Leipzig

Leipzig, 4. September 1989: Zwei Stasi-Leute (re.) entreißen Demonstranten ein Transparent, das Reisefreiheit fordert (Foto: Archiv)

Leipzig, zwei Monate vor dem Fall der Mauer. Der Nikolai-Kirchhof vibriert. Friedensgebete und Montagsdemos fordern die Kampfhunde des Regimes heraus. Ohnmacht, Wut und Tränen – und unerschöpflich viel Mut, den die Leipziger und Plauener den Berlinern voraus hatten. Der 4. September 1989 – die erste Leipziger Montagsdemo.

Das "Friedensgebet" hatte noch gar nicht begonnen, da waren die Gassen rund um den Nikolai-Kirchhof schon einheitlich grau. Die Farbe der Vopo-Uniformen verteilte sich gleichmäßig um das ökumenische Gotteshaus im Leipziger Stadtzentrum, während drinnen um das Aussprechen von Schuld und um Versöhnung gebetet wurde.

Hunderte im Kirchenschiff, Hunderte vor dem Portal, die meisten davon Ausreisewillige, durchsetzt von Stasi-Leuten, umzingelt von Uniformierten, dazwischen Kameraleute Dutzender westlicher Fernsehanstalten. Während der Leipziger Messe war das nicht zu verhindern.

Kein Stasi-Applaus in der Kirche

Die zum Friedensgebet abkommandierten Geheimdienstler waren instruiert worden, wie sie sich in der Kirche unauffällig verhalten sollten: keine Kopfbedeckung, kein Applaus.

Superintendent Friedrich Magirius hatte als Motto des allmontäglichen Friedensgebetes den fünfzigsten Jahrestag des Kriegsausbruchs gewählt. "Worunter wir heute leiden, worüber wir uns heute beklagen, das hat seine Ursache damals." Wer hierher in die Nikolai-Kirche gekommen sei, der wolle nicht verdrängen, sondern sich den Tatsachen stellen. Der hoffe, dass "wenigstens die Grenze nach dem Osten aufgemacht wird".

Die Fürbitten konzentrieren sich auf Mut und Geduld für die vielen kleinen Schritte. Dass junge Leute, die etwas verbessern wollen, nicht bestraft werden. Dass jeder in diesem Land wieder gerne wohnt und arbeitet. Die kurze Predigt ist auf Versöhnung angelegt, Versöhnung auch mit den Machthabern in der DDR, und ist dennoch eine Anklage.

"Warum antwortet ihr nicht?“

Unermüdlich habe er, schildert der Superintendent, seit einem Jahr die Funktionäre gefragt: "Warum antwortet ihr nicht? Wir suchen die Schuld ja auch bei uns und fragen uns, was haben wir falsch gemacht?" Die Schuld müsse endlich ausgesprochen werden, dann müsse man gemeinsam neu anfangen.

Als die vielen jungen Leute aus den Kirchentüren strömen, steigt die Spannung. Es knistert am Nikolai-Kirchhof. Minutenlanges Abwarten. Die Menge hält sich zurück. Die Volkspolizei auch.

Da tauchen zwei Transparente auf: Reisefreiheit, Pressefreiheit, mehr Umweltschutz werden gefordert. Die angespannte Stille wird urplötzlich von tosendem Applaus durchbrochen. Einer schreit: "Wir wollen raus!" Alle wiederholen und skandieren: "Wir wollen raus! Wir wollen raus!" An die Messegäste gerichtet riefen sie: "Nehmt uns mit in die Bundesrepublik!"

Einige Grüppchen rufen das Gegenteil: „Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!“ Sogar diese harmlose Worte stören den Staat. Denn sie bedeuten die Forderung nach Reformen und Regimewechsel im Lande.

Die grauen Uniformen kommen näher. Die Volkspolizisten wirken aber unschlüssig. Sie beschränken sich aufs Zuschauen. Das Grobe werden gleich die Kollegen von der Stasi erledigen. In diesem Moment fragt sich wohl jeder dasselbe: Werden die Ordnungshüter auch durchgreifen, obwohl die Kameras und Fotoapparate westlicher Medien auf sie gerichtet sind? Werden sie ihr wahres Gesicht zeigen, obwohl die Stadt anlässlich der Herbstmesse voll von ausländischen Gästen ist?

Schlägertypen im Staatsauftrag

Ein Mädchen auf den Schultern des Vaters fragt: "Warum müssen denn da so viele Polizisten aufpassen?" Bevor der Vater antworten kann, stürmt ein Pulk von Schlägertypen in Richtung der Transparente. An die zwanzig Mann in Zivil sind es, die die Demonstranten und Reporter brutal wegstoßen und die Transparente sekundenschnell zu Boden reißen.

Auch ein Plakat – "Für ein freies Land mit offenen Grenzen" – verschwindet Sekunden nach dem Entrollen.

Zwei etwa vierjährige Kinder werden im Tumult aufs Straßenpflaster geschleudert, verlieren ihre Schuhe. Ein geparkter Trabi verhindert, dass sie niedergetrampelt werden. Ihre Schreie gehen unter, als die Menge nun fordert: "Stasi raus! Stasi raus!"

So schnell die Rockertypen da waren, so schnell sind sie wieder verschwunden. Mit ihnen die Transparente und ein letztes Stück Illusion: Nicht einmal die westlichen Augenzeugen bremsen die Kampfhunde des Regimes. Die Westpräsenz sorgt aber wenigstens dafür, dass diesmal noch niemand "zugeführt", festgenommen wird. 

Modeerscheinung in der Szene

Unter der Last, die auf den Seelen vieler DDR-Bürger drückt, müsste der Nikolai-Kirchhof eigentlich eingebrochen sein. Nicht aller Bürger, gewiss. Viele haben rein wirtschaftliche Gründe für ihren Ausreisewunsch. Ein junger Mann erzählt sogar: "In der Szene ist das eine Modeerscheinung. Studenten, Kellner, Künstler, Spieler, sogar Prostituierte – jeder, der Kohle hat, hat einfach seinen Ausreiseantrag gestellt. Man fragt sich untereinander: ‚Wieso bist du noch da?‘ Mein letzter Kumpel hat mich vor drei Wochen aus Kassel angerufen. Mich hält hier auch nichts mehr."

Ein anderer meint: "Das Eingesperrtsein in diesem Staat hält keiner mehr aus. Die Generation, die diesen Staat aufgebaut hat, die hat sich damit abgefunden. Aber die Generation, die jetzt hier lebt, die wird sich nie damit abfinden." Dementsprechend drängt es fast nur junge Leute in den Westen. Die Elterngeneration hat resigniert.

"Und wenn ich dabei kaputt gehe!"

Die 41-jährige Datenverarbeiterin am Rande der Demonstration vom Montagabend – sie ist ein Bündel aus Wut und Verzweiflung. Verheult erzählt sie mir, wie sie zusammen mit ihrem Mann und ihrem vierjährigen Sohn vor sechs Wochen aus Ungarn über die Grenze nach Österreich hatte fliehen wollen. Ihr Mann und das Kind schafften es. Dann mussten die beiden zusehen, wie die Frau, als sie zum Sprung über den Wassergraben ansetzte, von den ungarischen Grenzern zurückgehalten und abgeführt wurde.

Die Schreie ihres Sohnes hallen ihr immer noch in den Ohren: "Mutti, Mutti…!" Sie bekam den gefürchteten Stempel in den Pass, darf nie mehr nach Ungarn. "Ich tue alles, wirklich alles, damit ich zu meinem Kind komme. Und wenn ich zwanzig Jahre eingesperrt werde, und wenn ich dabei kaputt gehe. Ich will zu meinem Mann und zu meinem Kind!"

Wir bemerken, dass unser Gespräch konzentriert beobachtet wird. Allzu viele auffällig Unauffällige stehen umher und lauschen. Die Frau verschwindet abrupt in einer Geschäftspassage.

Keine Angst dagegen hat der 75-jährige Herbert Roland, auch er mit Tränen hinter seiner dicken Brille, als er das Gespräch anfängt: "Schreiben Sie ruhig meinen Namen", sagt er, "ich habe hier wirklich nichts mehr zu verlieren."

Verloren hat er seine drei Kinder an den Westen, durch legale Übersiedlung, und erst im April seine Frau an den Tod.

Die Parte in der Leipziger Volkszeitung

Als er in der Leipziger Volkszeitung eine Parte veröffentlichen wollte, verweigerte man ihm in der Anzeigenabteilung die drei Worte "Gott mit uns". Das widerspreche den Vorschriften. Bis jetzt hat er das nicht verkraftet. Er könnte zwar zu seinen Kindern in die BRD ziehen. Aber er bleibt in Leipzig. Um das Grab seiner Frau besuchen zu können.

Den Leuten, die da "Wir wollen raus!" rufen und zwei Finger zum Victory-Zeichen in die Luft strecken, ist schon alles egal. Es ist ihnen gleichgültig, ob sie vom Geheimdienst, der sich unter die Reporter gemischt hat, fleißig geknipst, gefilmt, später identifiziert und zwei Tage danach zum Verhör vorgeladen werden.

Ungeniert zeigen sie auf ein bestimmtes Fenster im dritten Stock eines Wohnhauses neben der Nikolai-Kirche, wo sie die Einsatzzentrale der Stasi während der allmontäglichen Friedensgebete vermuten.

Vor dort oben ergibt sich ein guter Überblick über eine Masse von DDR-Bürgern, die sich längst kein Blatt mehr vor den Mund nehmen. Aber der Horizont von dort oben muss sehr eng sein.

Die vielen Helden von Leipzig

Von dort oben verfolgten sie Montag für Montag das Anwachsen der Kundgebungen. Sie konnten die atemberaubende Entwicklung nicht verhindern.

Eine Woche nach dem hier geschilderten 4. September 1989, wo sich erst ein paar Hundert formiert hatten, waren es bereits 1.500 Menschen. Am 25. September hatten schon 5.000 den Mut, nach dem Friedensgebet auf die Straße zu gehen. Am 2. Oktober waren es 10.000, am 9. Oktober 70.000, am 16. Oktober 120.000, am 23. Oktober 250.000. Und am 30. Oktober (dem Tag des letzten "Schwarzen Kanals" von "Sudel-Edi" Karl Eduard von Schnitzler) 300.000 Menschen.

Besonders prekär war die Montagsdemo vom 9. Oktober. Den 70.000 demonstrierenden Menschen standen 8.000 bewaffnete Polizisten, NVA-Soldaten und Angehörige der Kampfgruppen gegenüber. Nicht nur scharfe Munition war bereits ausgegeben worden, sondern in den Krankenhäusern Blutkonserven und Notbetten vorbereitet gewesen. Die Telefonistinnen der Krankenhäuser hatten die Maßnahmen mitbekommen und warnten entsetzt ihre Bekannten vor einem Blutbad.

Den Befehl zum harten Durchgreifen gegen die 70.000 Demonstranten hatte Erich Honecker schon unterschrieben. Es war nicht dessen Nachfolger Egon Krenz, der das Blutbad vereitelte, sondern der Chefdirigent des Leipziger Gewandhauses, Professor Kurt Masur, der zusammen mit SED-Funktionären einen Aufruf zur Gewaltlosigkeit verbreiten ließ. Krenz billigte erst im Nachhinein per Telefon die Gewaltfreiheit.

Zweckentfremdete Feuerwehrautos

Oft waren es kleine, aber nicht minder mutige Aktionen. So distanzierte sich die Freiwillige Feuerwehr von Plauen aufs Schärfste gegen das "zweckentfremdete Einsetzen von Tanklöschfahrzeugen als Wasserwerfer gegen friedliche, unbewaffnete Bürger und Kinder". Die Feuerwehrleute verwahrten sich gegen den "völlig sinnlosen Einsatzbefehl des Einsatzleiters der Volkspolizei" und drohten an, keine Brandschutzmaßnahmen mehr durchzuführen, weil sie die "verständlichen" Emotionen der Bürger fürchteten.

Das Neue Forum sammelte überall Unterschriften und hatte großen Zulauf. Gelegentlich gab es Kontroversen rivalisierender Gruppen, die beide das Neue Forum ihres Ortes gegründet haben wollen. Später stellte sich heraus, dass eine davon jeweils von der Stasi lanciert worden war.

Aber nicht nur in Leipzig schwoll der Widerstand an, auch in Dresden und Plauen und anderen sächsischen Orten forderten die Bürger die Staatsmacht heraus. Eindeutig waren von allen DDR-Bürgern die Sachsen die mutigsten und die schnellsten.

"Wir hätten uns die Mauer nie gefallen lassen!"

"Die Berliner haben bloß eine große Fresse", rückt eine resolute Leipzigerin die Dinge zurecht. "Aber wir handeln. Wir hätten uns die Mauer nie gefallen lassen!"

Ohne die Beherztheit der Leipziger wären die DDR-Bürger vermutlich länger eingesperrt gewesen, hätte die deutsche Teilung noch eine Weile angedauert. Als die tschechoslowakischen Philharmoniker im Leipziger Gewandhaus ein Gastspiel hatten, gestanden sie, die Tschechoslowaken hätten gerade durch die Leipziger den Mut zum Aufstand gefunden.

Tatsächlich waren die Massenkundgebungen mit 300.000 Teilnehmern, die die Wende eingeleitet und die deutsche Einheit bewirkt haben, in Leipzig härter, aggressiver und politischer als in anderen Teilen der DDR. Das mag am Selbstbewusstsein der Leipziger liegen, die ihre Stadt immer schon als heimliche Hauptstadt der DDR angesehen haben. Aber auch am südlichen Temperament. Und daran, dass den Bewohnern der Messestadt zwei Mal im Jahr die Augen geöffnet wurden.

Der Schriftsteller Stefan Heym ernannte Leipzig zur "Heldenstadt der DDR", weil die Wende, der Zusammenbruch der DDR und folglich die deutsche Einheit dem Mut und der Beharrlichkeit der Leipziger und eben nicht der Ostberliner zu verdanken waren.

Ewald König, Chefredakteur von EurActiv.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EurActiv schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

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