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25/08/2016

DDR-Telefon: Fasse dich kurz!

Wahlen und Macht

DDR-Telefon: Fasse dich kurz!

Das letzte DDR-Telefonbuch erschien 1989 (Foto: Malik)

Das Telefonnetz der DDR stammte zum Teil noch aus den zwanziger Jahren. Das letzte „Fernsprechbuch“ der DDR-Hauptstadt erschien 1989. Es wurde zum Zeitzeugnis der Veränderungen. Eine Telefonbuchbesprechung.

Als kurz vor der Wende das Kollektiv des „Grafischen Großbetriebs Völkerfreundschaft Dresden“ das DDR-Telefonbuch fertigstellte, wusste keiner der Arbeiter, welches historische Dokument sie herstellten. Es sollte das letzte „Fernsprechbuch“ für die Hauptstadt der DDR werden. Ein Zeitzeugnis der Veränderungen.

Der 640 Seiten dicke Wälzer war für 1989 bestimmt. Das letzte Telefonbuch davor trug die Jahreszahl 1986. Der Abstand hatte immer drei Jahre betragen. Das reichte. Viel geändert hatte sich ohnehin nicht, und mit Papier musste sparsam umgegangen werden.

Die Ausgabe von 1986 war anscheinend recht populär, die von 1989 sogar ein Bestseller – oder ein Staatsgeheimnis. Es kostete mich nämlich als damaliger Korrespondent für die österreichische Zeitung „Die Presse“ fast einen ganzen Arbeitstag mit vielen Bittgängen, um ein solches Buch zu erhalten. Vielleicht weil es das einzige Buch war, in dem das DDR-Regime die Bevölkerung nicht anlog?

Obwohl bald nach Erscheinen die meisten Einträge nicht mehr stimmten, sollte es noch mehr als eineinhalb Jahre dauern, bis das erste Gesamtberliner Telefonbuch herauskam. Von den etwa 205.000 Einträgen behielten großteils nur die privaten Anschlüsse ihre Gültigkeit.

Gebühren 40 Jahre unverändert

Ansonsten hat sich alles geändert. Schon auf den Umschlagseiten. Vorne: Berlin war dann nicht mehr die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Hinten: Die Anzeige „Wir erwarten Sie im Palast der Republik mit Theater, Galerie, Disko und Restaurants“ ist überholt. Der „Palazzo prozzo“ war asbestverseucht und wurde geschlossen, sehr viel später abgerissen.

Die Gesprächsgebühren auf den Seiten 6 bis 8 waren noch die gleichen wie aus den Anfängen der DDR. Sie galten nach der Wende natürlich nicht mehr.

Der Kasten „Signale zur Warnung“ hat ebenfalls rasch seine Bedeutung verloren. Die Sirenenfolge für Katastrophenalarm, Luftalarm, chemischen Alarm oder für „gefahrdrohende Situation“ ist ein Rhythmus vergangener Zeiten.

Bei Gewitter auf eigene Gefahr

Die „Hinweise zur Benutzung“ galten freilich noch eine Weile, waren doch die Leitungen noch lang völlig überlastet: „Im Interesse der gegenseitigen Rücksichtnahme und besseren Erreichbarkeit: FASSE DICH KURZ!“ Und weiter: „Die Benutzung des Fernsprechanschlusses bei Gewittern erfolgt auf eigene Gefahr.“ Das ging bis zum Tipp: „Wählen Sie die Nummer von links beginnend ohne Verzögerung.“

Überholt war auch die Seite mit den internationalen Anschlüssen. Dort waren nämlich die Bundesrepublik und Berlin (West) noch unter Ausland angeführt. Überholt war auch die Spalte mit den diplomatischen Vertretungen, auf die sich die DDR so stolz war, bedeuteten sie doch internationale Anerkennung. Die Botschafter bereiteten aber gerade ihren Auszug aus Ostberlin vor.

Ein Telefonbuch voller Karteileichen

Wohin das Auge springt, erblickt es Karteileichen. Den Ministerrat der DDR gibt es nicht mehr, auch das „Institut für sozialistische Wirtschaftsführung des Ministeriums für bezirksgeleitete Industrie und Lebensmittelindustrie“ nicht mehr, die HO (Handelsorganisation) ebenso wenig wie die „Akademie der Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der SED“. Wer einen Kombinatsdirektor sucht, landet nun im Vorzimmer eines GmbH-Geschäftsführers.

Ferner: Die Nationale Volksarmee gehört seit 3. Oktober 1990 zur Bundeswehr. Die Volkspolizei heißt Polizei. Umgekehrt sucht man noch vergeblich nach den Parteizentralen von SPD, DSU oder Neuem Forum. Oder etwa nach einer Werkstätte für Westautos.

Geändert hat sich einiges bei den Tonbanddiensten. Unter der Nummer 1258 hört man nach der Wende: „Hier ist der Ansagedienst der Deutschen Bundespost – Telekom. Wir geben Ihnen bekannt, dass die Informationen zur Berufsberatung eingestellt wurden. Dieser Hinweis ist gebührenfrei.“

Das Kinoprogramm aus dem Ostteil wird noch lang angesagt (1242 und 1243). Dass dann auch die Westberliner Kinoprogramme durchgegeben werden: Wer soll das wissen, wenn dies noch nicht im Telefonbuch steht?

Auch das „Telefon des Vertrauens“ wurde abgehört

Das „Telefon des Vertrauens“, eine Art Telefonseelsorge, betrieben vom Ostberliner Magistrat, funktioniert noch lange Zeit (437 7002). Viel Vertrauen war jedoch auch hier nicht angebracht, da die Stasi-Leute sogar in den Beichtstühlen ihre Wanzen angebracht hatten.

Der Hinweis von Seite 639 galt indes nicht für alle. Demnach soll, wer beim Verbindungsaufbau (gemeint ist: beim Wählen) in ein Gespräch gerät, auflegen und „den Vorgang wiederholen“. Die Stasi hielt sich nicht dran. Ihr monströses Ministerium für Staatssicherheit übrigens war im Telefonbuch mit nur drei Zeilen präsent.

Im ersten Gesamtberliner Telefonbuch fehlte es dann komplett.

Probleme bei der Beschaffung des Fernsprechbuchs waren der harmloseste Teil der Telefonmisere in der DDR. Das System stammte zum Teil noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.

Hohe Telefonrechnungen – auch ohne Telefon

Da war die 25-jährige Studentin aus Leipzig, die in der Singerstraße in Berlin-Friedrichshain eine 27 Quadratmeter kleine Wohnung bezog. Sie ärgerte sich dort über die hohen Telefonrechnungen, die sie laufend erhielt. Name und Adresse stimmten. Telefonnummer und Betrag waren ihr ein Rätsel. Sie hatte in der Wohnung nämlich gar kein Telefon – so wie fast alle anderen Bewohner in ihrem Hochhaus.

Nachdem sie die Rechnungen zurückgeschickt hatte, stand – ohne Antrag, ohne Auftrag, ohne Voranmeldung – ein Telekom-Mann mit einem Apparat vor der Türe. Der Elektriker wollte das Telefon gleichsam der Rechnung „nachreichen“. Die junge Frau wusste, dass Millionen DDR-Bürger ewig auf ein Telefon warteten, und war überglücklich. Aber jedes Mal, wenn es bei ihr läutete, dachte sie an die neidischen Nachbarn. Natürlich wurde gemunkelt, sie habe für die Stasi gearbeitet und sei deshalb bevorzugt worden.

Die Masse der privaten Telefonkunden muss nämlich auch nach der Wende weiter warten. Die Telekom hatte es – entgegen ihren Versprechungen – nicht geschafft, bis zum Jahreswechsel 1991/92 wenigstens die Geschäftsleute in Ostberlin und den neuen Bundesländern mit Telefonanschlüssen zu versorgen, was ja für den erhofften Aufschwung essenziell gewesen wäre.

Ein kleines Beispiel für das kreative Chaos, das nach der Wende herrschte. Wo das Telefonsystem aus den zwanziger und dreißiger Jahren stammte, insgesamt nur 16 Prozent der DDR-Haushalte versorgt waren und Wartezeiten für Neuanschlüsse Jahrzehnte dauern konnten, dort sollte in wenigen Jahren das modernste Kommunikationsnetz Europas oder gar der Welt fertig sein.

Reisebüro bucht in der Telefonzelle

Bevor die Uralt-Technik aus DDR-Zeiten ausgetauscht ist, müssen sich viele Geschäftsleute gedulden, die nicht so viel Glück hatten wie die 25-jährige Leipzigerin in der Singerstraße. Etwa der Juwelier, der nach einem Einbruch eine funktionierende Telefonzelle suchen muss, um die Polizei zu alarmieren. Oder die Reisebüroinhaberin, die für jede Buchung zur nächsten Zelle radeln muss.

1,6 Millionen unbearbeitete Anträge hinterließ die DDR-Post der Telekom. Der älteste Antrag war 28 Jahre alt. Weitere Anträge kamen seit der Wende hinzu.

Als aber die neuen Anschlüsse verteilt werden sollten, erlebten die Telekom-Experten wieder Unglaubliches: Sie wurden die Telefone nicht los. Gerhard Zeidler, damals Vorstandsvorsitzender der Standard Elektrik Lorenz (SEL), schilderte im Gespräch mit Auslandskorrespondenten die Tücken der alten, längst überholten Listen. „Die Hälfte der Namen war gar nicht mehr da, die meisten Betriebe hatten geschlossen. Wir mussten die Listen neu durchgehen und hatten in manchen Städten sogar Probleme, die Leitungen an den Mann zu bringen!“

Misstrauen bei Richtfunktürmen

Andere Probleme bei ihrer Pionierarbeit bereiteten der SEL Bürgermeister und Bürgerinitiativen. Um das Netz möglichst schnell zu verdichten, mussten Freileitungen oft von einem Laternenpfahl zum nächsten verlegt werden. Die Vermittlungsstellen waren vorläufig in Containern untergebracht. Das provozierte Widerstand und Misstrauen. Eine Bürgerinitiative forderte allen Ernstes, die Richtfunktürme nicht auf den Berg zu stellen, sondern ins Tal zu verbannen, „damit man sie nicht sieht“. Solche Türme erinnerten die Leute immer noch an die Stasi.

Weitere Probleme waren die unklaren Eigentumsrechte an jenem Gelände, auf dem ein Richtfunkturm oder die Vermittlungsstelle errichtet werden sollte.

Die Sorgen von Postminister Schwarz-Schilling

In Bonn hatten wir Korrespondenten ein Jahr nach dem Fall der Mauer ein Gespräch mit Christian Schwarz-Schilling über die Telefonzukunft in Ostdeutschland. Er war Bundesminister für Post und Telekommunikation – diesen Beruf gibt es heute nicht mehr – und gehörte zur CDU. Die deutsche Post habe einen Weltrekord vor sich, weil es noch nie vorgekommen sei, dass ein ganzes Land innerhalb kürzester Zeit mit einem Telefonnetz zu versorgen sei, sagte er damals.

Die Frage sei aber nicht, was die Deutschen anschließend mit dem dabei gewonnenen Know-how machten, sondern vielmehr, ob sie trotz ihrer Riesenaufgabe in Ostdeutschland im Weltprozess ihr Know-how halten könnten. „Ich habe die Sorge, dass in der Welt die Entwicklung der Mikroelektronik mit Riesenschritten weiterläuft, während wir uns auf die frühere DDR konzentrieren und uns alle anderen modernen Industriestaaten überholen.“

Die ehrgeizigen deutschen Pläne mussten bald heruntergeschraubt werden. Hieß es anfangs, spätestens in fünf Jahren habe die Ex-DDR das modernste Telefonnetz der Welt, begnügte man sich bald mit der Hoffnung, in sieben Jahren wenigstens den aktuellen westdeutschen Standard auch für die ostdeutschen Bundesländer zu erreichen.

Bundeswehreinsatz vor Bürgermeisterämtern

Sogar Bundeswehrsoldaten halfen beim Leitungsnetz mit. Sie wurden in den Orten eingesetzt, die noch überhaupt nicht ans Telefonnetz angeschlossen waren. Wenigstens eine öffentliche Fernsprechzelle sollte vor das Bürgermeisteramt gestellt werden. Außer mit Montagetrupps half die Bundeswehr auch mit Richtfunkgeräten und kleinen Containervermittlungsstellen aus.

Schwarz-Schilling sagte, der Zustand sei schlimmer als in Entwicklungsländern und schlimmer als nach einem Erdbeben, weil es in der DDR keine Blaupausen oder Pläne gegeben habe. „Die Technik stammt zum Teil aus den zwanziger Jahren. Zum Beispiel können die mechanischen Drehwähler noch in Funktion besichtigt werden.“

So trieb die “Deutsche Bundespost”, später die “Deutsche Bundespost – TELEKOM” und noch später die “Deutsche Telekom” als Rechtsnachfolger der “Deutschen Post der DDR” den zügigen Ausbau des ostdeutschen Telefonnetzes voran.

Nur am Rande sei erwähnt, dass in unserem Gespräch der damalige Postminister einer Privatisierung der Post eine glatte Absage erteilte.

Illegale Umwegschaltungen

Bei so viel Aufbauarbeit hatte die Telekom übrigens keine Leute frei, gewissen technischen Auffälligkeiten nachzugehen: Mit nur zwei Mitarbeitern überprüfte sie die sensiblen Leitungen des Regierungsnetzes, der Treuhandanstalt und des Berliner Senats sowie die Abhörmöglichkeiten der Stasi-Unterlagen-Behörde (damals Gauck-Behörde). Da gab es noch technisch unsinnige, aber geheimdienstlich sinnvolle Umwegschaltungen, über die auch noch die Gauck-Behörde abgehört werden konnte. Bis illegale Leitungsführungen zwischen den Ostberliner und den Westberliner Polizeistellen beseitigt wurden, verging ein halbes Jahr.

Klappern und Rattern

Am Rande des Festakts Ende 1997, als Bundeskanzler Kohl und Telekom-Chef Ron Sommer “das modernste Telekommunikationsnetz der Welt” offiziell in Betrieb nahmen, schilderte der damalige Telekom-Technikvorstand Gerd Tenzer den Notstand. "Was wir da vorgefunden haben, stammte zum großen Teil aus 1922. Das mechanische Klappern und Rattern in den Vermittlungsstellen sei "kaum zu ertragen”, die 50 bis 70 Jahre alten Erdkabel oft nur mit Papier isoliert gewesen.

Zeitgemeinschaftsanschlüsse als Ausweg

Man behalf sich mit Ersatzlösungen wie ZGA (Zeitgemeinschaftsanschluss), GA (Gemeinschaftsanschluss) oder GUm (Gemeinschaftsumschalter). So bekam beispielsweise ein Telefonteilnehmer verschiedene Uhrzeiten zugeordnet. Firmenleitungen wurden nach Geschäftsschluss auf Privatanschlüsse umgeschaltet. Oder es gab Zweier- oder sogar Viereranschlüsse, also Mehrfachnutzung einer Amtsleitung.

DDR-Leitungen in die BRD bewusst miserabel

Die Verbindungen zwischen Ost- und Westdeutschland waren – bewusst – am schlechtesten von allen Auslandsverbindungen. Das kann ich bestätigen: Von meiner Ostberliner Bürowohnung erreichte ich meine Familie in Bonn am besten gegen zwei Uhr nachts. Westdeutsche konnten die DDR nur über 690 Leitungen erreichen. Von DDR-Seite gab es nur 111 Stränge. Wenig genug, um alle Gespräche lückenlos  abhören zu können.

Auch im Reichstag Stasi-verwanzte Apparate

Lückenlos abgehört wurden übrigens sogar die Telefonzellen in Westberlin, besonders die nahe den Grenzübergängen. Die Stasi kalkulierte, dass sich Anrufer nach Passieren der Grenze auf der Westseite sicher gefühlt und in der Fernsprechzelle offen geredet haben.

Natürlich waren auch die Telefone im Reichstag verwanzt. Bevor das Gebäude von Christo vehüllt, für den Bundestag total saniert und mit der markanten Kuppel Norman Fosters ausgestattet wurde, diente der alte Reichstag gelegentlich als Konferenzort. Ich wollte einmal einen Artikel aus meinem Olivetti M10 per Akustikkoppler – jene  Vorrichtung mit Gummilaschen, in die der Telefonhörer gepresst wurde – nach Wien übermitteln. Doch der nagelneue Akustikkoppler war zu schwach, mein Text ging nicht durch. Die Erklärung war: Angezapfte Leitungen haben weniger Strom – zu wenig für den Akustikkoppler.

Noch heute würde ich gern die Gesichter der Abhörer sehen, die mit dem ekligen Geräusch der erfolglosen Datenübertragung wohl nichts anzufangen wussten.

Ewald König, Chefredakteur von EurActiv.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EurActiv schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: koenig@korrespondenten.com oder chefredaktion@euractiv.de

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