EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

29/09/2016

Tonaufnahmen belasten Timoschenko in Mordfall

Ukraine und EU

Tonaufnahmen belasten Timoschenko in Mordfall

Julia Timoschenko (Mitte) mit Tochter und Ehemann. Foto: dpa

Mykola Melnytschenko war Bodyguard des früheren ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma. Er enthüllt Details über die mutmaßliche Mitwirkung der früheren Regierungschefs Pavlo Lazarenko und Julia Timoschenko an der Ermordung von Jewgeni Schtscherban, der offenbar als Konkurrent im Erdgashandel aus dem Weg geräumt werden sollte.

Der ukrainische Geschäftsmann Jewgeni Schtscherban wurde im November 1996 erschossen, als er auf dem Flughafen im ostukrainischen Donezk seine Privatmaschine verließ. Er war  im Energiehandel ganz offensichtlich seinen Konkurrenten im Weg. Die Auftragskiller wurden verurteilt, doch die Auftraggeber blieben unerkannt. Schwere Vorwürfe konzentrieren sich immer mehr auf die ukrainische Oppositionsführerin Julia Timoschenko.

Neue Nahrung erhalten diese Vorwürfe durch den ehemaligen Leibwächter von Präsident Leoind Kutschma. Ex-Major Mykola Ivanowitsch Melnytschenko, geboren 1966 in der Ukraine, arbeitete von 1992 bis 2000 im Staatsschutz. Er besitzt Tonaufnahmen zur Ermordung Schtscherbans und will die Tonbänder der Anklagebehörde zur Verfügung stellen.

Als Bodyguard wurde er eigenen Angaben zufolge Augen- und Ohrenzeuge von Gesprächen und Ereignissen im Büro des damaligen Präsidenten Leonid Kutschma, die auf Verbrechen hinwiesen. Das berichten das (dem Präsidenten Wiktor Janukowitsch nahestehende) ukrainische Boulevardblatt Segodnya und die staatliche Nachrichtenagentur Ukrinform.

"Unter diesen Umständen arbeitete ich in einem Ausnahmezustand. Ich habe mein Leben riskiert und auf meine eigene Initiative ab April 1998 die Gespräche des Präsidenten aufgenommen, um sie vor Gericht verwenden zu können."

Aufnahmegerät unterm Sofa 

Melnytschenko erläuterte gegenüber der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft, wie er an diese Informationen gekommen sei: Die Aufnahmen seien durch die TV-Fernbedienung erfolgt, die auf dem Schreibtisch des damaligen Präsidenten Leonid Kuchma lag, aber auch durch einen Recorder, der unter dem Besuchersofa im Büro des Präsidenten platziert war.

Er habe die Gespräche in Echtzeit abhören können, sodass er die Aufnahmen bewusst habe auswählen und jederzeit aus- und wieder einschalten können, sobald er den Eindruck gehabt habe, es gehe jetzt um kriminelle Machenschaften.

Melnytschenko bestätigte gegenüber der Generalstaatsanwaltschaft, er verfüge über Aufnahmen vom 3. November 1996, in denen der Mord an Jewgeni Schtscherban zugegeben worden sei – mit Angaben über die Attentäter, die Auftraggeber, die Bezahlung der Killer und den Fortgang der Ermittlungen. In den Jahren 1999 und 2000 habe er im Präsidentenbüro einige Gespräche von mehreren Personen zu diesem Kriminalfall selbst abgehört.

Auch über die Ermittlungen wusste der Leibwächter Bescheid, weil er die Gespräche zwischen Präsident Kuchma und dem Generalstaatsanwalt der Ukraine, Mikhail Potebenko, und anderen Personen habe verfolgen können. In diesen Gesprächen sei es unter anderem um folgende Namen gegangen: Pavlo Lazarenko, Julia Timoschenko, Alexander Timoschenko, Petr Kiritschenko, Jewgeni Schtscherban und andere. 

Kanalinseln, Zypern und Somalia

In den Gesprächen sei es um die Errichtung einer Treuhandgesellschaft auf der Kanalinsel Guernsey, um Offshore-Firmen auf Zypern, um den Kauf von Firmen in Somalia, um den Transfer großer Summen in ausländischer Währung sowie um wichtige Informationen der israelischen Polizei gegangen.

Pavlo Lazarenko wurde in den Gesprächen als Auftraggeber für die Ermordung Jewgeni Schtscherbans genannt. Einer der Gründe soll die angestrebte Kontrolle über die Donetsk Region gewesen sein. Die Ermordung soll von Kushnir organisiert und von Petr Kiritschenko und Julia Timoschenko bezahlt worden sein.

Am 30. Mai 2000 erhob die Generalstaatsanwaltschaft Klage gegen Lazarenko wegen Mordauftrags an Scherban. Die Tonaufnahmen würden klar ergeben, dass die Teilnehmer über Beweise gegen Pavlo Lazarenko sprachen, so der Bodyguard.

Melnytschenko erklärte sich nun bereit, alle Tondokumente in seinem Besitz den Behörden zur Verfügung zu stellen, da sie ganz offensichtlich auf Verbrechen hinwiesen.

Julia Timoschenkos Ehemann soll Falschaussage verlangt haben

Am 12. Juni 2012 sei er von der Timoschenko-Familie angesprochen worden, gab Melnytschenko an. Alexander Timoschenko – Julias Ehemann, der Anfang des Jahres politisches Asyl in Tschechien erhalten hatte – habe ihm vorgeschlagen, Zugeständnisse zu machen und eine falsche Aussage gegen Präsident Viktor Janukowitsch vorzubringen. "Ich sollte bezeugen, dass Janukowitsch der angebliche Auftraggeber für den Mord an Jewgeni Schtscherban gewesen sei und dass ich angeblich Aufnahmen von einem Gespräch zwischen Kuchma und Janukowitsch habe. Dafür hätte ich die Aufnahmen fälschen sollen."

Diese Begegnung habe in Prag stattgefunden, und zwar im Büro der Organisation "Ukrainian European Perspective", wo Melnytschenko mit Vasiliy Danylov zusammengetroffen sei. "Ich fand heraus, dass dieses Büro ihm gehörte. Später habe ich aus anderen Quellen erfahren, dass Danylov in der Ukraine wegen des Verdachts des Auftragsmordes an Sergey Dyadeschko, Vizepräsident der Rodovid Bank, inhaftiert war."

"Als ich alle mir bekannten Fakten über die kriminellen Aktivitäten von Lazarenko und Timoschenko und ihrem kriminellen Umfeld kombinierte, entschloss ich mich, den Vorschlag von Alexander Timoschenko fallenzulassen, stattdessen die Wahrheit vorzubringen und diese Stellungnahme abzugeben", sagte Melnytschenko.

Störender Wettbewerber im Erdgashandel?

Wie auf EurActiv.com (Brüssel) und EurActiv.de (Berlin) berichtet, verdächtigt die Staatsanwaltschaft die Oppositionspolitikerin und frühere Regierungschefin Timoschenko schon seit längerem, am Mord an Jewgeni Schtscherban beteiligt gewesen zu sein. Schtscherban war Parlamentsmitglied und einer der reichsten Ukrainer in den 1990er Jahren. Es wird vermutet, dass mit dem Mord an ihm ein wichtiger Wettbewerber im Erdgashandel ausgeschaltet werden sollte.??

Schtscherban und seine Frau waren 1996 am Flughafen Donezk von einer Gruppe von Männern in Polizeiuniformen ermordet worden. Acht Täter wurden später verhaftet und verurteilt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft haben die Mörder eine Million US-Dollar von einem Bankkonto erhalten, das in den 1990er Jahren in Verbindung mit Julia Timoschenko und Pavlo Lazarenko gebracht werden konnte.

Timoschenko und Lazarenko waren in den 1990er Jahren politisch und geschäftlich eng verbunden. Lazarenko war 1996 bis 1997 Ministerpräsident der Ukraine und soll in dieser Zeit 200 Millionen US-Dollar aus staatlichem Vermögen für private Zwecke abgezweigt haben. Er wurde mittlerweile wegen Geldwäsche und Korruption verurteilt und sitzt eine mehrjährige Haftstrafe in den USA ab. ??

Timoschenko war in den 1990er Jahren Chefin des Erdgas-Handelskonzerns United Energy Systems of Ukraine. Das Privatunternehmen importierte russisches Erdgas in die Ukraine.


Red.

Links

Weitere Berichte:

EurActiv.deExklusiv-Interview mit dem stellvertretenden Generalstaatsanwalt / Ukraine: Timoschenko wird wegen Mordes angeklagt (10. Mai 2012) 

EurActiv.comProsecutor: Tymosenko to be charged with murder ‘in two weeks time’ (10. Mai 2012)