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24/07/2016

“Die Sexindustrie funktioniert nach dem Vorbild der Fast Food-Industrie”

Ukraine und EU

“Die Sexindustrie funktioniert nach dem Vorbild der Fast Food-Industrie”

Während der Fußball-Europameisterschaft 2012 demonstrierte die ukrainische Frauenrechtsbewegung Femen gegen Prostitution und Menschenhandel. Foto: dpa

Die Ukraine hat sich in den vergangenen Jahren zu einem beliebten Ziel für Sextouristen entwickelt. Frauenrechtsbewegungen prangern diesen Trend an und werfen der Regierung vor, die Prostitution zu begünstigen.

Das US-Außenministerium bewertet in jährlichen Berichten die Situation von Opfern des  Menschenhandels in verschiedenen Staaten. Im aktuellen Bericht wird die Ukraine als Land eingeordnet, das die Standards zum Schutz der Opfer nicht erfüllt, sich jedoch auf einem guten Weg befindet. Trotzdem seien bisher keine Maßnahmen zur Prävention von Menschenhandel eingeleitet worden, um der Nachfrage nach käuflichem Sex zu begegnen.

War die Ukraine in den vergangenen Jahren Herkunfts- und Transitland für Menschenhandel, so hat sich das Land dem US-Außenministeriums zufolge mittlerweile zu einem Zielstaat entwickelt. Der Großteil der Betroffenen wird zum Zweck der sexuellen Ausbeutung geschmuggelt.

Keine Daten zu Prostitution

Die Frauenrechts-Organisation La Strada setzt sich gegen die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern in der Ukraine ein. Mit exakten Daten zur Prostitution können sie allerdings nicht aufwarten. "Es ist schwierig, konkrete Zahlen zu nennen, weil es keine offiziellen Statistiken gibt. Dieses Phänomen wurde noch nie erforscht", sagt Natalia Borchkor von La Strada Ukraine gegenüber EurActiv.de.

Bleibt den La Strada-Mitarbeitern nur die Recherche im Internet. "Wir haben Foren untersucht, in denen sich Touristen austauschen. Und da wurde deutlich, dass die Ukraine vorrangig für Sextourismus bekannt ist", so Borchkor. Die meisten Sextouristen kämen demnach zum Großteil aus europäischen Staaten.

"Viele schlecht ausgebildete, arme und schöne Frauen"

Während der Fußball-Europameisterschaft 2012 machte vor allem die ukrainische Frauenrechtsbewegung Femen mit ihren Nacktprotesten auf diese Entwicklung aufmerksam. Femen-Sprecherin Inna Shevchenko sagte gegenüber EurActiv.de: "Die Ukraine war für die UEFA nur interessant, weil sie hier Geld verdienen können. Sie wissen, dass es in diesem Land viele schlecht ausgebildete, arme und schöne Frauen gibt. Die UEFA hat gemeinsam mit der Regierung alles getan, um die Prostitution auszuweiten".

Die Femen-Aktivistin Shevchenko lebt nach eigenen Angaben in einer Gesellschaft, in der niemand bereit ist, Frauen zuzuhören – es sei denn sie sei seien nackt. Konsequenterweise nutzen die Mitglieder der Frauenrechtsbewegung ihren Körper als "Waffe", um auf Missstände aufmerksam zu machen.

Ausdehnung der Sexindustrie

Mit Slogans wie "Die Ukraine ist kein Bordell" und "Sexismus ist Sklaverei"  demonstrierte Femen im Vorfeld und während der Europameisterschaft. Brutale Einschüchterungsversuche und Gefängnisaufenthalte waren für einige Mitglieder die Konsequenz ihrer Aktionen.

Shevchenko beobachtete im Vorfeld der EM eine Ausdehnung der Sexindustrie: "Vor der Meisterschaft wurden viele neue Bordelle mit englischer Werbung für die Touristen eröffnet. Die Sexindustrie funktioniert nach dem Vorbild der Fast Food-Industrie, es ist billig, leicht verfügbar und überall erhältlich."

Verbindung zwischen Sexindustrie und Behörden?

"Die Regierung ist daran interessiert, dieses Geschäft weiterzuentwickeln, weil viel Geld darin steckt. Die Polizei beschützt diese Bordelle und arbeitet mit den Zuhältern zusammen", so Shevchenko. Auch Borchkor von La Strada ist die Verbindung zwischen den Zuhältern und den Behörden bekannt, obwohl ihr Beweise dafür fehlen. "Prostitution ist in der Ukraine illegal. Also muss es Verbindungen geben, wenn dieses Geschäft florieren kann", so Borchkor. Die hohe Erwerbslosigkeit und die damit verbundene Armut treiben laut Internationaler Arbeitsorganisation in den vergangenen Jahren immer mehr Frauen in die Prostitution.

Höchste HIV-Rate Europas

Derzeit sind laut UN 1,1 Prozent der ukrainischen Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren mit dem HI-Virus infiziert – das ist der höchste Wert in Europa. Das UN-Programm zu HIV und Aids zählt Sexarbeiter neben Häftlingen, Drogensüchtigen und Waisenkindern zu den Personengruppen, die einen erschwerten Zugang zur Behandlung ihrer Krankheit haben. Die Ansteckungsgefahr ist vor allem unter Prostituierten und Drogensüchtigen sehr hoch.

Sexuelle Ausbeutung von Kindern

Ein weiteres Problem ist der hohe Anteil von Minderjährigen in der Sexindustrie. Laut Borchkor würde vor allem in ländlichen Gebieten bei Fällen von Kindesmissbrauch nicht der Täter belangt, sondern das Kind wegen Prostitution beschuldigt. Aufgrund der hohen Korruption würden die Täter meistens straffrei ausgehen. La Strada Ukraine bemängelt in ihrem Jahresbericht 2011, dass die Ukraine die 2007 unterzeichnete Europarats-Resolution zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und Missbrauch noch nicht ratifiziert habe. Gleiches gilt für das Haager Übereinkommen über den Schutz von Kindern und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der internationalen Adoption.

Positiv hebt La Strada indessen hervor, dass der Präsident das Amt eines Ombudsmannes für Kinder geschaffen hat, in das der ehemalige Minister für Familie, Jugend und Sport eingesetzt wurde. "Wir kooperieren viel mit dem Ombudsmann und unsere Erfahrungen sind bisher nur positiv", sagt La Strada-Mitarbeiterin Borchkor. Die behandelten Fälle bildeten jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Aufgrund fehlenden statistischen Materials kann über den langfristigen Erfolg der Maßnahmen nur spekuliert werden.

Felix Weiß

Links

US-Außenministerium: Trafficking in Persons Report 2012

Femen: http://femen.livejournal.com/

La Strada Ukraine: http://la-strada.org.ua/

La Strada:
Annual Report 2011

ILO: AIDS/HIV Ukraine

UN AIDS: Länderinfo Ukraine

UN AIDS: Fortschrittsbericht Ukraine