Streit um Gigaliner

Ein Gigaliner beim Abbiegen. Sollten die Befürchtungen der Kritiker eintreffen, könnte es bald enger und gefährlicher auf Europas Straßen werden. Foto: Allianz pro Schiene

Geht es nach der EU-Kommission, könnten bald Mega-LKWs mit den Ausmaßen von Passagierflugzeugen auf Europas Straßen alltäglicher Anblick werden. Sozialdemokraten und etliche Verbände möchten dies verhindern. Die Kolosse wären eine Gefahr für Menschen, Infrastruktur und das Klima. Die Befürworter halten die Vorwürfe für größtenteils unbegründet.

Sie sind so lang wie sechs Pkws und können selbst ohne Ladung mehr als eine vollgetankte Boeing 737-300 mit 120 Passagieren auf die Waage bringen. Die EU-Kommission möchte diesen, auch als Giga-, Euro- oder Öko-liner bezeichneten Kolossen nun den Weg auf Europas Straßen ebnen. Dazu präsentiert sie am Montag (15. April) einen Vorschlag, der es den motorisierten Riesen erstmals erlauben soll, die Grenzen der EU-Mitgliedsstaaten zu überqueren. Der Vorschlag ist Teil einer Revision von EU-Richtlinie 96/53/EG. Ziel der Überarbeitung ist die Anpassung von Gewichten und Maßen von Straßenfahrzeugen zum Zweck einer besseren Aerodynamik.

Von Grünen und Sozialdemokraten wird der Vorstoß der Giga-Liner jedoch aufs Schärfste kritisiert. "Die positiven Aspekte des Kommissionsvorschlages dürfen nicht unter die Räder von Gigalinern geraten", sagt Ismail Ertug, Abgeordneter der Sozialdemokraten im Europaparlament.

Befürchtet wird eine überhöhte Belastung für Straßen und Brücken, die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer, sowie eine zunehmende Verlagerung der Transporte von der Schiene auf die Straße. Auch viele Mitgliedsstaaten erlauben den motorisierten Kolossen bisher nicht, über ihre Straßen zu rollen. Akzeptiert sind sie bisher lediglich in Skandinavien und den Niederlanden.

Megatrucks für klimafreundlichen Straßenverkehr

Aus Sicht der Befürworter lohnen sich die neuen Riesen-LKWs sowohl wirtschaftlich als auch klimatechnisch. Eine von drei Transportfahrten könnte so in Zukunft eingespart werden.   

"Mit diesem Entwurf öffnet die Kommission die Türen zu einem noch klimafreundlicheren Straßengüterverkehr der Zukunft. Der grenzüberschreitende Einsatz von Lang-LKW ist ein pragmatischer Schritt, um die Leistungsfähigkeit und Effizienz des Güterverkehrs in Europa weiter zu steigern. Er wird zu weiteren Kraftstoffeinsparungen beitragen", so der Verband der Automobilindustrie e.V. (VDA) gegenüber EurActiv.de.

Viele der Kritikpunkte der Riesen-LKW Gegner hält der VDA für übertrieben oder widerlegt.

Lastkraftwagen, die innereuropäische Grenzen überqueren wollen, dürfen derzeit nicht mehr als 40 Tonnen auf die Waage bringen und eine Maximallänge von 18.75 Metern nicht überschreiten. Rechtgrundlage ist die EU-Richtlinie 96/53/EG. Größere LKWs können zwar von den Mitgliedsstaaten genehmigt werden, dürfen deren Grenzen bisher jedoch nicht überfahren. Die neuen Riesen-LKWs können bis zu 25 Meter lang und bis zu 60 Tonnen schwer werden.

Demokratische Kehrtwende des Verkehrskommissars

Michael Cramer, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Europaparlament, begrüßte zunächst die Kehrtwende von Verkehrskommissar Siim Kallas, die Frage der grenzüberschreitenden Fahrten überhaupt in die Revision aufzunehmen. "Das ist ein überfälliger Schritt, um die rechtsstaatlichen Verfahren und die Vorrechte der beiden Gesetzgeber zu achten", so Cramer. Laut Aussage des Grünen-Politikers hatte der Kommissar zunächst versucht, die Richtlinie ohne Beteiligung von Rat und Parlament umzuinterpretieren und so die Fahrten der Giga-Liner durch die Hintertür zu ermöglichen.

Cramer kritisiert jedoch scharf, dass die Kommission keine ausreichende Folgenabschätzung für ihre Liberalisierung des internationalen Gigaliner-Verkehrs vorgenommen hatte.

"Drei Viertel aller Europäer wollen keine Riesen-LKWs"

Unterstützt werden Grüne und Sozialdemokraten beim Kampf gegen die Mega-Trucks von Automobilclubs, Gewerkschaften und Interessenvertretern der Eisenbahnen aus ganz Europa. "Umfragen in vielen Ländern ergeben, dass drei Viertel der Menschen keine Gigaliner auf den Straßen wollen", sagte der Vorsitzende des Auto Club Europa (ACE) Wolfgang Rose, und forderte das EU-Parlament auf, den Bürgerwillen zu achten. "Es gibt in Brüssel starke Interessen der Lastwagenlobby, die nicht das letzte Wort behalten sollten, wenn es um die Belange aller Autofahrer geht."

Die EU-weite Kampagne "No Mega Truck" hat sich den Kampf gegen die motorisierten Kolosse auf die Fahnen geschrieben. Zu den Initiatoren der Bewegung gehören neben Friends of the Earth Europe auch die Dachverbände European Transport Workers Federation (ETF), European Automobil Clubs (EAC) und die Allianz pro Schiene e.V. 239 Organisationen aus 25 Ländern haben sich der Bewegung nach eigenen Angaben bereits angeschlossen. Die Bewegung hat auf ihrer Website eine Reihe von Studien und Meinungsumfragen veröffentlicht, die ihrer Aussagen stützen.

Rollendes Verkehrshindernis und Sicherheitsrisiko?

Die rollenden Riesen stellen nach Ansicht ihrer Gegner ein Sicherheitsrisiko auf den Straßen dar. Kurven, Kreuzungen und Kreisverkehre würden für die 25 Meter langen LKWs zum Nadelöhr und bei Abbiegevorgängen stiege der Platzbedarf des Fahrzeugs so weit an, dass kaum noch Sicherheitsabstand für andere Verkehrsteilnehmer bleibt. Daran würden auch moderne Lenksysteme nichts ändern. Bei Überholvorgängen würde die zu überbrückende Strecke um knapp 32 Metern länger, was eine erhebliche Steigerung des Unfallrisikos zufolge hätte. Bremswege wären zudem länger und die Aufprallintensität bei Unfällen stärker.

Der VDA hält viele der Befürchtungen für übertrieben oder unbegründet. Da die Lang-LKWs nicht dazu gedacht sind, Supermärkte oder "den Obstladen in der Altstadt" zu beliefern, wären sie größtenteils auf der Autobahn unterwegs. Kreisverkehre könnten sie dennoch, dank  gelenkter Achsen und Umsetzwagen, problemlos meistern, der gesetzliche vorgeschriebene Wenderadius werde nicht überschritten. Überholvorgänge benötigten 50 Meter mehr Sichtbereich auf die Gegenfahrbahn und seien damit aus Sicht des VDA weiterhin "kalkulierbar".

Durch die Verteilung der Bremskraft auf mehr Achsen als bei herkömmlichen LKWs gäbe es auch keinen längeren Bremsweg. Die neuen LKWs seien zudem mit modernsten Sicherheitssystemen ausgestattet und dürfen nur von Fahrern mit mehrjähriger Praxiserfahrung und Punktefreiheit in Flensburg bedient werden.

Straße gegen Schiene

Die Bewegung "No Mega Trucks" befürchtet, dass durch die erhöhte Wirtschaftlichkeit der Gigaliner, Güterverkehr von der Schiene auf die Straße verlegt würde. Studien des Umweltbundesamtes (UBA) und des Frauenhofer Instituts kommen daher zu dem Schluss dass, "das Konzept Mega-Truck sowohl aus Umwelt-, Klima-, und Sicherheitsgründen abzulehnen sei."

Der VDA meint, dass sich Eisenbahn und Gigaliner wunderbar ergänzen. Zu einem Verdrängungswettbewerb würde es schon alleine deshalb nicht kommen, weil mit einem Wachstum des Güterverkehrs um 70 Prozent bis 2025 gerechnet wird. Sowohl die Kapazitäten der Schiene als auch der Straße würden daher dringend benötigt.

Milliardengrab für den Steuerzahler?

Die Gegner der Mega Trucks befürchten, dass Straßen, Brücken, Tunnel und Leitplanken den überschweren LKWs nicht gewachsen sind. Eine notwendige Umrüstung des Straßensystems würde Milliarden verschlingen, die aus der Tasche des Steuerzahlers gezahlt werden müsste nach dem Motto: "Gewinne privatisieren, Kosten sozialisieren". Insbesondere Brücken würden in Mitleidenschaft gezogen.

Auch in diesem Punkt widerspricht der VDA. Die Lang-LKWs würden die Straßen und Brücken sogar weniger belasten als herkömmliche Lastkraftwagen. Grund dafür sei die Verteilung des Gewichts auf mehr Achsen (geringere Achslastverteilung). Durch die Reduzierung der Menge an Fahrten entstünde zusätzliche Entlastung. Der VDA geht bei dieser Argumentation allerdings davon aus, dass das Gesamtgewicht der Gigaliner nicht 60 sondern lediglich maximal 44 Tonnen beträgt.

Ablehnung auch in Deutschland

Nur Bayern, Hessen, Sachsen, Schleswig-Holstein, Thüringen und mit Einschränkungen Hamburg erlauben den Gigalinern derzeit auf ihren Straßen zu fahren. SPD, Grüne und einige Bundesländer reichten zudem eine Verfassungsklage gegen einen seit 2012 laufenden Feldversuch ein, der nur auf Grund einer Ausnahme-Verordnung gestattet wurde. 77 Prozent der Deutschen waren zudem, laut einer Forsa-Umfrage von 2011 gegen den Einsatz der Mega-Trucks.

ak

Links

EurActiv Brüssel: EU prepares gentler design for lorries to save lives, fuel (15. April 2013)

Verband der Automobilindustrie: Fakten und Argumente zum Ökolaster (30. August. 2011)

"No Mega Trucks": Diverse Studien und Meinungsumfragen

Forsa-Umfrage: Meinung zu Gigalinern (31. März 2011)

Studie UBA: Tragen Riesen-LKWs zu einer nachhaltigen Mobilität bei?