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25/02/2017

„Ressourceneffizienz ist mehr als eine grüne Agenda“

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„Ressourceneffizienz ist mehr als eine grüne Agenda“

Eine Wegwerfgesellschaft sei nicht wettbewerbsfähig. Umweltkommissar Poto?nik erklärt die wirtschaftlichen Vorteile der Schonung natürlicher Ressourcen. © Thomas Siepmann / PIXELIO

EU-Umweltkommissar Janez Poto?nik weist auf die Vorteile einer ressourcenschonenden Wirtschaft hin. Für die Industrie ergäben sich handfeste Möglichkeiten für Profite. Die Umweltorganisation Friends of the Earth Europe plädiert jedoch für mehr Regulierung. Der Umgang mit natürlichen Ressourcen könne nicht allein wirtschaftlichem Kalkül überlassen werden.

Umweltkommissar Janez Poto?nik hielt am 4. April eine Rede beim Treffen des United Nations Environment Programme (UNEP) in Paris. Das Motto des Treffens: "Towards a Sustainable Economic Paradigm: from Labour to Resource Productivity".

Poto?nik beschwört in seiner Rede die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die sich für Unternehmen und die EU als Ganzes durch zuküftiges Sparen von Ressourcen ergeben würden.

"Die Unternehmen brauchen jedoch Hilfe bei der Erkennung solcher Gelegenheiten und bei der Beseitigung von Hindernissen, die einer Umsetzung im Weg stehen, insbesondere wenn es um Bewusstsein und Finanzierung geht", so Janez Poto?nik. Der Umweltkommissar schlägt beispielsweise eine Erhöhung der Umweltsteuern in den Mitgliedsstaaten bei gleichzeitiger Verringerung der Steuern auf Arbeit vor. Diese Steuern seien hoch.

"Wir erheben acht Euro Steuern aus Arbeit  für jeden Euro den wir aus der Besteuerung umweltschädlicher Aktivitäten einnehmen."

Wachstumsgleichung muss den Faktor Innovation enthalten

"Spreche ich mit einem Makroökonomen, wird er Statistiken zur Hand haben, die zeigen, wie sich die Produktivität von Arbeit und Kapital verändert hat. Makroökonomen sind daran gewöhnt, über Arbeit und Kapital zu sprechen, da sie als die traditionellen Antriebskräfte des Wirtschaftswachstums gelten. Außerdem – wenn man ehrlich ist – sind sie auch relativ einfach zu messen", erklärte der Umweltkommissar.

Würde man aber länger mit den Wirtschaftsexperten sprechen, so Poto?nik, würden sie eingestehen: "Arbeit und Kapital sind nicht mehr länger die hauptsächlichen Faktoren, die zum Wachstum beitragen."

Entscheidender sei die sogenannte "total factor productivity", die den Einfluss von Innovation und technischer Entwicklung in die Wachstumsgleichung miteinbezieht, denn diese beiden Faktoren wären, auf dem heutigen Stand der europäischen Wirtschaft, "die Hauptdeterminanten des Wachstums". Innovation sei beispielsweise dringend notwendig, um eine effizientere Nutzung von Ressourcen zu erreichen.

Wachstum durch weniger Material

"Die schwierigste Frage ist jedoch, wie viel Wachstum sich durch verbesserte Ressourceneffizienz erreichen ließe", gibt Poto?nik zu verstehen und verweist auf das produzierende Gewerbe. 40 Prozent der derzeitig anfallenden Herstellungskosten entfielen dort auf das Material, nur 20 Prozent auf die Bezahlung von Arbeitskräften. Die weltweit erhöhte Nachfrage nach natürlichen Ressourcen hat deren Preise zwischen 1998 und 2011 um mehr als 300 Prozent in die Höhe schnellen lassen, Tendenz steigend.

"Die Effizienz, mit der wir unsere natürlichen Ressourcen verwenden, ist essentiell für das Wachstum der heutigen Wirtschaft", schlussfolgert Poto?nik. "Glauben Sie wirklich, dass eine Wegwerfgesellschaft langfristig wettbewerbsfähig bleiben wird? Ist es nicht sinnvoller eine Kreislaufwirtschaft anzustreben? Eine Wirtschaft, in der wir so viel Wert wie möglich aus zunehmend knapper werdenden Ressourcen ziehen?", fragt Poto?nik vor seinem Publikum in Paris.  

Europa an der Wachstumsgrenze

 
Während des 20. Jahrhunderts wuchs die Weltbevölkerung um das Vierfache, während das Wirtschaftsprodukt um das 40-fache zunahm. Auf der anderen Seite stieg der Verbrauch von fossilen Brennstoffen um das 16-fache und es wird heutzutage neunmal mehr Wasser benötigt als noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Trotz dieses ressourcenintensiven Wachstums stieg die Wirtschaftsleistung in Europa jedoch Jahrzehnt für Jahrzehnt immer weniger an,  ganz abgesehen davon, dass globale Probleme wie Armut und Hunger nicht in den Griff zu kriegen waren.

60 Prozent der weltweiten Ökosysteme  seien aufgrund des übermäßigen Ressourcenkonsums bereits überlastet. "So kann es nicht weitergehen, oder ich fürchte wir werden bald gegen die Wand fahren", sagte Poto?nik.

Ressourceneffizienz ist gut für die Industrie

"Lassen Sie mich mit einer positiven Nachricht abschließen. Ich sehe zunehmend Anzeichen dafür, dass es sich bei diesem Thema nicht um eine ‚grüne‘, sondern um eine ‚industrielle‘ Agenda handelt."

"Die Senkung des Materialverbrauchs in Europa um einen Prozent wäre für Unternehmen in Europa 23 Milliarden Euro wert und würde zwischen 100.000 und 200.000 neue Jobs schaffen." Eine volle Umsetzung der EU-Abfallpolitik würde zudem 400.000 neue Arbeitsstellen in den kommenden Jahren schaffen.

Die Recyclingraten innerhalb der Mitgliedstaaten variieren sehr stark. Während Österreich beispielsweise 70 Prozent seines Mülls wiederverwertet, würden in anderen Staaten nahezu 100 Prozent des Mülls unter der Erde landen.

"Es ist allgemein anerkannt, dass die Leistungsunterschiede in Europa eine Quelle ungenutzter wirtschaftlicher Möglichkeiten darstellt", so Poto?nik.

Friends of the Earth Europe: "Wirtschaftlicher Ansatz kein Ersatz für Regulierung"

Obwohl die Umweltorganisation Friends of the Earth Europe (FoEE) die Bemühungen der EU zur Erhöhung der Recyclingraten gutheißt, sieht sie im verschwenderischen Konsum eine Hauptursache für stetig steigenden Ressourcenverbrauch. Produkte wie Lithium, Aluminium und Baumwolle verursachen nicht nur in Europa schwerwiegende Umweltschäden, sondern vor allem in den Ländern aus denen sie exportiert werden. 

FoEE heißt ebenfalls die Ziele der Kommissionsstrategie "Roadmap to a Resource Efficient Europe" gut, bemängelt aber, dass gleichzeitig eine Liberalisierung angestrebt wird, um Unternehmen Zugang zu den natürlichen Ressourcen von Drittländern zu verschaffen.

Die Kommissionsstrategie sehe Ressourcen als "Natürliches Kapital". Wirtschaftliche Vernunft würde daher von sich aus verhindern, dass es nicht zu einer Erschöpfung und Verschmutzung dieser Wirtschaftsgrundlage käme. FoEE steht dieser eher marktfreundlichen Auffassung kritisch gegenüber.

"Dieser wirtschaftliche Ansatz ist kein Ersatz für echte Regulierung, durch welche die Nutzung und Entsorgung von Ressourcen und von ressourcenfreundlichen Herstellungsprozessen geregelt und geleitet werden kann."   

ak

Links 
 

Rede von Janez Poto?nik: ‚A throw away economy cannot e competetive‘ (4. April 2013)

Friends of the Earth Europe: Less is more: resource efficiency through waste collection, recycling and reuse

Mehr zum Thema auf Euractiv.de:

EU-Abfallpolitik nur "begrenzt" wirksam (4. Februar 2013)