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19/01/2017

Keine Lärmminderung durch Elektroautos

Stadt der Zukunft

Keine Lärmminderung durch Elektroautos

Elektroautos werden voraussichtlich für keine nennenswerte Reduzierung des Verkehrslärms sorgen. Foto: mka

Mehr als die Hälfte aller Bundesbürger fühlt sich durch Lärm belästigt. Das Umweltbundesamt (UBA) erklärt, warum E-Autos es nicht schaffen werden, für weniger Krach auf den Straßen zu sorgen.

Lärm ist nicht nur störend und nervig, er kann auch krank machen. Laut Umfragen des Umweltbundesamtes (UBA) fühlt sich mehr als die Hälfte aller Bundesbürger durch Lärm belästigt. 13 Millionen sind tagtäglich einem Pegel ausgesetzt, der als gesundheitsschädigend gilt. Als Hauptverursacher von Lärm gilt der Straßenverkehr. Abhilfe erhofften sich Politik und die vom permanenten Verkehrskrach betroffenen Anwohner von möglichst leisen Elektroautos.

Ein aktuelles Positionsschreiben des UBA kommt jedoch zu einem ernüchternden Ergebnis. Selbst wenn die Bundesregierung ihre sehr optimistische Zielvorgabe erfüllt, bis 2020 eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen rollen zu lassen, wären deren Effekt auf die Lärmminderung "völlig unbedeutend".

Elektroautos können nervige Pfeiftöne erzeugen

Sowohl Reifen-Fahrbahn-Geräusch, als auch das Antriebsgeräusch eines Fahrzeugs sind entscheidend für den verursachten Lärmpegel. Ein Lärmminderungseffekt durch Elektroantrieb kann dementsprechend nur dort wirksam werden, wo das Antriebsgeräusch dominierend ist.

Autos mit klassischem Verbrennungsmotor würden den meisten Lärm beim Anfahren und bei Fahrtgeschwindigkeiten bis zu 25 km/h verursachen. In diesem Bereich seien sie zwar lauter als ihre strombetriebenen Konkurrenten, Elektroautos könnten jedoch beim Anfahren und Bremsen hohe Pfeiftöne mit großem Störpotential erzeugen. Diese entstehen durch die lastabhängige Leistungselektronik und das sogenannte Rekuperieren, einem Prozess der Energierückgewinnung beim Bremsen.

Elektroautos nur leiser bis Tempo 25

Abgesehen von den Pfeiftönen sind Elektroautos also grundsätzlich nur bei Geschwindigkeiten bis 25 km/h leiser als herkömmliche PKWs. Bei höherem Tempo würde das von der Antriebsart unabhängige Reifen-Fahrbahn-Geräusch zum dominierenden Krachmacher. Elektroautos wären damit also, laut UBA, ab Tempo 25 eine fast genauso große Quelle für Lärmbelästigung wie ihre spritfressenden Kollegen.

ÖPNV und Motorräder: Weniger Krach durch Elektroantrieb

Große Nutzfahrzeuge wie Linienbusse oder Müllsammelfahrzeuge, die innerorts unterwegs sind und dort häufig anfahren und abbremsen müssen, würden hingegen sehr stark von einem Elektroantrieb profitieren. LKWs kämen jedoch eher weniger in Frage. Aufgrund ihres hohen Energiebedarfs und dem vorwiegenden Einsatz auf Langstrecken blieben Elektroantriebe vorerst technisch schwierig und wirtschaftlich unattraktiv.

Sehr viel leiser durch Elektrifizierung würden Mopeds und Motoräder, denn unabhängig von der Fahrtgeschwindigkeit dominiert bei motorisierten Zweirädern immer das Antriebsgeräusch. Ein einzelnes Moped mit Verbrennungsmotor stellt bereits eine bedeutende Lärmquelle dar und würde so viel Krach machen wie 100 Elektromopeds zusammen. Da motorisierte Zweiräder jedoch nur einen verhältnismäßig geringen Anteil am gesamten Verkehrsaufkommen haben, würde der lärmmindernde Effekt einer Elektrisierung dennoch nicht allzu bedeutend sein.

UBA lehnt akustische Dauersignale für Blinde ab

Vor allem Blindenverbände sehen im niedrigen Geräuschpegel von langsam fahrenden Elektroautos eine Gefahr für sehbehinderte Menschen, denn im allgemeinen Verkehrslärm seien Fahrzeuge ohne Verbrennungsmotor akustisch kaum noch auszumachen. Die geforderten akustischen Dauersignale lehnt das UBA allerdings ab. Zum einen würde durch diese Signale eine zusätzliche Lärmbelästigung für Anwohner und andere Verkehrsteilnehmer entstehen. Zum anderen sei die theoretische Gefahrenlage für Blinde und Sehbehinderte in der Praxis bisher nicht nachgewiesen.

Für sinnvoll wird hingegen ein manuell auslösbares "freundliches" Warnsignal erachtet, womit die Fahrer leiser Fahrzeuge auf sich aufmerksam machen können, ohne sofort die Hupe betätigen zu müssen.

Fazit: Lärmminderung unterhalb der Wahrnehmungsschwelle

Das UBA legte bei seiner Einschätzung zum Lärmminderungspotential von Elektroautos die Ziele der Bundesregierung von 2009 zugrunde. Im damaligen Koalitionsvertrag wurde vereinbart, dass bis 2020 eine Million elektrifizierte Fahrzeuge über Deutschlands Straßen rollen sollen. Ausgehend von dieser Einschätzung und der Annahme, dass die Gesamtzahl der PKWs bis 2020 nicht steigt, bleibt die Lärmminderung trotzdem unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. An Stadtstraßen mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h würde sie gerade einmal 0,1 Dezibel betragen. Bei schneller fließendem Verkehr wäre es noch weniger.

Deutschlands Elektroautos lahmen

Allein durch die Elektrifizierung des Straßenverkehrs ließe sich also kein nennenswerter Beitrag zur Lärmverminderung erwarten. Zudem ist es fraglich, ob Deutschland überhaupt seine Zielvorgaben von einer Million Elektroautos bis 2020 erreicht. Knapp 5.000 Elektroautos und 50.000 Hybridfahrzeuge waren zum Jahresbeginn 2012 erst beim Kraftfahrbundesamt gemeldet. Laut Schätzungen der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE) vom Juni 2012 würden lediglich 600.000 Elektroautos bis 2020 in Deutschland auf dem Markt sein.  

ak

Links

UBA: Kurzfristig kaum Lärmminderung durch Elektroautos (18. April 2013)

UBA: Über die Hälfte aller Deutschen durch Lärm belästigt (27. Februar 2013)

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