Mitfahrgelegenheiten als „soziales Netzwerk“

Mitfahrgelegenheiten wurden bereits früher zu Kriegszeiten angeregt, um Ressourcen zu sparen. Neben dem sozialen Aspekt trägt diese Form des Reisens auch zum Umweltschutz bei. Foto: Wikimedia Commons

Interview mit Christian Schiller (BlaBlaCar)Autofahren als „soziales Netzwerk“: Seit April ist das europaweite Mitfahrportal „BlaBlaCar“ auch in Deutschland aktiv. Der hiesige Marktführer hatte kurz zuvor begonnen, Gebühren zu erheben. EURACTIV.de sprach mit Christian Schiller über das Konzept der Plattform und die Entwicklung des sozialen und umweltverträglichen Autofahrens in Europa.

Zur Person

Christian Schiller (28) ist Sprecher von BlaBlaCar Deutschland, BlaBlaCar ist ein europaweites Online-Portal zur Vermittlung von Mitfahrten (auch Carpooling genannt), das 2006 in Paris gegründet wurde (Covoiturage.fr) und in zehn europäischen Ländern aktiv ist. Laut Angaben des Unternehmens: 3 Millionen Mitglieder insgesamt, 500.000 Tonnen CO2 eingespart durch Mitfahrten. Der Start in Deutschland (Sitz in Hamburg, fünf Mitarbeiter) erfolgte am 8. April 2013. Die Grundidee: Mitglieder von BlaBlaCar geben bei der Anmeldung ihre Gesprächsfreudigkeit an: von "Bla" (eher still) bis "BlaBlaBla" (redet über Gott und die Welt).

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EURACTIV.de: BlaBlaCar.de ist erst seit zwei Wochen auch in Deutschland aktiv. Wie ist die Startphase bisher verlaufen?

SCHILLER: Die Resonanz fiel bisher äußerst positiv aus. Wir hatten an den ersten beiden Tagen nach dem Start der Plattform bereits über 1.000 Fahrtangebote. In allen anderen Ländern, in denen wir aktiv sind, sind wir bereits Marktführer. Deutschland soll nun folgen.

EURACTIV.de: Hat BlaBlaCar den jetzigen Zeitpunkt für den Markteintritt in Deutschland bewusst gewählt, da der Marktführer mitfahrgelegenheit.de vor kurzem Vermittlungsgebühren eingeführt hat?

SCHILLER: Den Plan, nach Deutschland zu gehen, hatten wir schon lange gehegt, aber natürlich ist der jetzige Zeitpunkt ideal. Wir wollten nicht, dass das Mitfahren in Deutschland stirbt. Viele Nutzer schauen sich gerade nach neuen Portalen um. Es wäre gut, wenn es genügend hochqualitative Websites gibt, die auch ohne die 11 Prozent Vermittlungsgebühr das Angebot in Deutschland hochhalten. Natürlich wird die Konkurrenz stärker, aber wir sind überzeugt, dass wir ein gutes Produkt anbieten. Sobald einmal der erste Schock über den Namen "BlaBlaCar" überwunden ist, nehmen die Leute unser Konzept sehr positiv auf.

"Mit wem fahr ich da eigentlich?"

EURACTIV.de: Der Name BlaBlaCar ist in der Tat ungewöhnlich. Können Sie etwas zu dem Konzept sagen, das sich hinter dem Namen verbirgt?

SCHILLER: Wir sehen immer wieder, dass sich die Leute, bevor sie eine Mitfahrgelegenheit buchen, die Frage stellen: "Mit wem fahr ich da eigentlich?" BlaBlaCar soll nicht nur eine Möglichkeit bieten, möglichst kostengünstig von A nach B zu kommen. Es geht auch darum, vor allem sehr lange Fahrten möglichst angenehm zu gestalten. Bei BlaBlaCar geben Nutzer zum Beispiel an, ob sie während der Fahrt Musik hören oder ob auch Haustiere mitfahren dürfen. Das wichtigste Feature ist aber die Angabe der Gesprächsfreudigkeit.

In den Ländern, in denen wir schon seit mehreren Jahren aktiv sind, wird dies sehr positiv aufgenommen. Sollte das Mitfahrkonzept sich in Zukunft auch bei längeren grenzüberschreitenden Fahrten innerhalb Europas verstärkt durchsetzen, wovon wir ausgehen, wird dieser soziale Aspekt immer wichtiger.

Natürlich benötigt es erst einmal genügend Anbieter für Mitfahrgelegenheiten, bevor eine Auswahl nach sozialen Kriterien erfolgen kann. Carpooling  ist jedoch ein riesiger Wachstumsmarkt. Wir wollen daher als erste Mitfahrplattform dem zwischenmenschlichen Faktor die gebührende Aufmerksamkeit schenken. Die Möglichkeit, so sicher und passgenau mitzufahren, bieten die anderen Anbieter nicht. BlaBlaCar ist nicht nur eine Mitfahrzentrale, sondern ein soziales Netzwerk. Wir überlassen so wenig wie möglich dem Zufall.

Umweltbewusstsein, Sprit-, und Fahrpreise fördern den Trend

EURACTIV.de: Wie sehen Sie die Entwicklung des Mitfahrkonzeptes allgemein?

SCHILLER: Steigendes Umweltbewusstsein und höhere Preise bei Sprit und Bahnfahrten verstärken den Trend. Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung wird in nicht allzu ferner Zukunft nur noch ein Fünftel der Leute, die Auto fahren, tatsächlich ein eigenes Auto besitzen. Wir setzen voll auf den Trend. Wenn sich das Konzept europaweit weiter durchsetzt, wird zusätzlich stärkerer Preisdruck auf etablierte Verkehrsmittel wie Bahn und Flugzeug ausgeübt.

Auch beim Thema Flexibilität bietet das Mitfahren gewaltige Vorteile. Gerade Nischenstrecken wie von Greifsfeld nach Kremlin werden wegen Einsparungen bei der Bahn immer seltener bedient. Mitfahrgelegenheiten können diese Lücke schließen. Mitfahren bietet also eine sehr gute Möglichkeit, preisgünstig von A nach B zu kommen und trotzdem CO2 zu sparen.

"Nicht immer positiv, was die Leute von der EU halten"

EURACTIV.de: Sie sagen, dass Mitfahrgelegenheiten die Möglichkeit bieten, den Verkehr zu beruhigen und so auch den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Dies sind auch erklärte Ziele der EU und vieler Mitgliedsstaaten. Gibt es von dieser Seite Unterstützung?

SCHILLER: Man kann nicht sagen, dass es ein Programm gibt, in dem wir schon drin wären, aber wir verschließen uns dem auch nicht kategorisch. Auf der anderen Seite ist uns aber auch wichtig, dass wir unabhängig bleiben und das Ganze nicht durchpolitisiert wird. In Deutschland sind wir noch nicht groß genug, um politische Aufmerksamkeit zu genießen, aber in Frankreich und Großbritannien wird bereits vermehrt auf uns zugegangen. Das ist jedoch alles erst noch am Anlaufen. BlaBlaCar ist als Grassroots-Bewegung konzipiert und soll das auch bleiben. Die Mitfahrer halten das Projekt am Laufen und nicht die starke Hand des Staates. Wir werden aber schauen, in welchen Bereichen Zusammenarbeit sinnvoll ist.

EURACTIV.de: Die EU könnte zumindest auf das Phänomen aufmerksam machen. Mitfahrgelegenheiten werden meistens noch von einem eher jüngeren Publikum in Anspruch genommen.

SCHILLER: Klar wäre es schön, wenn der Herr Barroso mal mit uns auf eine Fahrt von Berlin nach Lissabon mitkommen würde. Wir müssen aber vorsichtig sein. Es ist ja nicht immer positiv, was die Leute von der EU halten. Politische Einstellungen sollen vorerst nicht mit dem Konzept des Mitfahrens in Verbindung gebracht werden.

Was das Alter der Mitfahrer angeht, so stimmt es zwar, dass ein Großteil von ihnen unter 30 ist. Auch dieser Trend scheint aber zu bröckeln. Bei den Fahrten, die in den ersten Wochen auf unserer Plattform reingestellt wurden, war das Durchschnittsalter über 30, auch 50- bis 60-Jährige waren dabei. Das typische Klischee: "Das machen ja nur Studenten, die kein Geld haben. Wer Geld hat, steigt auf die Bahn um", stimmt so nicht mehr.

Beim Mitfahren sitzt man sich eben nicht wie Steinblöcke gegenüber, anders als bei der Deutschen Bahn. Diesen sozialen Aspekt des Mitfahrens in der Breite der Bevölkerung bekanntzumachen, ist das Anliegen von BlaBlaCar. Ich bin aber auch optimistisch, dass die jetzige Generation ihre positiven Erfahrungen beim Mitfahren weitertragen wird.

Wir erwägen auch, Fahrten anzubieten, die nur für ältere Leute gedacht sind. Etwas Ähnliches gibt es ja bereits: die Frauenfahrten. Diese sind auf BlaBlaCar übrigens für Männer nicht sichtbar.

Community soll Sicherheit gewährleisten

EURACTIV.de: Was sind die meisten Bedenken, wenn es darum geht, eine Mitfahrgelegenheit zu buchen?

SCHILLER: Der Sicherheitsaspekt wird immer wieder genannt. Wir von BlaBlaCar wollen sagen: "Hier gibt es keine kommerziellen Fahrer, die sieben oder acht Leute in einen Van quetschen und Hunderte von Kilometern fahren." Wir schauen uns die Profile der Mitfahrer genau an. Anhand bestimmter Merkmale lassen sich die "Schwarzen Schafe" schnell herausfinden.

Mit zunehmender Nutzerzahl wird die Überwachung jedoch immer schwieriger. Wir werden dann neue Arbeitsstellen schaffen. Jedoch ist hier auch die Community gefragt. Auch was die Zuverlässigkeit der Fahrer angeht, setzen wir weiterhin auf die Kontrolle unserer Mitglieder. Wir wollen keine komplizierten Buchungssysteme wie bei der Konkurrenz.

In Frankreich funktioniert diese Selbstkontrolle sehr gut. Die Leute sind sehr aktiv bei der Bewertung. Negative und positive Kommentare halten sich dabei die Waage. Das zeigt, dass die Community zwar kritisch ist, aber auch dort Lob vergibt, wo Lob angebracht ist.   
 
EURACTIV.de: Wie viele Mitfahrgelegenheiten in Europa sind grenzüberschreitend?  

SCHILLER: Leider haben wir derzeit keine Statistik über grenzüberschreitende Fahrten. Aber die Idee eines "Erasmus auf der Straße" wäre natürlich toll, und wir werden uns gut überlegen, wie wir noch "europäischer" werden können.

EURACTIV.de: Wo sehen Sie BlaBlaCar in fünf Jahren?

SCHILLER: Wir wollen ganz klar unsere Marktführerschaft in Europa ausbauen. Jetzt konzentrieren wir uns erst einmal auf das Riesenprojekt Deutschland und den deutschsprachigen Raum. Letztes Jahr sind wir zudem auch gerade erst nach Polen gegangen und wollen uns dort stabilisieren, bisher schon mit ordentlichem Erfolg.

EURACTIV.de: Können Sie garantieren, dass es niemals Gebühren wie bei der Konkurrenz geben wird, selbst wenn BlaBlaCar irgendwann einmal Marktführer in Europa sein sollte?

SCHILLER: Die Reaktionen auf die Gebühreneinführung bei unserem Konkurrenten spricht eine deutliche Sprache. Diesen Fehler werden wir nicht wiederholen. Geplant sind auch Premiumangebote für die Nutzer. Unser Ziel ist es, so langfristig unsere Kosten zu decken. Aber da sind wir noch lange nicht. Ich kann Ihnen aber versichern: Wir sind ein 100 Prozent kostenloses Portal.

EURACTIV.de: Aber wie finanzieren Sie sich dann?

SCHILLER: Wir finanzieren uns über Onlinewerbung und Partnerschaftsabkommen mit über 200 Unternehmen (u.a. IKEA und Carrefour in Frankreich), für die spezielle Mobilitätskonzepte erarbeitet werden


Interview: Andreas Klinger

Links

Süddeutsche Zeitung: Carsharing: Radikal neue Form der Mobilität (9. April 2013)