Geschlossene Gesellschaft – Zur Lage der Roma in Bulgarien

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Das bulgarische Innenministerium bestätigte am Donnerstag, dass der Gülen-Anhänger und Geschäftsmann Abdullah Büyük am Vortag an Ankara übergeben worden sei.

Analyse von Marco Arndt (KAS)Die Siedlungsräume der Roma in Bulgarien sind gekennzeichnet durch Verdichtung und prekäre bis katastrophale Lebensbedingungen. Die Regierung versucht seit Jahren durch Integrationsmaßnahmen und Förderprogramme, unterstützt durch Finanzmittel der EU, die Integration zu verbessern. Eine Analyse zur Lage der Roma von Marco Arndt, Leiter des Auslandsbüros Bulgarien der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Bulgarien kennt drei große Minderheiten: türkischstämmige Bulgaren, ethnische Bulgaren muslimischen Glaubens (Pomaken) und Roma. Gemäß den Angaben der letzten Volksbefragung von 2011 gehören zu den Roma offiziell 325.000 Menschen, das sind knapp fünf Prozent der Bevölkerung. Da die Befragten aber ihre Zugehörigkeit zur Volksgruppe der Roma häufig leugnen, muss diese Zahl in etwa auf zehn Prozent oder 700.000 Personen verdoppelt werden.

Anders als Türken und Pomaken leben die Roma über ganz Bulgarien verteilt, 55 Prozent in den Städten und 45 Prozent auf dem Land, jedoch fast immer in abgeschlossenen ländlichen Siedlungen oder in Stadtvierteln/Ghettos. Das Ghetto Stolipinovo in Plovdiv (350.000 Einwohner) zählt 45.000 Roma. Diese räumliche Segregation hat in den letzten 15 Jahren zugenommen. Alle Roma sind sesshaft.

Die Siedlungsräume der Roma sind gekennzeichnet durch Verdichtung und prekäre bis katastrophale Lebensbedingungen. Statistisch stehen jedem Bulgaren 23qm Wohnraum zur Verfügung, Roma haben hingegen nur zehn. Oft leben zwei oder mehr Personen in einem Raum. Die Siedlungen und Ghettos besitzen in weiten Teilen kein Frisch- und Abwassersystem sowie keine Versorgung mit Elektrizität. 40 Prozent der Roma verfügen über keinen Frischwasseranschluss, 60 Prozent über keine Kanalisation. 80 Prozent besitzen kein Bad.

Mangelnde Schulbildung

Diese Lebensbedingungen korrespondieren mit mangelnder Schulbildung: Über einen Hochschulabschluss verfügen nur 0,5 Prozent der Roma, bei den Bulgaren sind es 25,6. Die Hochschulreife erreichen neun Prozent, aber 52 Prozent der Bulgaren. Hingegen bleiben 22 Prozent der Roma ohne Bildungsabschluss (ein Prozent der Bulgaren). Der Analphabetismus ist bei Frauen dreimal höher als bei Männern, insgesamt sind 19 Prozent der Erwachsenen Analphabeten. Da in der Regel Frauen die Kinder erziehen, wirkt sich dieser Mangel direkt auf die Kinder aus. Problematisch ist zudem, dass viele Kinder im Einschulungsalter kaum oder nicht adäquat Bulgarisch sprechen können, weil in 55 Prozent der Familien Roma gesprochen wird.

Oft fehlen ihnen auch, bedingt durch die Mängel ihrer Sozialisation, die notwendigen sozialen Verhaltensmuster, um in der Schule erfolgreich zu sein. Durch patriarchalische Strukturen bedingt, werden sehr häufig die Mädchen gezwungen, die Schule frühzeitig zu verlassen. Erfolg in der Schule variiert allerdings stark bei einzelnen Romagruppen (es gibt in Bulgarien drei Gruppen mit diversen Untergruppen) und in verschiedenen Regionen. Die Lebensbedingungen und die hygienischen Verhältnisse haben gesundheitliche Folgen. Infektionskrankheiten und Parasiten hinterlassen deutliche Spuren: Zehn Prozent der unter Zehnjährigen haben einen bedenklichen Gesundheitszustand. 13 Prozent der Roma sind gesundheitlich stark beeinträchtigt, die Lebenserwartung liegt deutlich unter dem Landesdurchschnitt. 33 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen zwischen 45 und 60 Jahren sind arbeitsunfähig.

Extrem hohe Arbeitslosenquote

Da der sich zunehmend modernisierende Arbeitsmarkt immer stärker auf qualifizierte Fachkräfte angewiesen ist, hat sich die Lage der zumeist unqualifizierten Roma verschärft. Die Arbeitslosenquote ist extrem hoch, diejenigen, die arbeiten, sind zumeist im Niedriglohnsektor beschäftigt. 62 Prozent der Roma über 15 Jahren gehen keiner Berufstätigkeit nach. So leben 90 Prozent der Roma mit Einkommen unter der nationalen Armutsgrenze. Die bulgarische Regierung versucht seit Jahren durch Integrationsmaßnahmen und Förderprogramme, unterstützt durch Finanzmittel der EU, die Integration zu verbessern. Ansatzpunkte sind die Bereiche Wohnumfeld, hygienische Verhältnisse, Gesundheit sowie Schule und Beruf. Die jüngste Maßnahmenplanung stammt aus dem Jahr 2012 und läuft acht Jahre. Sie setzt den auf zehn Jahre angesetzten Integrationsplan aus dem Jahr 2005 fort. Die Maßnahmen setzen an den richtigen Stellen an, sind aber, was Resultate angeht, eher erfolglos zu nennen. Die Wirkungslosigkeit bedarf daher einer eingehenden Analyse. Als größtes Hindernis für eine erfolgreiche Integration dürfte sich die Ghettobildung mit ihren patriarchalisch-feudalen, sehr oft kriminellen Strukturen erweisen, weniger die kulturelle Prägung der Roma. Auch fehlt auf Seiten vieler Roma das Vertrauen in die Ernsthaftigkeit der Regierungsmaßnahmen.

Diese prekären Lebensverhältnisse der Roma, aber auch vieler ethnischer Türken und Pomaken, sind ursächlich für die Armutswanderung (auch) nach Deutschland, auf die der Deutsche Städtetag jüngst in einem Papier aufmerksam machte. Viele Städte fühlen sich finanziell überfordert, die (erneute) Ghettoisierung führt zu Spannungen vor Ort, da viele Einwanderer ihre Lebensweise im neuen Umfeld beibehalten und so sehr schnell auf Unverständnis stoßen. Die Integrationsproblematik wird so lediglich von Bulgarien nach Deutschland verlagert.

Verheißungen des deutschen Sozialstaats

Die Armutswanderung dürfte sich ab 2014 verstärken, da dann vollkommene Freizügigkeit auch für Rumänen und Bulgaren innerhalb der EU gilt. Das offizielle monatliche Nettoeinkommen liegt in Bulgarien bei etwa 400 Euro, bei den Roma weit darunter. Die Verheißungen des deutschen Sozialstaats müssen diesen Armen im europäischen Haus daher wie paradiesische Verlockungen erscheinen. Vermutlich wird die Auswanderung vor Ort organisiert. Statistisch lässt sich zwar feststellen, dass 2012 über 140.000 Menschen aus Rumänien und Bulgarien nach Deutschland gezogen sind. Allerdings unterscheidet die Statistik nicht qualifizierte Fachkräfte, die dringend gebraucht werden und Beschäftigte im Niedriglohnbereich von Armutseinwanderern. Auch weist die Statistik nur die Nationalität, nicht aber die Volksgruppe aus, so dass unbekannt ist, wie viele der o. a. 140.000 Menschen tatsächlich aus der Volksgruppe der Roma nach Deutschland gekommen sind.

Links

Konrad-Adenauer-Stiftung: Geschlossene Gesellschaft (8. März 2013)

Zum Thema auf EURACTIV.de

Schengen: Deutsche Veto "aus der Trickkiste" (6. März 2013)

Bulgarien: Regierung tritt nach Protesten zurück (20. Februar 2013)