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27/07/2016

Preise für Barroso und Van Rompuy – wofür?

Soziales Europa

Preise für Barroso und Van Rompuy – wofür?

Dieses Jahr feiert Aachen den 1200. Todestag von Karl dem Großen. Unter seinen Augen droht der Karlspreis zunehmend an Bedeutung zu verlieren. Foto: dpa

EU-Kommisionspräsident José Manuel Barroso erhält den spanischen Europa-Preis “Karl V.”, Ratspräsident Herman Van Rompuy den Aachener Karlspreis. Höchste Zeit, die Promi-Preis-Inflation zu problematisieren und für eine Preis-Pause zu plädieren.

Einst bedeutende Europa-Preise wie den Aachener Karlspreis oder den spanischen Karl-V.-Preis erhielten früher Persönlichkeiten für ihr Lebenswerk, für ihren Mut, für außergewöhnliche Leistungen in Sachen Europa.

Heute kann man den Preis auch dafür bekommen, dass man in Brüssel zur Arbeit geht und ein Amt trägt. Ein Amt, das ohenhin hoch bezahlt ist. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy bezieht für seine Tätigkeit ein höheres Einkommen als US-Präsident Barack Obama. Für eine Tätigkeit, die nicht nur Begeisterung auslöst, was auch an der Konstruktion dieses Amtes liegen mag.

Als die Aachener Bürgerschaft den Preis vor 65 Jahren auslob, war das Ziel folgendes: "Der Karlspreis wirkt in die Zukunft, er birgt gleichsam eine Verpflichtung in sich, aber eine Verpflichtung von höchstem ethischem Gehalt." In die Zukunft wirkt diesmal nichts. Die komplette Riege der Top-Jobs in Brüssel – Kommissionspräsident José Manuel Barroso, Van Rompuy und auch die Außenbeauftragte Catherine Ashton – tritt in Kürze ab. Da ist nichts mit Zukunft. 

Van Rompuy als "Mann der leisen Töne", "Meister des Ausgleichs" und "unermüdlichen Arbeiter" zu würdigen, ist eine dürre Begründung für den einst so angesehenen Karlspreis. Das Karlspreis-Direktorium tat sich sichtlich schwer, jemanden zu finden, der nicht nur still, brav und selbstverständlich seine Arbeit macht, sondern der es wert wäre, für sein Lebenswerk geehrt zu werden, für ambitiöses, visionäres, kämpferisches, überzeugendes, mutiges europäisches Engagement.

Van Rompuy muss sich noch bis zum Christi Himmelfahrtstag gedulden, ehe er im Krönungssaal des Aachener Rathauses den Ehrenpreis entgegennehmen kann. Das Interessanteste daran ist wohl das Datum: Es ist der 29. Mai 2014. Da sind die Stimmzettel der Europawahl (je nach Land zwischen 22. und 25. Mai) gerade fertig ausgezählt. Die Ergebnisse könnten den Festakt verhageln. Da ist es spannend, wie Laudatoren und Preisträger darauf reagieren werden.

Am gestrigen Donnerstag war Barroso an der Reihe. Im 600 Jahre alte Hieronymiten-Kloster im Westen Spaniens, direkt an der Grenze zu seiner Heimat Portugal, nahm Barroso den Europapreis "Karl V." aus der Hand des spanischen Kronprinzen Felipe entgegen. Barroso kennt den Ort, das letzte Refugium von Kaiser Karl V., gut, war er doch selbst Laudator, als er Karl-V.-Preisträger Javier Solana "für seinen Beitrag zur europäischen Integration" dankte, der die Entwicklung der weltpolitischen Rolle der EU entscheidend mitgeprägt und bei der Festlegung ihrer strategischen Ziele eine wichtige Rolle gespielt" habe. Erst Laudator, dann selbst Preisträger, man bleibt unter sich. Und was hatte Barroso diesmal zu sagen? Dass die EU für die Wirtschaftskrise nicht verantwortlich sei: "Europa ist nicht das Problem, Europa ist ein Teil der Lösung." Wie oft hat er das nun schon gesagt?

Um nicht missverstanden zu werden: Die Kritik richtet sich nicht an die Geehrten persönlich. Sie richtet sich an die Organisatoren der inflationären Preisverleihungen. Vielleicht sollten sie eine Preis-Pause einlegen. Sonst kann es passieren, dass ein künftig Auserwählter die Annahme des Preises wegen Bedeutungslosigkeit ablehnt.


Ewald König

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Begründung des Karlspreis-Direktoriums