FAO-Chef warnt: Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung könnte 2030 fehlernährt sein

Fertiggerichte bieten eine einfache, aber oft ungesunde, Alternative zur Zubereitung frischer Lebensmittel. [Niloo/Shutterstock]

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung wird im Jahr 2030 an Fehlernährung leiden, wenn keine sofortigen Maßnahmen für besseren Zugang zu hochqualitativen Lebensmitteln ergriffen werden, erklärte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gegenüber den G7-Gesundheitsministern.

Aufgrund von Klimawandel und Kriegen ist die Anzahl unterernährter Menschen auf dem Planeten zum ersten Mal seit zehn Jahren angestiegen, heißt es im FAO-Bericht mit dem Titel ‚The state of food security and nutrition in the world 2017′.

Demnach litten im Jahr 2016 insgesamt 815 Millionen Menschen Hunger. Das sind 11 Prozent der Gesamtbevölkerung – und ein Anstieg von 38 Millionen im Vergleich zum Vorjahr. Das Wachstum von 155 Millionen Kindern war aufgrund von Unterernährung beeinträchtigt.

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Trotz der Verpflichtung der internationalen Gemeinschaft, den Hunger bis 2030 zu beenden, gab es 2016 rund 38 Millionen mehr hungernde Menschen als im Vorjahr. Bewaffnete Konflikte tragen maßgeblich zu diesem drastischen Anstieg bei.

Doch andere Arten der Fehlernährung wie Nährstoffmangel und auch Übergewicht sind ebenfalls alarmierend hoch.

„Ungefähr jeder dritte Mensch auf der Welt leidet unter einer Form der Fehlernährung; sei es Hunger und Nährstoffmangel oder Übergewicht und Fettleibigkeit“, erklärte FAO-Generaldirektor José Graziano da Silva gegenüber den G7-Gesundheitsministern während eines Treffens in Mailand am vergangenen Sonntag. „Wenn wir keine sofortigen und effektiven Maßnahmen ergreifen, wird mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung im Jahr 2030 an mindestens einer Art der Fehlernährung leiden,“ warnte da Silva.

Bereits heute sind mehr als zwei Milliarden Menschen von Nährstoffmangel betroffen, während 1,9 Milliarden Erwachsene und 41 Millionen Kinder als übergewichtig gelten.

Die Übergewichts-Epidemie

In der G7-Gruppe der industrialisierten Länder – Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Kanada und den USA – sind Übergewicht und Fettleibigkeit die größte Gefahr. Der FAO-Vorsitzende sagte, die Urbanisierung habe massive Auswirkungen auf die Ernährung. Ein Effekt sei der erhöhte Verbrauch von verarbeiteten Lebensmitteln und bereits vorgekochten Fertigprodukten, was zu steigenden Übergewicht- und Fettleibigkeitsraten führe.

Dem stimmt Emma Calvert, zuständig für Lebensmittelthemen bei der europäischen Verbraucherschutzorganisation BEUC, zu: „Wir leben in einer Umwelt, in der die ungesunde Ernährung die einfachste Wahl ist,“ sagte sie gegenüber EURACTV.com. „Wir müssen diesen Trend umkehren, wenn wir die Übergewichts-Epidemie in Europa aufhalten wollen.“

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Aufgrund von ungesunder Ernährung und zu wenig Bewegung ist heute ein Drittel der Kinder in Europa übergewichtig. In ihrem 2017 erschienenen Bericht zu Übergewicht sieht die Weltgesundheitsorganisation einen Hauptfaktor des Problems in süßen Getränken: „Die Aufnahme von Zucker, insbesondere über stark zuckerhaltige Getränke, ist von großer Bedeutung für Übergewicht und Fettleibigkeit.“

Laut Angaben der Europäischen Kommission sterben in der EU jedes Jahr 2,8 Millionen Menschen an den Folgen von Übergewicht. Fettleibigkeit steht darüber hinaus für 7 Prozent der Ausgaben in den Gesundheitsbudgets der einzelnen Nationalstaaten.

Calvert rief die EU-Behörden daher dazu auf, striktere Regeln für den Nährstoffgehalt in Lebensmitteln, die Etikettierung von Nahrungsmitteln und für die Bewerbung von ungesunden Speisen, insbesondere mit Kindern als Zielgruppe, zu erlassen. Außerdem müssten die Mitgliedstaaten dafür sorgen, „dass genügend Ressourcen bereitgestellt werden, um diese Regelungen angemessen umzusetzen.“

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