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29/07/2016

EU-Urlaubsgeld für Geringverdiener?

Soziales Europa

EU-Urlaubsgeld für Geringverdiener?

Die EU will die Touristenströme in Europa künftig gezielt regional und saisonal lenken. Foto: dpa

Die EU widmet sich einem neuen Politikfeld – dem Tourismus. Künftig sollen die Europäer nicht geballt in der Hochsaison verreisen, sondern möglichst gleichmäßig über das Jahr verteilt. Eine entsprechende Erklärung wollen die verantwortlichen EU-Minister morgen (15. April) in Madrid verabschieden. EurActiv zitiert vorab aus dem Dokument. Offenbar will die EU auch Geringverdiener sponsern, damit sie in der Nebensaison verreisen.

Dem Entwurf für die Erklärung der EU-Minister zufolge, der EurActiv vorliegt, wollen sich die Mitgliedsstaaten morgen dazu verpflichten, "Maßnahmen und Initiativen" zu unterstützen, welche "die Ausweitung der Hochsaison im Tourismus anregen". Die EU-Tourismuspolitik ziele darauf ab, "zum Kampf gegen die Saisonabhängigkeit und der Beibehaltung von Beschäftigungsverhältnissen in der Nebensaison beizutragen", heißt es in dem Entwurf weiter. Der Text soll morgen unterzeichnet und der Kommission vorgelegt werden.

Die EU-Minister geben damit das Startsignal für Initiativen im Bereich des Tourismus, der mit dem Vertrag von Lissabon als neuer Politikbereich in die Zuständigkeit der EU fällt. Die europäische Tourismuskonferenz (14.-15. April) in Madrid wird "den Weg zu einem abgestimmten und kohärenten Ansatz für kommende Initiativen zur Tourismuspolitik auf europäischer Ebene ebnen", erwartet die EU-Kommission.

Die meisten der 10 Millionen Angestellten der Tourismus-Industrie in der EU arbeiten meist nur zu bestimmten Zeiten im Jahr – bedingt durch das Wetter, gesetzliche Feiertage und die klassische Urlaubssaison. EU-Industriekommissar Antonio Tajani ist derzeit ebenfalls in Madrid und wird dort ankündigen, konkrete Initiativen voranzutreiben, um die Hochsaison zu verlängern.

EU-Reisekasse für Touristen

Die EU plant offenbar auch, über finanzielle Anreize die Urlaubsströme in die Nebensaisons zu lenken. "Junge Menschen, über 65-jährige und Personen mit eingeschränkter Mobilität oder geringem Einkommen werden finanzielle Unterstützung bekommen, um in den Zeiten der Nebensaison in den Urlaub fahren zu können", erklärte ein Beamter der Kommission, der für das Dossier verantwortlich ist.

Den Plänen zufolge könnten Nordeuropäer im Winter nach Südeuropa reisen, während Einwohner des Mittelmeerraums während der heißesten Monate des Jahres nach Nordeuropa ziehen könnten. Die Idee ist von den spanischen Bemühungen inspiriert, den Tourismus regional abgestimmt in die Nebensaison zu lenken.

In diesem Sinne werden sich die Minister dazu verpflichten die Hochsaison auszudehnen, indem sie "Urlaubsreisen und den Austausch von Touristen in der Nebensaison fördert“, heißt es in dem Entwurf.

Tourismuspolitik der EU

Um detaillierte Daten über den europäischen Tourismussektor zu sammeln, soll ein Tourismus-Observatorium aufgebaut werden. Ein EU-Beamter erklärte: "Es soll eine Art von Eurostat sein, das sich dem Tourismus verschrieben hat." Das soll Reiseveranstaltern helfen, ihre Arbeit effizienter zu planen und sich aufkommenden Trends anzupassen.

Die Minister werden sich auch auf eine Definition "eines Kriterienkatalogs für nachhaltige Tourismusziele" einigen, um Reiseziele und Ferienorte hervorzuheben, die besten Service bieten und zugleich umweltfreundlich sind. "Es wird dem Programm der Blauen Flagge ähneln", das die saubersten Strände und Anlegestellen in über 40 Ländern klassifiziert, erklärte ein EU-Beamter.

Die EU plant auch Tourismuspartnerschaften mit Nicht-EU Ländern wie China, Brasilien, Russland und Indien zu verhandeln. Ziel sei es, den Nicht-EU-Touristen Pauschalurlaube anzubieten, die Reisen durch verschiedene Länder Europas beinhalten. Das solle neue Touristen nach Europa bringen und zugleich verhindern, dass sich die Reisen auf ein einzelnes EU-Land konzentrieren.

Hintergrund

Der Vertrag von Lissabon weitet die Zuständigkeit der Europäischen Union auf den Bereich des Tourismus aus. Beschlüsse in diesem Politikbereich müssen mit qualifizierter Mehrheit angenommen werden.

Die europäische Tourismusindustrie erwirtschaftet mit etwa 1,8 Millionen Unternehmen, die circa 5,2 Prozent aller Arbeitskräfte beschäftigen (etwa 9,7 Millionen Jobs) mehr als 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der EU. Berücksichtigt man auch angeschlossene Sektoren, liegt der geschätzte Beitrag des Tourismus zum BIP noch deutlich höher: Der Tourismus generiert indirekt mehr als 10 Prozent des BIP der EU und steht für mehr als 12 Prozent der Arbeitsplätze.

red mit EurActiv.com

Links / Download

Ratspräsidentschaft: Declaration of Madrid "Towards a socially responsible tourism model" (April 2010)

EU-Kommission: Eine neue strategische Vision für die Tourismuspolitik der EU

EU-Kommission: Tourism policy official website

EU-Ratspräsidentschaft: Tourism ministers discuss strategies to maintain the EU’s status as the world’s leading tourist destination

EU-Ratspräsidentschaft: Tourism Forum