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01/10/2016

Chancengleichheit für Sinti und Roma

Soziales Europa

Chancengleichheit für Sinti und Roma

Minderheitenvertreter fordern einen nationalen Aktionsplan, um die Bildungssituation von Roma und Sinti in Deutschland zu verbessern. Foto:dpa

Bis zu 125.000 Roma und Sinti leben momentan in Deutschland. Eine aktuelle Studie zeigt ihre prekäre Bildungssituation. 44 Prozent der Befragten hatten keinen Schulabschluss. Gefordert wird eine Bildungskommission für die nationale Minderheit.

Deutschland soll eine eigene Kommission ins Leben rufen, um die desolate Bildungssituation der Roma und Sinti zu verbessern. Daran sollten Bund,  Länder und Kommunen sowie Vertreter von Sinti und Roma mitwirken. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des baden-württembergischen Landesverbandes der Sinti und Roma (RomnoKher), die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Deutschland muss in diesem Jahr die EU-Romastrategie umsetzen und hierzu einen nationalen Aktionsplan vorlegen.

Speziell bei der Bildung der Roma und Sinti bestehe großer Handlungsbedarf, so die Experten von RomnoKher. Im Fokus müssten auch ältere Menschen stehen.

Gravierende Bildungsmisere

Die desolate Lage der Roma und Sinti zeige sich besonders deutlich am Schulbesuch, so der Bericht. Nahezu 40 Prozent der Befragten über 51 Jahre hätten keine Grundschule besucht. Bei den 26- bis 50-Jährigen seien es knapp ein 20 Prozent. Zwar hat sich die Situation in den vergangenen Jahrzehnten verbessert, trotzdem waren auch von den befragten 14- bis 25-Jährigen rund 10 Prozent nicht in der Grundschule.

Das Ergebnis der Studie müsste die Poilitik und Medien eigentlich aufschrecken, meint Mitautor Alexander von Plato. Ko-Autorin Jane Schuch spricht von einer "gravierenden Bildungsmisere" unter den deutschen Sinti und Roma. Die Zahlen seien erschütternd.

Auch bei den Schulabschlüssen zeige sich die prekäre Bildungslage der deutschen Sinti und Roma, so die Studie. Weiterführende Schulen würden kaum besucht. Bei den Abschlüssen liegen Sinti und Roma unter dem Durchschnitt. Lediglich 11,5 Prozent der Befragten hätten eine Realschule besucht, für den Besuch der Gymnasialstufe erübrige sich sogar fast jede Statistik, kommentierten die Autoren.

Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung würden mehr als 20 Prozent einen mittleren Abschluss und knapp 25 Prozent die Hochschulreife erreichen. 44 Prozent der befragten Roma und Sinti hätten die Schule ohne Abschluss verlassen, in der Gesamtbevölkerung liege diese Quote bei 3,9 Prozent.

"Nationale Verantwortung deutlich machen"

In der Studie finden sich keine Vergleichszahlen zur Lage der Roma und Sinti in anderen EU-Mitgliedsstaaten. Ein EU-Vergleich sei aber durchaus in Betracht gezogen worden, so die Autoren. Allerdings sei ein Blick auf die innerdeutsche Situation der Sinti und Roma sinnvoller, so die Einschätzung von Günther Saathoff, Vorstand der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ). Die EVZ ist Hauptförderer der Pilotstudie. Die Bedingungen in Ländern wie beispielsweise Rumänien seien anders, so Saathoff. Mit dem Vergleich zwischen der Situation der Mehrheitsgesellschaft und der Minderheit der Sinti und Roma in Deutschland könne eher an die nationale Zuständigkeit appelliert werden. Man wolle die nationale Verantwortung deutlich machen und das Problem nicht "europäisieren".

EU-Roma-Strategie als Rahmen

Zugleich setzt die EU einen Rahmen für die nationale Roma-Politik. Die EU-Strategie zur Integration der Roma soll im Juni 2011 endgültig verabschiedet werden. Sie sieht vor, den in der EU lebenden Roma einen fairen Zugang zu Bildung, Beschäftigung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum und öffentlichen Versorgungsnetzen zu ermöglichen und stellt dafür insgesamt 26 Milliarden Euro bereit (EurActiv.de vom 11. April 2011).

Die Autoren der Studie schlagen vor, mt dem deutschen Aktionsplan alle Ressourcen von EU, Bund, Ländern und Kommunen zu bündeln. Gezielt könnten beispielsweise Erwachsenenbildungsprogramme für Sinti und Roma unterstützt werden.

Die Idee hinter der EU-Romastrategie erläutern EU-Arbeitskommissar László Andor und der ungarische Staatssekretär Zoltán Balog in einem gemeinsamen Standpunkt auf EurActiv.de.

In der EU leben schätzungsweise 10 bis 12 Millionen Roma, 80 Prozent davon in den neueren Mitgliedsstaaten. In Deutschland gibt es bis zu 125.000 Roma und Sinti.

Martin Schmidt

Links


Rat der EU-Sozialminister:
Council conclusions on an EU Framework for National Roma Integration Strategies up to 2020 (19. Mai 2011)

Ungarische Ratspräsidentschaft: Roma-Strategie: Es geht um die Qualität (8. April 2011)

EU-Kommission: Die EU und die Roma

EU-Kommission: EU-Kommission fordert Mitgliedsstaaten zur Festlegung nationaler Strategien auf (5. April 2011)

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