Bertelsmann-Stiftung: Muslime gut integriert, aber nach wie vor Außenseiter

Türkischstämmige Muslima während einer Solidaritäts-Kundgebung für Syrien in Berlin, Dezember 2016. [Joel Schalit]

Wenn es um Sprache, Bildung und Arbeit geht, haben sich Muslime in Westeuropa gut integriert. Dennoch bleiben sie in der Gesellschaft Außenseiter, geht aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor.

Die Stiftung befragte 10.000 Menschen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Österreich, der Schweiz und der Türkei. Geflüchtete, die nach 2010 in den fünf westeuropäischen Ländern ankamen, wurden nicht befragt. Insgesamt leben in diesen Ländern 14 Millionen Muslime.

Das Ergebnis: Die Eingliederung der Muslime sei „nicht begleitet von kultureller und religiöser Assimilation sowie gesellschaftlicher Akzeptanz.“ Insbesondere die tiefe Religiosität – laut Studie können mindestens 41 Prozent der Muslime als ‚tief religiös‘ bezeichnet werden – sowie kulturelle Unterschiede „schaffen weiterhin Unbehagen in der einheimischen Bevölkerung und haben negativen Einfluss auf die gesellschaftliche Teilhabe der Muslime.“

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Insgesamt seien Muslime, inklusive der geflüchteten Menschen der letzten Jahre, die „am meisten ausgeschlossene soziale Gruppe“, so das Fazit der Studie. Das müsse aber nicht zwingend so sein, glaubt Stephan Vopel, Experte für sozialen Zusammenhalt bei der Bertelsmann-Stiftung:

„Der Islam ist kein Hindernis für Integration. Muslime, auch die tief religiösen Menschen unter ihnen, lernen die neue Sprache und erstreben höhere Bildung genauso sehr, wie andere Immigranten… Wenn die Integration ins Stocken gerät, liegt das meistens an den Bedingungen des staatlichen Rahmens“, so Vopel.

Die Studie hebt die positiven Ergebnisse der Anpassung in den vergangenen Jahren hervor: Drei Viertel der in Deutschland geborenen Muslime seien mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen. In Großbritannien sei für 60 Prozent der muslimischen Immigranten Englisch die Muttersprache. 90 Prozent der befragten Muslime sagten, sie fühlten sich eng mit dem Land, in dem sie leben, verbunden.

Darüber hinaus wurde einem weiteren Vorurteil widersprochen: Eine Mehrheit von 75 Prozent der Studienteilnehmer gab an, regelmäßigen sozialen Kontakt mit Nicht-Muslimen zu haben und ihre Freizeit mit ihnen zu verbringen. Dies war insbesondere in der Schweiz, Deutschland und Frankreich der Fall, und etwas weniger in Großbritannien und Österreich. Gleichzeitig sagten aber 20 Prozent der nicht-muslimischen Teilnehmer, dass sie keinen Muslim als Nachbarn haben möchten.

In der Bildung verbessert sich die Situation langsam, besonders in Frankreich, wo lediglich zehn Prozent der jungen Muslimen ihre schulische Ausbildung beenden, bevor sie 17 Jahre alt sind. In Deutschland und Österreich sind die Schulabbrecher-Quoten mit 36 und 39 Prozent sehr viel höher.

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Dafür ist Deutschland führend beim Thema Arbeit: Die Arbeitslosenzahlen unter Muslimen unterscheiden sich nicht mehr von denen der restlichen Bevölkerung; das gleiche gilt in der Schweiz. In Frankreich hingegen liegt die Arbeitslosigkeit unter Muslimen bei 14 Prozent – im Vergleich zu 8 Prozent unter Nicht-Muslimen.

Allerdings könne man in allen untersuchten Ländern „relativ große Einkommensunterschiede zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen“ feststellen, so die Bertelsmann-Stiftung.

Darüber hinaus würden gerade streng gläubige Muslime weniger verdienen und weniger oft eingestellt – auch, wenn sie hochgebildet sind. Dies könnte ein Zeichen für Diskriminierung sein, schreibt die Stiftung. Allerdings sei strenge Religiosität auch ein Hindernis, einen Job zu bekommen bzw. zu behalten: „In einigen Positionen ist es schlicht nicht möglich, fünf Mal am Tag zu beten oder religiöse Symbole zu tragen.“

Trotz der relativ guten Integration der Muslime in die Bildungs- und Arbeitsmärkte zieht Yasemin El-Menouar, Islamexpertin bei der Bertelsmann-Stiftung, ein gemischtes Fazit: „Bisher hat kein Land in Westeuropa eine überzeugende Balance aus gleichen sozialen Möglichkeiten und Respekt für religiöse Vielfalt gefunden.“