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19/01/2017

30 Jahre Erasmus: Mehr Fördermittel für ein weltoffenes Europa

Soziales Europa

30 Jahre Erasmus: Mehr Fördermittel für ein weltoffenes Europa

Pro-Europäer fordern mehr Fördermittel für das beliebte Austauschprogramm Erasmus.

[View Apart/Shutterstock]

Erasmus ist 30 – Anlass genug für Politiker und Lehrer, eine massive Aufstockung der Fördermittel zu fordern. Das beliebte und gleichzeitig erfolgreiche Programm steht derzeit nur etwa sieben Prozent der jungen Europäer zur Verfügung. EurActiv Frankreich berichtet.

„17 Milliarden Euro aus einem Budget von einer Billion reichen für dieses wichtige gesellschaftliche Instrument nicht aus“, kritisiert der französische Europaminister Harlem Désir. Wie auch die meisten Teilnehmer der gestrigen Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag ist Désir der Ansicht, der Erfolg des Erasmus-Programmes sei ein klarer Rechtfertigungsgrund für mehr Fördermittel. Die Jubiläumsfeier in Paris brachte Lehrer, Studenten und Politiker zusammen – darunter Frankreichs Minister für Bildung, Arbeit und europäische Angelegenheiten, der italienische Europaminister Sandro Gozi sowie der französische EU-Kommissar Pierre Moscovici.

Erasmus hat sich seit seinen Anfängen als Austauschprogramm für Studenten stark gewandelt. Insgesamt nahmen bereits fünf Millionen junge Erwachsene an Erasmus-Aufenthalten teil, 600.000 davon aus Frankreich – und die Zahl steigt immer schneller. Zurzeit profitieren von dem Programm laut französischem Bildungsministerium jährlich etwa 35.000 Studierende aus Frankreichs Sekundärschulen und Universitäten sowie 16.000 Auszubildende. „Wir bekommen oft von Politikern zu hören, dass sie Erasmus auch auf Ausbildungsstellen ausweiten wollen. Dabei ist das schon längst geschehen“, betont Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem. Nächstes Etappenziel, das jedoch nicht vor 2020 angestrebt wird, ist es, Erasmus auch auf die Weiterbildung zu übertragen.

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100 Prozent Zufriedenheit

Für den Zeitraum von 2014 bis 2020 stockte man das Erasmus-Budget um 40 Prozent auf. Dennoch erreicht es noch immer nur sieben Prozent der 18 bis 25 Jährigen. Dabei würden 75 Prozent gern die Chance auf einen Erasmus-Aufenthalt nutzen, wenn diese sich ihnen bieten würde. Und zwar aus gutem Grund: 100 Prozent der Erasmus-Studenten empfehlen das Programm weiter.

Italiens Europaminister Gozi war selbst einst Erasmus-Student an der Sorbonne in Paris. Seiner Meinung nach sollte das Programm massiv ausgebaut werden. „Mit einem Budget von 150 Milliarden Euro könnten wir zehnmal mehr Auslandsaufenthalte fördern“, unterstrich er bei den Feierlichkeiten. Kommissar Moscovici holte ihn jedoch schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. „Das Problem ist, dass der EU-Haushalt weniger als ein Prozent des BIPs aller Mitgliedsstaaten ausmacht. Das ist bei Weitem nicht genug“, warnt er. „Etwa 40 Prozent unseres EU-Haushalts fließen in die Landwirtschaf; 40 Prozent in Strukturfonds, deren Wirksamkeit eher fragwürdig ist. In Humankapital und Forschung investieren wir viel zu wenig.“ Daher müsse man die EU-Haushaltsprioritäten für den Zeitraum nach 2020 neu überdenken, so der EU-Wirtschaftskommissar.

Die politischen Herausforderungen des Programms kamen nur vorsichtig zur Sprache. „Bildung sollte eine Rolle bei der bürgerlichen Aufklärung spielen, beim Erlernen der Meinungsfreiheit“, meint Vallaud-Belkacem. Darüber hinaus verwies sie auf den Pariser Terroranschlag auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo von vor zwei Jahren. Nach dem schrecklichen Attentat hatten die EU-Bildungsminister versucht, ein Programm zur Förderung einer aktiven europäischen Bürgerschaft einzuführen. „In einer Zeit, in der viele glauben, Bildung sei eine rein nationale Angelegenheit und Mobilität ausschließlich für Eliten gedacht, sollten wir die Vorzüge der EU klar herausstellen“, fordert die Ministerin.

Die deutlichste Botschaft für den europäischen Traum kommt jedoch von Naliaa Vakulenko, einer jungen urkainischen Erasmus-Studentin, die ihren Austausch an der Universität im französischen Armins absolviert, und 2014 an den Maidan-Protesten teilnahm. „Wir haben für unser Recht gekämpft, Teil der EU zu werden. Viele von uns sind gestorben. Wirklich sehr junge Menschen haben ihr Leben dafür geopfert, die Welt zu verändern“, erklärt sie und ruft alle anderen Erasmus-Studenten auf, ihre Träume zu verwirklichen.

„Wir leben in einer Zeit, in der die Leute gern sagen, dass die Erweiterung schlecht ist, dass sie ein Ende finden sollte“, so Moscovici. „Mein Vater war rumänischer Abstammung und meine Mutter Polin. Europa muss eine offene Gesellschaft bleiben. Wir müssen dieses kulturelle Fundament legen, um zu bestimmen, was Europa wirklich ist, und um sicherzustellen, dass es erhalten bleibt.“