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26/09/2016

Palmöl-Importe: Entscheidung zu neuen EU-Biokraftstoffregeln

Ressourcen und Umwelt

Palmöl-Importe: Entscheidung zu neuen EU-Biokraftstoffregeln

Rapsöl wird ebenso wie Palmöl als Biokraftstoff verwendet, obwohl es auch als Nahrungsmittel dienen könnte. © Alexander Altmann / PIXELIO

Palmöl ist eines der begehrtesten Pflanzenöle der Welt. Viele EU-Länder importieren das potenzielle Lebensmittel als Kraftstoff, um die EU-Klimaschutzvorgaben zu erfüllen. Die Kommission will dieser Fehlentwicklung mit neuen Regeln entgegenwirken. Der federführende Umweltausschuss stimmt am 11. Juli über die Vorschläge ab. Ein Überblick zur Debatte über die Zukunft der EU-Biokraftstoffpolitik.

Um Nachhaltigkeit zu gewährleisten und erneuerbare Energien zu fördern, sollen bis 2020 im Verkehrssektor mindestens zehn Prozent des Gesamtkraftstoffverbrauchs aus Agrokraftstoffen bestehen. Das sieht die Erneuerbare-Energien-Richtlinie (2009/28/EG) vor, die bereits vor vier Jahren erlassen wurde. Zu den Biokraftstoffen zählen Rapsöl und Bioethanol, doch weil die heimischen Rapsfelder die Nachfrage allein nicht abdecken können, ist die EU auf Ölimporte aus Übersee angewiesen. Nach Angaben von Greenpeace machen die Importe inzwischen knapp ein Viertel des gesamten Biodieselverbrauchs in der EU aus. Besonders gefragt ist Palmöl, das sehr günstig und aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung vielseitig verwendbar ist. In Kosmetika und einer Fülle von Lebensmitteln findet das Pflanzenöl genauso Verwendung wie in Waschmittel – und als Biokraftstoff. Die EU ist nach China und Indien der drittgrößte Importeur von Palmöl. Knapp 90 Prozent der weltweiten Palmöl-Exporte stammen aus Indonesien und Malaysia.

Umstrittene Klimabilanz für Palmöl

Problematisch ist jedoch, dass die Palmen, aus denen das begehrte Öl gewonnen wird, auf ein subtropisches Klima, also das Klima des Regenwaldes, angewiesen sind. Deshalb werden zur Gewinnung von Palmöl täglich riesige Flächen des indonesischen Urwaldes abgeholzt. Ein Großteil der Rodungen geschieht illegal. Rund ein Fünftel der globalen Treibhausgasemissionen resultiert aus Abholzung, Trockenlegung und Brandrodung der tropischen Regenwälder, weshalb die Klimabilanz des Palmöls keineswegs als durchweg positiv eingestuft werden kann. Laut einer vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegebenen und 2007 veröffentlichten Studie kann es im günstigsten Falle, wenn tropische Brachflächen mit Ölpalmen bepflanzt werden, durchaus zu Treibhausgaseinsparungen kommen. Werden tropische Wälder allerdings für den Anbau von Ölpalmen gerodet und handelt es sich noch dazu um moorige Standorte, dann kommt es zu beachtlichen Mehremissionen an Treibhausgasen. In Indonesien ist oft letzteres der Fall, denn die Produzenten von Palmöl können so zusätzlichen Gewinn aus dem Verkauf des Holzes erzielen, erläutert Gesche Jürgens von Greenpeace. "Für die Produktion von Palmöl werden in vielen Fällen keine Flächen genutzt, die bereits brach liegen, sondern es wird noch intakter Regenwald gerodet. Sobald dann Torfmoore trockengelegt werden, um Palmölplantagen anzulegen, ist die Klimabilanz negativ", sagt Jürgens.

Weniger Palmöl, mehr Algen

Die Europäische Kommission hat auf die neuen Erkenntnisse reagiert und im Herbst vergangenen Jahres einen Änderungsvorschlag zur Verbesserung der Klimabilanz bei der Herstellung von Biokraftstoffen vorgelegt. Sie will künftig weniger Anreize für den Verbrauch von Biokraftstoffen schaffen. EU-Energiekommissar Günther Oettinger hatte gemeinsam mit Klimakommissarin Connie Hedegaard angekündigt, dass der Anteil von Biokraftstoffen aus der ersten Generation (also Weizen, Raps, Mais und Palmöl) auf dem derzeitigen Stand von fünf Prozent eingefroren werden solle. Stattdessen sollen alternative Kraftstoffe verstärkt aus der so genannten zweiten Generation gewonnen werden: aus Abfall, Algen, Stroh und Klärschlamm.

Diese Biokraftstoffe der zweiten Generation kommen – anders als beispielsweise Palmöl oder Rapsöl – nicht für die Lebensmittelproduktion in Frage. Allerdings können beim aktuellen Stand der Forschung und Technik nicht die erforderlichen Mengen an Kraftstoffen der zweiten Generation produziert werden, erläutert Andreas Pastowski vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie. Zudem bedeute die Züchtung von Algen einen enormen Aufwand und sei nur an Orten mit intensiver Sonneneinstrahlung möglich, also zum Beispiel in Wüstengebieten, so Pastowski. Werden die Transportkosten nach Europa und der sehr energieintensiv hergestellte Dünger für Biokraftstoffe dann den Treibhausgaseinsparungen gegenübergestellt, so könne von CO2-Reduktion nicht mehr die Rede sein. "Das mag irgendwann funktionieren, aber momentan wissen wir noch nicht genug über diese Art von Biomasse-Erzeugung", meint Pastowski. Die in der Erneuerbare-Energien-Richtlinie von 2009 gesetzte Vorgabe, zehn Prozent Agrokraftstoffe im Verkehrssektor einzusetzen, scheinen nach dem Änderungsvorschlag der Kommission somit obsolet.

Indirekte Landnutzungsänderungen

Umweltschutzverbände unterstützen den Vorschlag der 5-Prozent-Deckelung, doch der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie oder der Verband der Deutschen Bioethanolwirtschaft sehen dieses Ziel äußerst kritisch. Die Richtlinie aus dem Jahr 2009 stellte den Herstellern von Biokraftstoffen staatliche Subventionen in Aussicht und kurbelte so Investitionen an. Das solle nun plötzlich geändert werden. Die Subventionen für aus Pflanzenölen hergestellte Biokraftstoffe, die mit Nahrungsmitteln konkurrieren, sollen laut Kommission ab 2020 gänzlich gestrichen werden. Ethanol betrifft dies zwar nicht, da es nicht subventioniert wird, doch die 5%-Deckelung an Biokraftstoffen bedeutet für die Branche heimischer Bioethanol-Landwirte durchaus einen Einschnitt.

Ein weiteres Streitthema sind die sogenannten indirekten Landnutzungsänderungen (iLUC), die im neuen Kommissionsvorschlag erstmals erwähnt werden. Gemeint sind damit die Verdrängung der Nahrungs- und Futtermittelproduktion durch den Anbau von Energiepflanzen. Indirekte Landnutzungsänderungen entstehen auch durch die Rodung von Regenwäldern zum Anbau von Palmölplantagen. Nach dem Vorschlag der Kommission sollen die iLUC-Faktoren künftig in die Berichterstattung der Kraftstofflieferanten und bei der Klimabilanz der Mitgliedstaaten über die Reduzierung von CO2 einbezogen werden. Diese Vorgaben sind umstritten und führen in den Ausschüssen des Europäischen Parlaments und zwischen Industrie und Umweltschutzorganisationen zu hitzigen Debatten. Der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie lehnt den Ansatz strikt ab, iLUC-Faktoren in die Gesetzgebung einzubeziehen. Elmar Baumann, Geschäftsführer des Verbandes, verweist dabei auf die uneinheitlichen wissenschaftlichen Ergebnisse und intransparente Berechnungsmodelle. "David Laborde, der Autor der Studie zu indirekten Landnutzungsänderungen, die die Kommission in Auftrag gegeben hat und an der sie sich orientiert, sagt selbst, dass die iLUC-Faktoren nicht für politische Maßnahmen herangezogen werden sollten, da die Berechnungen noch nicht reif genug sind. Deshalb ist der Vorschlag der Kommission unausgegoren", argumentiert Laborde. Umweltschutzorganisationen sehen das anders. "Die iLUC-Faktoren müssen Berücksichtigung finden und dürfen nicht wegdiskutiert werden", fordert Jürgens von Greenpeace. Die Forschung habe gezeigt, dass es möglich sei, Aussagen zu treffen. "Der Vorwurf, die Berechnungsmethoden hätten weder Hand noch Fuß, ist haltlos. Wir hoffen, dass der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments das berücksichtigen wird", so Jürgens.

Position des Industrie-Ausschusses

Im Industrie-Ausschuss des Europäischen Parlaments ist die Entscheidung bereits am 20. Juni gefallen. Eine Mehrheit der Abgeordneten hat es abgelehnt, iLUC-Kriterien zum jetzigen Zeitpunkt in die Gesetzgebung aufzunehmen. Rapporteur Alejo Vidal-Quadras von der EVP-Fraktion, verweist darauf, dass zunächst ein verlässliches Modell gefunden werden müsse, um indirekte Landnutzungsänderungen zu messen, bevor iLUC in die Gesetzgebung einfließen könne. Würden iLUC-Faktoren trotz fehlender, wissenschaftlicher Beweise jetzt schon aufgenommen, führe dies zu Unsicherheiten und würde Investoren abschrecken, so der Berichterstatter des Industrieausschusses.

Streitpunkt Nachhaltigkeitskriterien

Ein weiterer Streitpunkt sind die Nachhaltigkeitskriterien, die im Artikel 17 der Richtlinie festgelegt und zumeist klar definiert sind. So dürfen Biokraftstoffe nach Absatz 5 "nicht aus Rohstoffen hergestellt werden, die auf Flächen gewonnen werden, die im Januar 2008 Torfmoor waren". Viele Umweltverbände bezweifeln jedoch, dass die Nachhaltigkeitskriterien in der Praxis eingehalten werden. So wurde 2004 der Round Table on Sustainable Palm Oil (RSPO) gegründet, um zu garantieren, dass zur Verwendung von Agrokraftstoffen nur Palmöl eingeführt wird, das diesen Kriterien entspricht. Für Umweltschutzorganisationen ist der RSPO jedoch ein Etikettenschwindel und eine reine Industrieveranstaltung. Besonders kritisch sieht Ilke Petersen vom WWF, dass es innerhalb des RSPO-Systems verschiedene Standards gibt, je nachdem in welchen Industriezweig Palmöl fließt. "Es wird mit zweierlei Maß gemessen: Wenn Palmöl als Biokraftstoff Verwendung findet, greifen Nachhaltigkeitskriterien, aber wenn es in der Margarine landet, die in Deutschland verkauft wird, muss gar nichts nachgewiesen werden", sagt Petersen. Ein weiteres Problem liegt laut Jürgens von Greenpeace darin, dass die Kriterien des RSPO zu schwach seien und die Bestimmungen immer wieder verletzt würden. Die Abholzung des Regenwaldes sei RSPO-Mitgliedern nicht einmal verboten, lediglich in "Gebieten mit hoher ökologischer oder kultureller Bedeutung" sei der Palmölanbau untersagt.

256 Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtsorganisationen aus aller Welt kritisierten das RSPO-Label in einer Gemeinsamen Erklärung. Selbst nach Angaben des RSPO-Gründers WWF ist RSPO kein Öko-Label, sondern lediglich ein Mindeststandard. Die EU hat diese RSPO-Mindeststandards im November 2012 als Zertifizierungssystem für nachhaltig erzeugtes Palmöl zugelassen.

Import-Verbot für Palmöl gescheitert

Einigen Akteuren geht der Änderungsvorschlag der Kommission angesichts der Unsicherheiten und Probleme nicht weit genug. Umweltschutzorganisationen fordern seit geraumer Zeit ein Palmöl-Importverbot. Doch allein aus juristischem Blickwinkel ist es fraglich, ob ein solcher Schritt durchsetzbar ist. Insbesondere das Diskriminierungsverbot im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen GATT scheint ein Palmölimportverbot unmöglich zu machen. Die Fraktion Die Linke stellte im Herbst 2012 im Bundestag dennoch einen Antrag zu einem EU-Importverbot für Biokraftstoffe. Der Antrag scheiterte, er wurde von der CDU/CSU-Fraktion, der SPD und der FDP im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung am 7. November 2012 abgelehnt, die Grünen enthielten sich. Für den Bundestagsabgeordneten Niema Movassat (Die Linke) besteht das grundlegende Problem des Palmölanbaus im Landraub in den betroffenen Ländern. Movassat fordert, Menschenrechte und Klimapolitik nicht gegeneinander auszuspielen und die Landrechte der lokalen Bevölkerungen zu achten. "Die EU könnte hier deutlich mehr tun. Der Kommissionsvorschlag folgt nur klimarelevanten Punkten, aber keinen Menschenrechten. Deshalb ist der Vorschlag zu kurz gedacht".

Abstimmung des Umweltausschusses

Nun ist das Europäische Parlament am Zug. Federführend in Bezug auf den neuen Kommissionsvorschlag (2012/0288) ist der Umweltausschuss des Parlaments. Er wird am Donnerstag (11. Juli) über den Bericht von Corinne Lepage (ALDE) abstimmen. Besonders sensible Bereiche sind auch hier die Diskussion um die iLUC-Faktoren sowie die von der Kommission vorgeschlagene 5-Prozent-Deckelung an Biokraftstoffen. Umweltausschuss und Industrieausschuss streiten um den genauen Prozentsatz an Agrokraftstoffen am Gesamtkraftstoffverbrauch und selbst innerhalb des Umweltausschusses sind sich die Abgeordneten nicht einig. "Voraussichtlich wird es bei auf 5,5 Prozent hinauslaufen", so Lepage.

Ein zentraler Änderungsvorschlag Lepages sieht vor, dass eine verbindliche Einbeziehung von iLUC-Faktoren gefordert wird. Die Kommission hatte lediglich eine rechtlich nicht verbindliche Berichterstattung zu indirekten Landnutzungsänderungen vorgeschlagen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Forderung der Berichterstatterin, dass auch Biokraftstoffe zweiter Generation, so genannte advanced biofuels, Nachhaltigkeitskriterien erfüllen sollten.

Nachhaltiger Abfall? Nachhaltige Algen? Dietrich Klein vom Bundesverband der Deutschen Bioethanlowirtschaft weist darauf hin, dass Abfall doch vermieden werden solle. Wenn nun Anreize für die Nutzung von Abfall geschaffen werden, könnte das zu einer stärkeren Produktion von Abfall führen. Lepage will auch für dieses Problem Regelungen vorschlagen.

Nach der Abstimmung im Umweltausschuss wird das Plenum des Europäischen Parlaments nach der Sommerpause, voraussichtlich am 11. September, über das kontroverse Thema Biokraftstoffe abstimmen. Bis dahin geht das Ringen zwischen Europaabgeordneten, Nationalstaaten, Umweltschützern und Industrieverbänden weiter.

Elisa Rheinheimer

Positionen

Alejo Vidal-Quadras, Berichterstatter im Industrieausschuss, Europäisches Parlament: „Wir stimmen mit dem Umweltausschuss darin überein, dass wir uns indirekten Landnutzungsänderungen zuwenden müssen, aber wir sind uns nicht einig, auf welche Art und Weise das geschehen soll. Die wichtigste Meinungsverschiedenheit tut sich bei der Frage nach der Einbeziehung von iLUC-Faktoren auf. Es gibt keine ausreichenden, wissenschaftlichen Nachweise zu diesen Faktoren, die erlauben würden, sie in die Gesetzgebung zu integrieren“.

Corinne Lepage, Berichterstatterin im Umweltausschuss, Europäisches Parlament: „Unser Kompromissvorschlag vom 1. Juli besagt, dass Emissionen, die durch indirekte Landnutzungsänderungen entstehen, nicht in die Nachhaltigkeitskriterien integriert werden sollten. Stattdessen sollten die geschätzten iLUC-Treibhausgasemissionen in die Treibhausgaseinsparungen der Richtlinie 98/70/EG einbezogen werden“.

Andreas Pastowski, Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie: „Es wäre verkürzt zu glauben, dass die Regenwälder stehen bleiben, wenn wir in Europa kein Palmöl mehr verfeuern. Da muss man sich schon mehr einfallen lassen! Kompensationszahlungen an die jeweiligen Länder wären eine Möglichkeit. Solange sich nur Europa bemüht, ändert das noch nicht die Welt, aber es wäre ein erster Schritt und andere könnte nachziehen“.

Niema Movassat, MdB, DIE LINKE: „Zu einem Palmöl-Importvebot gibt es keine Alternative! Bessere Zertifizierungssysteme? Beim Thema Zertifizierung dreht sich alles um die Frage der Umsetzung und der Kontrolle. Das ist extrem schwierig nachzuprüfen und ein sehr unübersichtliches Feld. Letztlich ist die ganze Debatte um Nachhaltigkeit und Zertifizierung nicht mehr als eine gute Beruhigungspille“.

Pressesprecher von EU-Energiekommissar Günther Oettinger: „Die sensibelsten Aspekte des Kommissionsvorschlags sind die 5%-Deckelung sowie die iLUC-Faktoren, die für Berichterstattungszwecke miteinbezogen werden sollten. Diese Themen wurden von EU-Mitgliedstaaten, Abgeordneten des Europäischen Parlaments und Stakeholdern besonders kontrovers diskutiert. Es stellt eine große Schwierigkeit dar, Lösungen zu dem Problem der durch indirekte Landnutzungsänderungen verursachten Emissionen zu finden. Die Kommission ist sich dessen bewusst und wird ihr Bestes tun, um die Kompromissfindung zwischen Rat und Parlament zu erleichtern“.

Ilke Petersen, WWF-Palmölreferentin: „Die Debatte geht am eigentlichen Problem vorbei. Nur fünf Prozent der weltweiten Palmölproduktion geht in Biokraftstoffe – das ist das geringere Übel. Der Rest des Palmöls aber geht in die Lebensmittelindustrie und da gibt es gar keine Nachhaltigkeitsstandards. Der Großteil des Palmöls landet also nicht im Tank, sondern auf dem Teller. Wir fordern verbindliche Nachhaltigkeitskriterien, egal wohin das Palmöl fließt. Und: Soziale Standards wie faire Löhne, Arbeitsbedingungen auf den Plantagen und Landnutzungsrechte sind Themen, bei denen man in puncto Nachhaltigkeit noch genauer hinsehen müsste“.    

Dietrich Klein, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Bioethanolwirtschaft e.V. (BDBe): „Wenn wir iLUC-Faktoren in Europa berechnen, retten wir nicht den Regenwald. Die 5%-Deckelung würde konkret bedeuten, dass der Anteil von Biokraftstoffen begrenzt wird, obwohl wir bei Ethanol in Deutschland sehr gute Treibhausgasreduzierungen vorweisen. Bisher können wir mit Ethanol über 50% an Treibhausgasvermeidung erzielen, mittelfristig gesehen könnten es sogar 70% sein. Die iLUC-Faktoren können also keine Basis für rechtliche Vorschriften bilden, das ist klar. Ich glaube nicht, dass die Einbeziehung der iLUC-Faktoren im Umweltausschuss durchkommt – die Erklärungen von Prof. Dr. Uwe Lahl und David Laborde sollten auch die letzten Zweifler überzeugt haben“.   

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU): „Wir finden die 5%-Deckelung eine gute Sache, denn das stellt einen intelligenten Mittelweg zwischen Umweltschutzbelangen und der Biokraftstoffindustrie dar. Die Grenze bei fünf Prozent zwingt niemanden, seine Anlagen abzuschalten, nur sollen in Zukunft keine neuen gebaut werden. Der Kommissionsvorschlag ist also unserer Meinung nach ziemlich brauchbar. Es ist allerdings fraglich, ob das im Rat auch durchkommt am Ende, denn die Mitgliedstaaten haben sehr unterschiedliche Meinungen dazu“.   

Gesche Jürgens
, Palmöl-Expertin bei Greenpeace: „Biokraftstoffe bringen nichts fürs Klima und nutzen der Umwelt überhaupt nicht! Nötig sind verbrauchsärmere Motoren in Autos und eine Diskussion darüber, wie wir unsere Mobilität anders gestalten können. Die Debatte um Kraftstoffe der zweiten Generation erscheint auf den ersten Blick gut, aber wir sind noch weit davon entfernt, in diesem Bereich einen Durchbruch zu erzielen – schon was die erforderlichen Mengen betrifft. Wir brauchen Lösungen vor Ort, und wir brauchen sie jetzt, denn in ein paar Jahren sind die Urwälder schon weg! Weder die Kriterien der EU-Richtlinie noch die RSPO-Standards gehen weit genug. Wir fordern einen kompletten Abholzungsstopp der Wälder, ansonsten sind die Maßnahmen der EU nur ein Tropfen auf den heißen Stein“.

Elmar Baumann, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie e.V. (VDB): „Würden iLUC-Faktoren tatsächlich in die Gesetzgebung einfließen, so sähe es schlecht aus für unsere Mitglieder. Ich gehe aber nicht davon aus, dass es so kommen wird.  Sollte sich die Politik zukünftig auf advanced biofuels, Kraftstoffe zweiter Generation, konzentrieren und würden Biokraftstoffe der ersten Generation aufgrund von iLUC-Faktoren herausfallen, kann man das ganze Thema eigentlich beerdigen, denn: Advanced biofuels gibt es technisch noch gar nicht. Wir kritisieren, dass es keine allgemeingültige Definition von dem gibt, was advanced biofuels eigentlich sind. Da wird über Abfälle phantasiert, aber erstens sind Abfälle naturgemäß in der Menge begrenzt, zweitens findet möglicherweise nur eine Verlagerung des Problems statt. Wenn zum Beispiel von Fettsäuren als Abfall gesprochen wird, kurbelt das die Palmölproduktion letzten Endes nur an – mit dem Unterschied, dass der angebliche Abfall überhaupt keinen Nachhaltigkeitsstandards genügen muss.“

OVID
, der Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland, appelliert an die Europaparlamentarier des Umweltausschusses, morgen für die Fortführung der aktuellen europäischen Biokraftstoffpolitik zu stimmen: "Entgegen dem Eindruck, der insbesondere von NGOs erweckt wird, ist der Einfluss europäischer Biokraftstoffe auf die Agrarrohstoffpreise nachweislich minimal. Vielmehr leistet die zusätzliche Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten einen entscheidenden Beitrag zur Armutsbekämpfung. […] In der EU wird Biodiesel überwiegend aus Raps hergestellt. Außerdem ist die europäische Biokraftstoffbranche als Einzige per Gesetz an strenge Nachhaltigkeitskriterien gebunden. Im Klartext: Soweit Palmöl für die Biodieselproduktion in der EU verwendet wird, ist es entlang der gesamten Wertschöpfungskette als nachhaltig zertifiziert und kann nicht für Regenwaldrodungen verantwortlich gemacht werden."

Links


EurActiv Brüssel:
MEPs to vote on biofuels as study points to hunger, deforestation (10. Juli 2013)

Kommission: Vorschlag der Kommission zu einer Änderung der Richtlinie
98/70/EG und 2009/28/EG, 2012/0288 (COD)
, 17.10.2012

Kommission: Neuer Vorschlag der Kommission zur Verbesserung der Klimabilanz bei der Herstellung von Biokraftstoffen, 17.10.2012

Kommission: Durchführungsbeschluss über die Anerkennung des Systems
„Roundtable on Sustainable Palm Oil RED“ zum Nachweis der Einhaltung der
Nachhaltigkeitskriterien der Richtlinien 98/70/EG und 2009/28/EG des Europäischen
Parlaments und des Rates
, 23.11.2012

Kommission: IMPACT ASSESSMENT accompanying the document Proposal for a Directive amending Directive 98/70/EC relating to the quality of petrol and diesel fuels and amending Directive 2009/28/EC on the promotion of the use of energy from renewable sources, 17.10.2012,

Umweltausschuss: Änderungsvorschlag von Corinne Lepage, 15.04.2013:

Industrieausschuss: OPINION of the Committee on the proposal for a directive amending Directive 98/70/EC relating to the quality of petrol and diesel fuels
and amending Directive 2009/28/EC on the promotion of the use of energy
from renewable sources
, 04.07.2013

Pastowski, Andreas et. al.: Sozial-ökologische Bewertung der stationären energetischen Nutzung von importierten Biokraftstoffen am Beispiel von Palmöl, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, September 2007

Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft e.V.: Fakten zur Diskussion über Landnutzungsänderungen

Deutscher Bundestag: Petition zu einer gesetzlichen Einschränkung/ einem Verbot der Verarbeitung von Palmöl,  21.02.2013,

Deutscher Bundestag: Antrag der Fraktion DIE LINKE et.al.: Teller statt Tank – EU-Importverbot für Kraft- und Brennstoffe aus Biomasse, Drucksache 17/10683, 12.09.2012,


Rettet den Regenwald e.V.:
256 Organisationen aus aller Welt: Palmöllabel RSPO ist Greenwashing, 16.07.2011
Steffens, Beate: Agrosprit, Greenpeace, 08.04.2008,