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24/08/2016

Fracking: EU verunsichert vom US-Schiefergas-Boom

Ressourcen und Umwelt

Fracking: EU verunsichert vom US-Schiefergas-Boom

Die umstrittene Fracking-Technologie zur Förderung unkonventioneller fossiler Brennstoffe sorgt für Euphorie in der US-Industrie, in Europa für Protest von Bürgerbewegungen und Umweltverbänden. Foto: dpa

In den USA sinkt der Energiepreis, die Industrie boomt – dank der Förderung von Schiefergas. In der EU bleibt Fracking dagegen umstritten. Europas energieintensive Unternehmen sind zunehmend verunsichert, ob sie wettbewerbsfähig bleiben können. Die EU-Kommission arbeitet nun an einem Rahmen für das Risikomanagement beim Fracking.

Die USA setzen seit Jahren auf die Förderung unkonventioneller fossiler Brennstoffe wie Schiefergas. Dank sinkender Energiepreise erlebt die US-Industrie einen neuen Aufschwung. Dagegen sind Europas energieintensive Unternehmen zunehmend verunsichert, ob sie künftig wettbewerbsfähig bleiben können. Die in den USA boomende Förderung von Schiefergas durch "Fracking" ist in der EU aufgrund ökologischer Bedenken höchst umstritten.

Die USA könnten dank ihrer Schiefergasvorkommen bis 2035 weitgehend unabhängig von Öl- und Gas-Importen werden, heißt es in einem Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA). Demnach könnten die USA im Jahr 2015 mehr Gas als Russland produzieren, 2017 mehr Energieressourcen fördern als Saudi-Arabien.

Durch den Fracking-Boom sinken in den USA die Gaspreise seit 2010, während sie in Europa auf hohem Niveau geblieben sind. Industrieunternehmen in energieintensiven Branchen wie Petrochemikalien (chemische Produkte aus Erdgas), Kraftstoff, Düngemittel oder Stahl wollen von der billigen Gasproduktion in den USA profitieren, berichtete die Financial Times vor wenigen Wochen. Nach Schätzungen von Dow Chemical plane die Branche in den USA Investitionen von mehr als 90 Milliarden Dollar (68 Milliarden Euro). Dow Chemical selbst kündigte Investitionen von drei Milliarden Dollar in Texas und Louisiana an.

Beispiel ArcelorMittal

Der Schiefergas-Boom in den USA verunsichert inzwischen europäische Produzenten, die befürchten, in den energieintensiven Bereichen nicht mehr wettbewerbsfähig zu bleiben. Neil Sampat, Analyst bei Nomura, verweist darauf, dass der Stahlgigant ArcelorMittal keine neuen Investitionen in Europa für Stahlproduktion oder Eisenerzabbau plant: "Das Unternehmen verschiebt seinen geografischen Schwerpunkt  schrittweise von Europa nach Nordamerika".

Gordon Moffat, Direktor des europäischen Verbandes der Stahlproduzenten Eurofer (European Steel Association), sagte: "Es ist ziemlich überraschend, welchen Einfluss Schiefergas hat. Ich denke, wir werden die Re-Industrialisierung der USA erleben. Die Produktionsverlagerung von Europa in die Vereinigten Staaten findet bereits statt: im petrochemischen Sektor ist das bereits sichtbar und nun passiert es auch in der Stahlindustrie".

"Ein Weckruf für Europa"

"Schiefergas führt dazu, dass die Energiesicherheit in den USA steigt und die Energiekosten dort sinken", sagte der Chefökonom des European Policy Centre (EPC), Fabian Zuleeg. Das ermuntere amerikanische Produzenten und sei "ein Weckruf für Europa, dass wir auch in der Energiepolitik zusammenarbeiten müssen", so Zuleeg. "Wir müssen eine bezahlbare, sichere Energieversorgung in Europa sicherstellen, mit einem Binnenmarkt für Elektrizität."

Während sich Analysten bei der Diagnose einig sind, gehen die Meinungen bei den daraus abgeleiteten Empfehlungen bezüglich Fracking in Europa weit auseinander. Industrievertreter Moffat glaubt, dass der Schiefergas-Boom ein perfektes Mittel für den Wiederaufschwung der krisengebeutelten Industrien in den USA sei und diese Rolle auch in Europa übernehmen könnte. Allerdings seien die Voraussetzungen in den USA günstiger als in Europa, so Moffat. "Die Schiefergas-Vorkommen in den USA liegen außerhalb der Bevölkerungszentren. Da ist die Förderung einfacher als in Europa, wo die Schiefergas-Vorkommen in der Nähe von Ballungszentren liegen", so Moffat.

Skepsis gegenüber Schiefergas in Europa

Europa ist aufgrund seiner Bevölkerungsdichte und dem gesteigerten Bewusstsein für ökologische Risiken beim Thema Fracking deutlich zurückhaltender als die USA. In Frankreich und Bulgarien wurde ein Verbot der Schiefergasförderung erlassen, andere EU-Länder haben bis auf weiteres ein Moratorium verhängt. EurActiv.de hat eine Übersicht zum aktuellen Stand der Gesetzgebung zur Förderung nicht-konventioneller Gasreserven in Europa erstellt.

Die Umweltorganisation "Friends of the Earth" hat im September 2012 den viel beachteten Bericht "Shale gas: unconventional and unwanted" veröffentlicht. Die Umweltaktivisten warnen darin unter anderem davor, dass Europa seine Vision für eine nachhaltigere, CO2-arme Energiezukunft riskiere, wenn es die Förderung fossiler Brennstoffe wie Schiefergas nicht dauerhaft verbiete. Zuleeg dagegen beschreibt den ambivalenten europäischen Ansatz, wonach die EU nicht zwingend den amerikanischen Schiefergas-Weg gehen müsse, diese Option aber auch nicht gänzlich aus der Hand geben sollte.

Fracking in Großbritannien

Großbritannien hat am 13. Dezember 2012 ein zwischenzeitlich geltendes Fracking-Verbot wieder aufgehoben und will nun europäischer Vorreiter in diesem Sektor werden.

Auch auf der EU-Ebene zeichnet sich eine Regelung an, die Fracking befürwortet, aber an Umweltauflagen knüpfen wird. So hat das Europäische Parlament am 21. November 2012 ein von der Grünen-Fraktion gefordertes Fracking-Verbot abgelehnt und stattdessen einen stabilen Rechtsrahmen gefordert, der sich mit den ökologischen Bedenken der umstrittenen Fördertechnik auseinandersetzt. Die EU-Kommission hat daraufhin Ende Dezember angekündigt, noch in diesem Jahr einen Rahmen für das Risikomanagement bei der Förderung unkonventioneller fossiler Brennstoffe wie Schiefergas vorzuschlagen. Zu den Chancen und Risiken des Fracking läuft derzeit eine Online-Konsultation.

EurActiv.com

Übersetzung: Othmara Glas

EurActiv Brüssel: US ‘shale boost’ provokes EU fears and indecision (23. Januar 2013)

Links

Dokumente

IEA: World Energy Outlook 2012 (12. November 2012)

FOE: Shale gas: unconventional and unwanted (September 2012)

BBC: Gas fracking: Ministers approve shale gas extraction (13. Dezember 2012)

EU-Parlament: Schiefergas: Abgeordnete fordern stabilen Rechtsrahmen für "Fracking" (21. September 2012)

EU-Kommission: Consultation: Unconventional fossil fuels (e.g. shale gas) in Europe

Mehr dazu auf EurActiv.de

Fluch oder Segen: Schiefergas und Fracking in der EU (9. Januar 2012)

Fracking: Öffentliche Konsultation zu Schiefergas und Co. (21 Dezember 2012)

YellowPaper: Hydraulic Fracturing (Juni 2012)