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04/12/2016

Brüssel steuert auf neue CCS-Ziele zu

Ressourcen und Umwelt

Brüssel steuert auf neue CCS-Ziele zu

Ziel der CCS-Technik (Carbon Capture and Storage) ist es, CO2-Emissionen von Kohlekraftwerken und großen Fabriken im Untergrund zu speichern. Foto: Bernd Sterzl / pixelio.de

Europas Pläne, das Treibhausgas Kohlendioxid unterirdisch zu speichern (CCS – Carbon Capture and Storage) kommen nicht voran. Nun soll das Verfahren durch gezielte Maßnahmen gefördert werden, wie aus einem EU-Entwurf hervorgeht.

Wird der Entwurf angenommen, müsste die EU-Kommission eine Folgenabschätzung und Gesetzesvorschläge vor Ablauf des laufenden Mandats im Jahr 2014 vorbereiten, damit CCS ab 2020 eingesetzt werden kann.

Die Mitteilung soll eine öffentliche Debatte auslösen. Performancestandards nach Vorbild der britischen Elektrizitätsmarktreform könnten dem Entwurf zufolge Investoren Sicherheit geben, die von Einbrüchen im CO2-Markt wie im letzten Jahr abgeschreckt wurden.

Standards würden verbindliche und möglicherweise handelbare Emissionsbegrenzungen für Energiekonzerne schaffen, die auch auf energieintensive Industrien ausgeweitet werden könnten.

"Einer der größten Vorteile einer Regulierung ist, dass sie nicht anfällig für kurzfristige Preisschwankungen ist und damit Investoren einen stabilen Preis signalisiert", so Sanjeev Kumar, Seniorpartner bei E3G, einer NGO für nachhaltige Entwicklung.

Im Nicht-EU-Land Norwegen dürfen bereits heute keine neuen Gaskraftwerke ohne CCS gebaut werden. Das Land beheimatet zwei der weltweit 20 CCS-Vorzeigeprojekte

Die EU-Kommission befasst sich derzeit mit der Vorlage. Widerstand kommt von einigen Mitgliedern des Klimadirektorats. Sie bemängeln, dass das Emissionshandelssystem ETS das primäre Anreizsystem für CCS-Investitionen sein sollte.

Bei den gegenwärtigen Preisen für Emissionspakete von rund 6,4 Euro pro Tonne scheint dieser Einwand allerdings Vielen als unangebracht. Sogar der niederländische Energiegigant Shell, der sich stark für eine Marktregulierung zugunsten von CCS eingesetzt hat, spricht sich heute für einen flexibleren Ansatz aus.

Shell-Sprecher Wim van der Wiel teilte EurActiv in einer Stellungnahme mit, dass das Unternehmen das ETS weiterhin "stark befürwortet", inklusive des Förderinstruments NER300, das die Verteilung von Geldern für CCS-Projekte vorsieht, welches aber aufgrund mangelnder Unterstützung von Mitgliedsländern verhindert wurde, da diese nicht Willens waren, ihren Anteil von 50 Prozent an Investitionen aufzubringen.

"Beim gegenwärtigen CO2-Preis ist es für die Politik und Industrie an der Zeit zu debattieren, ob und welche zeitlich begrenzten zusätzliche Maßnahmen zur Förderung von CCS in Europa notwendig sind", so van de Wiel.

Verbindliche Zertifikate

Eine weitere im Entwurf aufgeführte Möglichkeit sieht ein verbindliches CCS-Zertifikatssystem vor, welches "völlig im Einklang mit dem ETS-System" und dem Verursacherprinzip wäre.

Dieses Modell wurde bereits im US-Bundesstaat Illinois verwirklicht, in dem ab 2015 fünf Prozent des Stroms aus sauberer Kohle bezogen werden muss. Bis 2025 soll dieser Anteil auf 25 Prozent steigen.

Vor 2016 ans Netz gegangene Kohlekraftwerke könnten dann als "sauber" gelten, wenn mindestens die Hälfte ihrer CO2-Emissionen aufgefangen und im Boden gespeichert werden. Diese Idee weckte jedoch Befürchtungen, dass die Zertifikate lediglich für neue Kraftwerke vorgeschrieben würden.

"Wir brauchen CCS und wir brauchen es jetzt", so Kumar, aber es werde nur Wirkung zeigen, wenn es bei sämtlichen bestehenden und zukünftigen Installationen angewendet wird.

Von einem robusten CO2-Preis wurde erwartet, dass er Anreize für Investitionen in die CCS-Technologie setzen würde. Ohne Preise von 40 bis 75 Euro pro Tonne gebe es allerdings für Investoren keine rationalen Gründe, um in CCS zu investieren, wie aus dem EU-Papier hervorgeht.

Solange eine Reform des ETS-Systems daran nichts ändert, sei es unrealistisch, anzunehmen, dass die Industrie in angemessenem Ausmaß in CCS-Projekte investieren wird. Ein Beschluss sei daher nötig, wenn fossile Brennstoffe weiterhin genutzt werden sollen.

Widerstand in der Öffentlichkeit

Fossile Brennstoffe tragen derzeit zu mehr als der Hälfte des EU-Elektrizitätsmix‘ bei – Kohle hat mit 25 Prozent den größten Anteil, gefolgt von Erdgas (23 Prozent) und Erdöl (2,6 Prozent), welches in erster Linie für den Transport verwendet wird. Jedoch trägt nicht nur die Stromgewinnung zur Erderwärmung bei.

Emissionsintensive industrielle Prozesse wie die Stahl- und Zementherstellung tragen ebenfalls mit etwa 20 Prozent zum jährlichen CO2-Ausstoß der EU bei. Sollte der Verbrauch fossiler Energieträger ungebremst weitergehen, wird es für die EU ohne CCS nicht möglich sein, ihr bis 2050 gesetztes Ziel zur vollständigen Entkarbonisierung zu erreichen.

Die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid stößt in der Öffentlichkeit in Europa jedoch auf Widerstand, teilweise aufgrund des befürchteten Risikos von Gasaustritten. Am stärksten war der Widerstand in Polen und Deutschland, wo Demonstrationen die Umsetzung der CCS-Direktive 2011 verzögerten.

Noch im laufenden Jahr wird ein EU-Bericht veröffentlicht werden, der auf diejenigen Mitgliedsstaaten eingehen wird, welche das Gesetz bisher noch nicht in ihre nationale Gesetzgebungen integriert haben.

Umweltschützer sind ebenfalls skeptisch gegenüber der weitverbreiteten Verwendung für enhanced oil recovery (EOR), dem Pumpen von flüssigem Kohlendioxid in erschöpfte Öl- oder Gasfelder, um schwer zugängliche Reserven abzubauen.

Enhanced oil recovery

CCS-Unternehmen haben gegenüber EurActiv bestätigt, dass die Methode momentan eine dominante Stellung auf dem CCS-Markt einnimmt. Aus dem EU-Entwurf geht allerdings explizit hervor, dass EOR niemals die treibende Kraft hinter der Verwendung von CCS sein könne.

"EOR ist ein vorübergehendes Nebenthema", so Kumar. "Wir wollen CCS nur dazu verwenden, um unseren Einfluss auf das Klima zu verringern. Wir möchten Kohlendioxid sicher speichern und zeigen, dass die Technologie funktioniert. Dann können wir sie an große Entwicklungsländer wie China oder Indien verkaufen."

Das EU GeoCapacity Projekt schätzt, dass Europa eine geologische Speicherkapazität von 300 Milliarden Tonnen Kohlendioxid hat, die für die Versenkung des Gases genutzt werden könnte. Dies sei genug um die gesamten Emissionen Europas der nächsten Jahrzehnte zu speichern.

Im Moment ist jedoch der erste Schritt für die CCS-Industrie der schwierigste. Sogar die Minimalverpflichtung der EU von 2007, bis 2015 zwölf CCS-Vorzeigekraftwerke am Netz zu haben, bezeichnet der Entwurf als "unrealistisch". Demnach werde es ein noch größeres Problem sein, eine Reihe von kleineren Projekten zu realisieren.

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Nächste Schritte

2013: Die EU veröffentlicht CCS-Kommunikation und startet öffentliche Anhörung, die unter Umständen zu einem Gesetzesentwurf führen wird
2013: EU-Kommission veröffentlicht einen Bericht zur Umsetzung der CCS-Direktive

Hintergrund

Ziel der CCS-Technik ist es, CO2-Emissionen von Kohlekraftwerken und großen Fabriken unterirdisch zu speichern, um den Ausstoß des Treibhausgases zu verringern. Zur Speicherung bieten sich in erster Linie erschöpfte Erdöl- und Erdgaslagerstätten, geologische Hohlräume oder die Tiefsee an.

Ende 2010 waren weltweit 234 CCS-Projekte realisiert oder in Planung. Dies sind 26 mehr als im Vorjahr, trotz einer starken Kostenzunahme und Projekteinstellungen in einigen europäischen Staaten, darunter Finnland und die Niederlande.

Links

EurActiv Brüssel: Brussels steers towards ‘resolute’ new CCS targets by 2014 (15. Januar 2013)