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31/07/2016

AKW-Wende: Weltweit weniger Kernenergie

Ressourcen und Umwelt

AKW-Wende: Weltweit weniger Kernenergie

Frankreich setzt auf Atomkraft. AKWs decken rund 78 Prozent seines Energiebedarfs. Foto: dpa.

Die Atomindustrie leidet weltweit unter der Wirtschaftskrise und den Folgen von Fukushima. Zahlreiche AKWs gingen vom Netz, AKW-Neubauten verzögern sich, die Kosten steigen. Erneuerbare Energien profitieren von der Entwicklung. Das geht aus dem World Nuclear Industry Status Report 2012 hervor, den EurActiv ausgewertet hat.

2011 könnte als das Jahr des Energieumbruchs in die Geschichte eingehen. Zwar sind weltweit sieben neue Reaktoren ans Netz gegangen, 19 wurden allerdings abgeschaltet. Vier Länder haben angekündigt, innerhalb einer bestimmten Frist aus der Atomenergie auszusteigen: Deutschland, Belgien, Schweiz und Taiwan.

Mindestens fünf Länder, darunter Ägypten, Italien, Jordanien, Kuwait und Thailand haben 2011 entschieden, sich nicht mehr oder an keinem neuen Atomprogramm zu beteiligen, obwohl sie dies ursprünglich geplant hatten. Das berichten Mycle Schneider und Antony Froggatt in der Studie World Nuclear Industry Status Report 2012.

Demnach haben auch Bulgarien und Japan den Bau zweier Reaktoren abgebrochen. In Brasilien, Frankreich, Indien und den USA wurden im vergangenen Jahr neue Projekte offiziell gecancelt. Weltweit sind 2011 nur sieben Reaktoren ans Netz gegangen, vier AKW-Neubauten wurden begonnen.

Steigende Kosten

Der Unfall im Atomkraftwerk (AKW) im japanischen Fukushima am 11. März 2011 ist für die Atomindustrie nicht ohne Folgen geblieben, schreiben Schneider und Froggatt. Viele Regierungen haben ihr Atomprogramm überdacht und etwa in Japan oder Deutschland wurde große Skepsis und Widerstand in der Bevölkerung deutlich. Froggatt und Schneider sehen in den beiden Länder die Anfänge eines neuen Trends: hin zur vermehrten Nutzung erneuerbarer Technologien. Den Forschern zufolge zeige sich immer klarer, dass die Nuklearenergie nicht mehr wettbewerbsfähig sei.

Zu der veränderten politischen Stimmung kommen wirtschaftliche Probleme. Die Verzögerungen beim Bau von Atomkraftwerken (AKWs) häufen sich: ob in China, Armenien, Finnland oder den USA. Insgesamt ist die Inbetriebnahme von mindestens 18 von 59 AKWs, die weltweit gerade gebaut werden, um mehrere Jahre verzögert. Ein extremes Beispiel ist das AKW Watts Bar in den USA, wo seit 1973 am Reaktor 2 gebaut wird. Nach heutiger Schätzung soll er 2015 oder 2016 fertig gestellt werden. Durch den Ausfall neuer Meiler erhöht sich die Laufzeit der bestehenden AKWs. Sie liegt heute weltweit bei durchschnittlich 27 Jahren, in der EU bei 28 Jahren.

Durch die Verzögerungen übersteigen die Kosten für den Bau von AKWs häufig das geplante Budget, heißt es in der Studie. Die Energieexperten haben auch die finanzielle Lage einiger der größten AKW-Betreiber betrachtet und griffen dabei auf die Bewertungen durch die US-Ratingagentur Standard and Poor’s (S&P) zurück. Die Ratingagentur hat die Kreditwürdigkeit von zwei Dritteln der Nuklearkonzerne herabgestuft, vier Konzerne blieben stabil, keiner wurde heraufgestuft.

Die Weltwirtschaftskrise macht der Atomindustrie zu schaffen. Die Erneuerbaren Energien profitieren von dieser Entwicklung. "Während der Markt für Atomenergie Jahr für Jahr kleiner wird, steigt der Einsatz von Erneuerbaren in einer zunehmenden Anzahl an Ländern stetig", schreibt Froggatt. Aufgrund der steigenden Kosten für die AKWs, werde dieser Trend voraussichtlich anhalten.

Nuklearenergie in der EU

In den 1960ern, den 70ern und den 80ern erlebte die EU je eine große Konstruktionswelle. Seit den 90ern gibt es in der EU kein namhaftes Engagement im AKW-Bau mehr, so die Studie. Mit 132 AKWs in 14 der 27 EU-Mitgliedstaaten befinden sich dennoch weltweit rund ein Drittel aller Reaktoren auf europäischem Boden. Seit Fukushima ist die Zahl um elf Reaktoren gesunken. 86 Prozent der AKWs stehen in acht westeuropäischen Ländern.

Die Studie zeigt auch, dass im vergangenen Jahr 27,4 Prozent des kommerziellen Stroms in der EU durch Atomenergie produziert wurde, beinahe die Hälfte davon in Frankreich. 2003 hatte die Kernenergie im EU-Energiemix noch einen Anteil von 31 Prozent.

EurActiv.de hat eine AKW-Übersicht mit Kurzanalysen zur Nutzung von Atomstrom in den meisten EU-Ländern erstellt.

Daniela Heimpel

Links

WNISR: World Nuclear Industry Status Report 2012


Zum Thema auf EurActiv.de

Atomstrom: weniger AKWs in der EU (24. Juli 2012)

Übersicht zur Nutzung der Kernenergie in Europa (15. März 2011)

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"Ausbau der Energieinfrastruktur ist unverzichtbar" (4. April 2012)

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