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19/01/2017

Der Energiewende folgt die Ressourcenwende

Ressourcen und Umwelt

Der Energiewende folgt die Ressourcenwende

Die Ressourceneffizienz stand im Mittelpunkt eines Workshops im Haus der Bundespressekonferenz (v.li.n.re.): Søren Bøwadt (Europäische Kommission), Daniela Kolbe (MdB, SPD), Ewald König (Moderator, EurActiv.de), Harald Bajorat (Bundesumweltministerium), M

Ressourceneffizienz als globale Herausforderung: Wo finden sich Potenziale, wo sind die Grenzen der Industrie und der Gesellschaft? Wo liegen die Risiken und die Chancen? Welche Zielkonflikte entstehen durch widersprechende Vorgaben unterschiedlicher Politikfelder? Wie sind sie zu lösen? Reichlich Stoff für eine spannende Diskussion auf einem EurActiv.de-Workshop in Berlin.

Vierzig Jahre ist es her, dass der berühmte Bericht des Club of Rome die Endlichkeit der Verfügbarkeit von Rohstoffen vorhersagte. Die technologische Entwicklung ist mittlerweile fortgeschritten, die eingesetzten Werkstoffe sind jedoch weitestgehend gleich geblieben: Kupfer, Aluminium, Zink, Blei, Magnesium und andere Metalle sind die Bausteine der Zukunftstechnologien, die eine moderne Industriegesellschaft benötigt.

"Ressourceneffizienz als globale Herausforderung: Industrie und Gesellschaft zwischen Chancen, Grenzen und Zielkonflikten" war Thema eines großen Stakeholder Workshops von EurActiv.de, des mittlerweile fünften im Rahmen des Europäischen Industrie-Dialogs Brüssel-Berlin in Kooperation mit dem Nickel Institute und der Unternehmensinitative Metalle pro Klima unter dem Dach der WirtschaftsVereinigung Metalle (WVM).

Um die Energiewende in Deutschland und Europa umzusetzen, sind Speichertechnologien, Wind- und Solarkraftwerke sowie Netze notwendig, die wiederum energieintensiv erzeugte Grundstoffe erfordern. Um den Bedarf an diesen Grundstoffen sicherzustellen, müssen das Recycling effizient gestaltet und Stoffkreisläufe verbessert werden. Obwohl das die metallerzeugenden und -verarbeitenden Industrien als ihre Kernkompetenzen ansehen, konzentriert sich die Industriepolitik in Deutschland und Europa immer noch auf weitere Regulierungen.

Die Experten

Die Experten auf dem Panel im Haus der Bundespressekonferenz waren Søren Bøwadt von der Europäischen Kommission (GD Forschung und Innovation, Abteilung New forms of production), Daniela Kolbe, Mitglied des Deutschen Bundestags (SPD) und Chefin der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität", Harald Bajorat, Leiter des Referates Nationale und grundsätzliche Angelegenheiten der Ressourceneffizienz im Bundesumweltministerium, Martin Vogt, Leiter des VDI Zentrum Ressourceneffizienz (VDI ZRE), und Volker Pawlitzki, Aurubis AG Business Unit Recycling / Precious Metals, Senior Vice President Commercial und Vorsitzender der Task Force Rohstoffe der WirtschaftsVereinigung Metalle.

EurActiv.de dokumentiert im Folgenden die Impulsreferate der Diskussionsteilnehmer in gekürzter Form.

Søren Bøwadt, Europäische Kommission

Das Programm Horizon 2020 versucht eine dauerhafte Lösung der dringlichsten Probleme Europas zu erreichen, die industrielle Konkurrenzfähigkeit zu fördern und Arbeitsplätze zu schaffen.

In den letzten Jahren wurden viele Industriearbeitsplätze nach Asien ausgelagert. Die EU-Kommission will dies zukünftig verhindern, um die Industrie zu stärken. Außerdem sind noch sehr viele gesellschaftliche Probleme zu lösen, auf die wir uns mit diesem Programm konzentrieren wollen.

Ressourceneffizienz ist das Fundament der angestrebten Entwicklung. Ich kenne Zahlen, wonach mehr als 50 Prozent der für Horizon 2020 vorgesehenen Mittel für die Ressourceneffizienz gedacht sind – das ist sehr viel. Wir wissen zwar nicht, wie groß das Gesamtbudget sein wird. Von der Kommission wurden 80 Milliarden vorgeschlagen, wahrscheinlich wird es ein bisschen weniger, aber 50 Prozent ist schon sehr, sehr viel Geld.

Horizon 2020 steht auf drei Pfeilern. Erstens die Exzellenzforschung, bei der wir versuchen, die besten Forscher in Europa zu unterstützen; zweitens die Industrielle Führungsrolle, mit der wir Europa für Investitionen attraktiver machen wollen, dabei setzen wir sehr auf die Schlüsseltechnologien, die sogenannten Key Enabling Technologies (KET). Und drittens die Gesellschaftlichen Herausforderungen, also die Überwindung gesellschaftlicher Probleme – Klimaveränderung, Nahrungsmittelknappheit, Energiesicherung, Rohstoffsicherung und die immer älter werdende Bevölkerung.

Um die gewonnenen Forschungsresultate anzuwenden, brauchen wir unbedingt die industrielle Beteiligung der verschiedenen Mitgliedsstaaten. Wir dürfen nicht nur auf Forschung setzen, sondern müssen auch die Innovation fördern. Wichtig sind dabei "Großgalaprojekte" mit der Demonstration von Technologien direkt in den Industrien sowie ihre Integration in die zukünftige industrielle Produktion.

Es ist für uns extrem wichtig, dass die entwickelten Technologien auch tatsächlich in die verschiedenen industriellen Sektoren integriert werden. Bei den Key Enabling Technologies setzt die Kommission auf die Öffentlich-Privaten Partnerschaften (PPP: Public Private Partnerships).

Das hat sich schon im 7. Rahmenprogramm bewährt. Es hat zu einer Aktivierung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in der Forschung geführt. Wir haben teilweise über 30 Prozent KMU in unseren Programmen, was für das Forschungsrahmenprogramm einmalig ist. Wir haben eine sehr hohe industrielle Beteiligung, teilweise mehr als 40 Prozent.

Die Industrien kommen zusammen und besprechen die Probleme, sodass wir eine gute Integration der verschieden Sektoren haben. Unter diesen PPPs sind zwei, die besonders wichtig sind: Einerseits das sogenannte Speyer, eine Initiative von acht Sektoren innerhalb der Prozessindustrie, die versucht, dauerhafte Prozesstechnologie zu fördern. Die Energie- und Ressourceneffizienz ist dabei das überragende Thema.

Das ist essenziell, denn die Prozessindustrie verbraucht mehr als 20 Prozent aller Ressourcen der Erde. Wenn wir diesen Industriezweig nicht einbinden, ist Ressourceneffizienz nicht möglich. Einer der wichtigsten Partner bei dieser Zusammenarbeit ist die chemische Industrie. Sie hat eine Schlüsselposition inne, da sie sehr viele Technologien entwickelt, die für die Ressourceneffizienz unabdingbar sind. Deshalb arbeiten wir mit ihr schon sehr lange zusammen.

Die chemische Industrie treibt zum Teil auch die Integration von Prozessindustrien voran. Denn je mehr Ressourcen sie einsparen kann –Energie, Rohstoffe, Arbeitskräfte –, desto mehr kann sie dauerhaft entwickeln. Die Zahlen belegen dies. Die Industrie will ihre Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen überwinden oder zumindest stark reduzieren und dabei auch Abfälle wiederverwenden.

Bis zur vollständigen Umsetzung liegen noch viele Jahre vor uns. Wir können diese Sache nur schaffen, wenn alle Industriezweige, das heißt die ganze Prozessindustrie und alle Stakeholder, zusammenarbeiten. Das Ziel ist eine 30-prozentige Reduzierung des Verbrauchs von fossilen Rohstoffen und eine Reduzierung des Verbrauchs von nicht-erneuerbaren Rohstoffen oder Primärrohstoffen um 20 Prozent.

Gleichzeitig soll die CO2-Effizienz drastisch erhöht werden. Der CO2-Ausstoß der Prozessindustrie soll um bis zu 40 Prozent reduziert werden. Es wird geschätzt, dass 20 bis 50 Prozent der in der Prozessindustrie eingesetzten Energie verloren geht, durch heiße Gase, durch Kühlwasser, durch Wärmeverluste in den verschiedenen Prozessen. Ich persönlich halte es für unwahrscheinlich, dass die Zielsetzung von Horizon 2020 erreicht werden kann, ohne die Prozessindustrie miteinzubinden.

Daniela Kolbe (MdB, SPD)

Ich war Vorsitzende der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität", die in dieser Legislaturperiode sehr interessante Arbeit geleistet hat. Es ging um die Fragen, wie wir als hochentwickeltes Industrieland zu einer nachhaltigeren Wirtschaft kommen, welche Bedeutung Wirtschaftswachstum für dieses Land und vor allem für die Menschen noch hat und was Wohlstand überhaupt bedeutet.

Kurz gesagt: Wir hatten den Auftrag, "a theory of everything" zu erarbeiten: eine neue Wohlstandsmessung, die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch, die Beschreibung einer neuen, nachhaltigen Ordnungspolitik, Nachhaltigkeit in Bezug auf Lebensstile, Konsumverhalten und Arbeitswelten. Das Resultat ist auf 850 hochspannenden Seiten nachzulesen.

Bei der Entkopplung hat sich unsere Kommission auf eine spannende, aber nicht sehr optimistische Analyse geeinigt: "Die Grenzen unserer Umwelt sind die Grenzen unseres wirtschaftlichen Handelns." Die Umweltgrenzen sind unverrückbar und nicht verhandelbar. Und zum Teil überschreiten wir sie bereits deutlich, besonders beim Stickstoffkreislauf, bei der Biodiversität und natürlich beim Klima.

Wenn wir die Umweltgrenzen einhalten wollen, müssen wir handeln. Das wird zwangsläufig starke Auswirkungen auf Wirtschaft und Politik haben.

Unsere Enquete hat die zeitkritische und die gravierende Bedrohung im Bereich der Senken herausgearbeitet. Also nicht so sehr im Bereich der Ressourcenverfügbarkeit, sondern vielmehr bei der Belastung der natürlichen Umwelträume – Atmosphäre, Wasser, Boden. An dieser Stelle müssen wir ansetzen und die Senkenbelastung ganz massiv herunterfahren.

Es gibt eine spannende Studie, die im Rahmen der Enquete zum Thema Rebound-Effekte erarbeitet wurde. Diese Metastudie hat alle verfügbaren Studien dazu analysiert und zusammengefasst. Demnach wird der Rebound-Effekt bisher viel zu wenig beachtet, gerade im politischen Diskurs.

Was sind Rebound-Effekte? Der Begriff wurde Ende des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal beschrieben, als die Dampfmaschinen immer effizienter wurden und bei gleichbleibender Leistung mit immer weniger Kohle auskamen. Trotzdem sank der Kohleverbrauch nicht, sondern stieg im Gegenteil dramatisch an. Auch heute sehen wir vielerorts ähnliche Effekte. Trotz großer Anstrengungen im Effizienzsteigerungsbereich werden mehr Ressourcen verbraucht.

Deshalb dürfen wir nicht einzig und alleine auf die Effizienzsteigerung hoffen. Wir brauchen mehr Konsistenz. Die Herstellungsmethoden der chemischen Industrie wurde in den letzten Jahrzehnten auch in Deutschland konsistenter: Es fallen weniger Abfallprodukte an, sie werden zunehmend als Rohstoffe betrachtet.

Produkte in ihrem Gesamtlebensverlauf zu sehen und über ihre Lebensdauer und -zyklus zu sprechen, ist ein weiterer wichtiger Ansatz. Unsere Enquete hat intensiv über die Frage der Suffizienz gestritten, also die Frage des Weniger-Verbrauchens oder auch des Weniger-Produzierens. Nach zweieinhalb Jahren hat sich die Mehrheit unserer Kommission jedoch darauf geeinigt, dass wir nicht nur über Effizienz und Konsistenz sprechen dürfen, sondern in bestimmten Wirtschaftsbereichen auch über Suffizienz reden müssen. Und zwar nicht nur negativ, sondern in Bezug auf Lebensqualität durchaus auch in positivem Licht.

Die Frage der Ressourceneffizienz alleine wird sicherlich nicht dazu führen, dass wir unseren Ressourcenverbrauch absolut senken werden. Doch um nachhaltig zu wirtschaften, müssen wir weniger Ressourcen verbrauchen. Rebound-Effekte müssen auch politisch angegangen werden.

Harald Bajorat, Bundesumweltministerium

Das Bundesumweltministerium (BMU) wurde in den letzten Monaten in Teilen umstrukturiert. Das betraf insbesondere die Energieabteilung, aber auch den Bereich Ressourceneffizienz. Dort wurde ein weiteres Referat gegründet. Das Referat, das ich seit Februar leite, bearbeitet die nationalen und grundsätzlichen Angelegenheiten der Ressourceneffizienz. Das zweite Referat ist für den europäischen und den internationalen Bereich zuständig und betreut die Rohstoffpolitik aus Sicht der Umwelt.

Das Thema „Ressourcenschutz“ gewinnt also für das BMU und allgemein an Bedeutung. Ich bin der Meinung, dass wir nach der Energiewende auch eine Ressourcenwende brauchen. Denn beides hängt zusammen. Bei der Energiewende hat es bald 20 Jahre gedauert, bis wir da angekommen sind, wo wir jetzt stehen. Man kann sich ausrechnen, wie lange es noch dauern kann, bis wir beim Thema Ressourceneffizienz so weit sind. Vielleicht hat aber die Energiewende das Tor schon so weit aufgestoßen, dass der Ressourcenschutz leichter hinterhersegeln kann.

Unser Flaggschiff im Bundesumweltministerium ist das nationale Ressourceneffizienzprogramm "ProgRess", das im letzten Jahr verabschiedet worden ist und jetzt sukzessive umgesetzt wird. Wir betreiben dieses Programm nicht alleine. Es baut darauf, dass sich viele Akteure beteiligen, von den Unternehmen bis hin zu Nichtregierungsorganisationen. Die Maßnahmen gehen über die gesamte Bandbreite von der Gewinnung der Rohstoffe, über die   Verarbeitung und Nutzung, bis zu ihrer Entsorgung oder Wiederverarbeitung.

Für uns steht die Entkopplung des Rohstoffverbrauchs vom Wirtschaftswachstum im Vordergrund. Unser Indikator dafür ist die Rohstoffproduktivität, der in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie schon vor einigen Jahren festgelegt worden ist. Wir stellen fest, dass wir bereits sehr erfolgreich sind. Unser Ziel, die Rohstoffproduktivität von 1994 bis 2020 zu verdoppeln, haben wir schon ungefähr zur Hälfte erreicht. Die zweite Hälfte des Weges steht uns allerdings noch bevor und könnte schwieriger werden, weil wir bereits viele Effizienzpotenziale gehoben haben.

Hilfreich  ist, dass beim Ressourcenschutz Umwelt- und Wirtschaftspolitik in idealer Weise zusammenkommen und sich gegenseitig ergänzen. Aus Umweltsicht sind wir natürlich in erster Linie an den Umwelteffekten des Rohstoffverbrauchs interessiert. Wir wollen die negativen Umwelteffekte senken oder möglichst ganz beseitigen. Auf der anderen Seite haben wir natürlich nichts gegen die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Wir arbeiten da Hand in Hand mit der Wirtschaft. Die Hebung der Effizienzpotenziale ist in unser aller Interesse. Wir fördern dazu unter anderem beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI) ein Kompetenzzentrum Ressourceneffizienz, das unsere Arbeit unterstützt. Wir zielen damit insbesondere auf die kleinen und mittelständischen Unternehmen ab und loten aus, wo Effizienzpotenziale sind und wie sie sich nutzen lassen.

Das BMU hat auch ein Umweltinnovationsprogramm. Auch damit versuchen wir, direkt an die Unternehmen heranzukommen, und erzielen sehr gute Ergebnisse. Mit dem Programm werden innovative Pilotprojekte im großtechnischen Maßstab gefördert, die durch den Einsatz fortschrittlicher Techniken einen wesentlichen Beitrag zur Umweltentlastung leisten.

Ein neuer Förderschwerpunkt hat die Optimierung des Materialeinsatzes unter Umweltgesichtspunkten zum Ziel. Es geht uns auch um die Rohstoffgewinnung, die unter Umständen im Ausland stattfinden kann. Hier in Deutschland sind wir, was die Standards angeht, relativ weit vorne. Aber berücksichtigt man, wo zum Beispiel unsere Metalle herkommen, dann sieht es in Entwicklungsländern ganz anders aus. Die Datenlage, über das was vor Ort passiert ist aber sehr schlecht. Wir müssen uns also überlegen, wie wir an die relevanten Daten herankommen und wie wir vor Ort für Verbesserungen sorgen können.

Wichtig sind diesbezüglich auch die Rohstoffpartnerschaften, von denen die Bundesregierung bereits einige abgeschlossen hat. Die Federführung liegt im Bundeswirtschaftsministerium, aber wir sind beteiligt. Für uns ist dabei wichtig, dass die Rohstoffe in den Ländern nachhaltig gewonnen werden und die entsprechenden Regeln dazu in die Abkommen einfließen.

Bei den Verhandlungen haben wir sehr von den Aktivitäten im Bereich Klimaschutz profitiert, da wir mit diesen Ländern auch in diesem Bereich zusammenarbeiten und sie gute Erfahrungen mit uns gemacht haben. 

Martin Vogt (VDI ZRE)

Das VDI Zentrum Ressourceneffizienz (VDI ZRE) ist eine Kooperation des Bundesumweltministeriums (BMU) und des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Der VDI ist der älteste und größte wissenschaftlich-technische Verein Deutschlands. Ganz wichtig: Er ist kein Verband, der Brancheninteressen vertritt, sondern ein Verein mit über 150.000 Mitgliedern.

Der VDI versteht sich als eine neutrale Plattform Wir haben 12  Fachgesellschaften mit ca. 60 Fachbereichen, die sich mit allen technischen Schwerpunktthemen beschäftigen. Da Ressourceneffizienz ein Querschnittsthema über alle Technologien ist, arbeiten wir als ZRE mit den meisten Fachgesellschaften im VDI sehr eng zusammen.

Der VDI wurde 1856 gegründet. Organisationen, die sich aus VDI-Aktivitäten entwickelt haben, sind beispielsweise der Technische Überwachungsverein (TÜV) oder das Deutsche Institut für Normung (DIN). Ressourceneffizienz ist eine notwendige Voraussetzung für die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch. Wir haben den Fokus im VDI auf der betrieblichen Ressourceneffizienz, weil unsere Ingenieure zum großen Teil in den Unternehmen arbeiten, hier sind die Einsparpotenziale sehr hoch. Im verarbeitenden Gewerbe liegen die Materialkosten bei ungefähr 45 Prozent und die Energiekosten bei 2 Prozent. Die Materialkosten sind hier also signifikant höher als die Energiekosten, deshalb sind neben der Energieeffizienz auch die Materialeffizienz und die Einsparung anderer natürlicher Ressourcen außerordentlich wichtig.

Das Verständnis des Zusammenspiels aller natürlichen Ressourcen ist von zentraler Bedeutung.. Wir weisen immer wieder darauf hin, dass das Thema Energiewende ohne die Berücksichtigung der Potenziale der Ressourcen-und Energieeffizienz gar nicht zu denken ist. Es gibt eine Studie vom Fraunhofer ISI, das die Ergebnisse einer BMBF-Förderbekanntmachung (r2) zur Ressourceneffizienz ausgewertet hat. Diese Studie besagt, wenn deutschlandweit nur die Erkenntnisse der Forschungsergebnisse aus diesen Projekten implementiert werden würden, dann wäre das Energieeinsparpotenzial 75 TWh (Terawattstunden) pro Jahr. Dies entspricht grob geschätzt der jährlichen Energieproduktion von sieben Kraftwerken.

Das VDI ZRE bietet verschiedene Instrumente zur Steigerung der Ressourceneffizienz an. Diese sind für alle frei verfügbar, da das VDI ZRE aus Mitteln der Klimaschutzinitiative des BMU finanziert wird.

Ein wichtiges Instrument sind Ressourcenchecks, mit denen Unternehmen schnell erfassen können, ob und wo sie überhaupt Effizienzpotenziale haben. Wir setzten darauf, dass die Unternehmen dadurch, dass wir ihnen die Einsparpotenzialen zeigen, aus eigenem Interesse das Thema für sich entdecken: "Was können wir in unserem Unternehmen eigentlich noch machen, was bringt uns das?"

Als Beispiel möchte ich eine Studie über Einsparpotenziale in der metallverarbeitenden Industrie nennen, die wir vor wenigen Wochen veröffentlicht haben.

Dort haben wir festgestellt, dass für drei Subbranchen der metallverarbeitenden Industrie, die wir uns genauer angeschaut haben, noch Einsparpotenziale von 2 bis 6 Prozent gesehen werden. In Zahlen sind das bis zu 2,4 Milliarden Euro. Auch bei der Energie beträgt das Potenzial 5 bis 14 Prozent, das sind in Zahlen 280 Millionen Euro.

Das ist also eine ganze Menge. Ich bin sicher, wenn man den Unternehmen sagt, dass diese Potenziale zu heben sind, kommt man da auch ganz gut weiter.

Ein Punkt ist uns sehr wichtig. Der VDI unterstützt das Thema "Betriebliche Indikatoren" sehr stark, da ja alle stets über die volkswirtschaftlichen Indikatoren reden, mit denen ein Unternehmen freilich wenig anfangen kann. Deswegen arbeitet der VDI mit vielen Partnern im Rahmen von Richtlinienausschüssen an der Entwicklung von VDI-Richtlinien zzur betrieblichen Ressourceneffizienz. Im Moment werden vier wesentliche Richtlinien bearbeitet.

Die Rahmenrichtlinie zur Ressourceneffizienz wird die Definition von Ressourceneffizienz endlich klären, damit nicht ständig die Frage aufkommt, was das eigentlich ist.

Eine weitere Richtlinie beschäftigt sich mit dem Thema kumulierter Rohstoffaufwand, das ist ein Indikator, der den Unternehmen mit einer Methodik zur Bewertung des eigenen Rohstoffaufwands helfen soll. Auch um die Kritikalität von Rohstoffen kümmern wir uns in dieser Richtlinie. Denn die Unternehmen, die ihren Rohstoffverbrauch kennen, dürfen nicht nur auf den Verbrauch schauen, sondern müssen sich auch fragen, wie schwierig der Zugriff auf den Weltmärkten ist und welche Auswirkungen Versorgungslücken auf den eigenen Betrieb haben. Ein ebenfalls wichtiges Thema, das auf betrieblicher Ebene angegangen werden muss, ist die Berücksichtigung von zusätzlichen Umweltindikatoren, um möglichen Zielkonflikten zu begegnen. Auch dazu wurde ein Richtlinienausschuss eingerichtet.

 Diese Richtlinien werden hoffentlich im Laufe des nächsten Jahres zur Verfügung stehen. Eine Ausnahme bildet die Arbeit zu den Umweltindikatoren, diese haben gerade erst begonnen. VDI-Richtlinien sind Stand der Technik und entsprechend breit in den Unternehmen verbreitet und können eine Voraussetzung für DIN-Normen oder auch für Normungsaktivitäten auf europäischer Ebene werden.

Volker Pawlitzki (Aurubis, Wirtschaftsvereinigung Metalle)

Die Aurubis stellt viel Kupfer her, es sind genau 1,1 Millionen Tonnen pro Jahr. In der Literatur und in Studien wird allgemein von Potenzialen von fünf bis sechs Prozent gesprochen. Ich nenne mal ein deutliches Beispiel: Verbessern wir unsere Ausbringungsmenge im Jahr nur um ein Zehntelprozent, sind das 1.100 Tonnen Kupfer im Jahr mehr.

Das entspricht einem Rohertrag von fast 6 Millionen Euro. Also 6 Millionen Euro für ein Zehntelprozent, damit hat ein Unternehmen wie wir jede Motivation, so effizient wie nur möglich mit den Ressourcen umzugehen.

Denn Metalle sind teuer. Kupfer kostet etwa 5.200 Euro die Tonne. Selbst Kupferschrotte sind fast genauso teuer.

Metalle sind sogar so werttragend, dass sich oft erst dadurch das Recyceln anderer metallischer Materialen lohnt, die praktisch nebenbei mitrecycelt werden. Daran sieht man, dass Metalle, auch Metallschrotte, Recyclematerialien, gar keine Abfälle sind, die man los werden möchte.

Metalle haben auch als Recyclematerialien einen hohen Wert. Sie eignen sich hervorragend dafür. Kupfer kann, wie andere Metalle auch, ohne Verminderung der Qualität wieder recycelt werden. Die Ausbringungsmengen liegen dabei bei nahezu 100 Prozent.

Somit findet praktisch kein Verbrauch statt, vielmehr muss man bei Metallen von Gebrauch sprechen. Kupfer, das jetzt verwendet wird, ist in Anteilen vielleicht schon 10.000 Jahre alt und wird auch in 10.000 Jahren noch für Produkte zur Verfügung stehen. Die Industrie hält damit das von ihr produzierte Metall im Kreislauf und ist damit das beste Beispiel für ein closing the loop.

Es sind aber nicht nur die direkte Wirtschaftlichkeit des Produktionsprozesses und die Innovationskraft, welche die Halbedelmetallindustrie zum Meister der Ressourceneffizienz macht. Es sind auch die Metalle selbst, die wir herstellen und die in den Produkten die herausragenden Eigenschaften wiederbringen und im Sinne von Ressourceneffizienz und Energieeffizienz sowie dem Klimaschutz entfalten.

Kupfer hat nach Silber die beste elektrische und thermische Leitfähigkeit. Aluminium wird für den Leichtbau benötigt, Zink für den Korrosionsschutz. Damit sind moderne und vor allem ressourcenschonende Anwendungen – etwa Windkraftanlagen, Photovoltaik oder Elektromobilität – nur mit den Produkten der Halbedelmetallindustrie überhaupt möglich. Diese Beiträge und Leistungen werden oft nur wenig wahrgenommen. Aus diesem Grund hat sich die einzige deutsche industrielle Unternehmensinitiative für Klimaschutz, Energie- und Ressourceneffizienz, "Metalle pro Klima", formiert, um dies sichtbar zu machen. Aurubis ist Gründungsmitglied.

Wie kann man dennoch besser werden? Die Effizienz einer Ressource kann nur über ihren gesamten Lebenszyklus gesehen werden. Es beginnt mit der Grundstoffindustrie, dem Beginn unserer intakten Wertschöpfungsketten, deren Wichtigkeit für unseren Wohlstand uns gerade in den letzten Jahren wieder neu bewusst geworden ist.

Grundstoffindustrie beginnt in der Regel mit primären Rohstoffen, die weiter benötigt werden und die im Falle von Metallen, glaubt man der Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffen, nicht einmal knapp sind.

Die Rohstoffe sollten einer möglichst effizienten Verarbeitung mit bestmöglicher Technologie zugeführt werden. Rohstoffvorkommen und Technologien sind aber global sehr unterschiedlich verteilt. Entsprechend müsste ein freier Handel stattfinden, der die bestmögliche Ressourcenallokation ermöglicht.

Dies ist aber nicht immer der Fall. Es gibt Hunderte von Wettbewerbsverzerrungen, die das beeinträchtigen. Gleiches gilt für Recycling-Materialien. Auch hier wird freier Welthandel oft behindert. Im Falle von Elektronikschrott findet leider sogar unerlaubter Export aus der EU statt. Der Schrott wird, zum Teil illegal, in Nicht-OECD-Länder exportiert und etwa in Afrika mit primitivsten Methoden behandelt, leider nicht nur sehr ineffizient, sondern auch zum Schaden von Mensch und Umwelt.

Eine Verbesserung der Rohstoffallokation könnte einen großen Teil zu globaler Ressourceneffizienz beitragen. Unsere Industrie bietet dabei nicht nur die technisch beste Alternative, sie ist auch in Ermangelung eigener primärer Rohstoffe auf eine ausreichende Versorgung von außen angewiesen.

Primäre Rohstoffe werden gefördert und in die Werke transportiert, für Recycling-Material ist das nicht immer so einfach. Während wir in Europa bereits seit einigen Jahrzehnten auf eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur für die Sammlung und Aufbereitung zurückgreifen können, ist das in Entwicklungsländern oftmals nicht gegeben. Viele wertvolle Sekundärrohstoffe werden weggeworfen – wie ich es selbst in Indien erlebt habe –, weil es gar keine Infrastruktur zur Rücknahme des Recycling-Materials gibt!

In der Werken soll die Ausbringung möglichst hoch sein und gleichzeitig möglichst wenig Energie oder Umweltressourcen verbrauchen. In Deutschland, auch in Europa sind wir hier besonders gut aufgestellt, motiviert durch hohe Ertragsaussichten und gleichzeitig gedrängt durch relativ hohe Kosten, nicht zuletzt auch für Energie. Da könnte man auf den Gedanken kommen, man müsste nur die Kosten noch etwas weiter erhöhen, und schon müssten die Unternehmen noch effizienter werden.

Der Gedanke scheint plausibel, solange nicht die externen Kosten von den Unternehmen getragen werden. Da in unseren Breiten aber die Werke dank umfangreicher Umweltschutzinvestitionen, im Falle von Aurubis in Höhe von 400 Millionen Euro, ausgesprochen umweltfreundlich sind, gibt es kaum noch Optimierungsmöglichkeiten.

Zusätzliche Kosten können auch nicht auf die Produkte umgelegt werden, denn Metallpreise bilden sich auf dem Weltmarkt. Fatal wäre es da, wenn Hightech-Unternehmen unter dem Kostendruck – etwa durch Erhöhung von Energiekosten oder die Einführung von Rohstoffsteuern – aufgeben, abwandern oder schlicht weniger Spielraum für Investitionen haben, nicht mehr konkurrenzfähig sind und die Rohstoffe dorthin gehen, wo die Unternehmen höhere Preise zahlen können, weil ein Teil der Kosten eben nicht von den Unternehmen getragen wird, sondern vom Schaden an Mensch und Natur und letztlich auch der Ressourcen.

Um der Produktion mit bestmöglichen Technologie und höchster Effizienz willen darf man unseren Unternehmen nicht die Lebensgrundlage dafür nehmen. Sind die Metalle produziert, sollten sie effizient verwendet werden. Will man einsparen, heißt das aber auch oft Substitution. Es wird also eine Ressource durch eine andere ersetzt.

Wenige Metalle bedeutet oft auch höheren Energieverbrauch oder auch weniger effizientes Recycling. Absolute Einsparvorgaben dürften dabei kaum zu optimalen Ergebnissen führen.

Aber worauf verzichten? Was sind gute Güter, und was sind schlechte? Und in welchem Verhältnis? Soll die Industrie weiterhin den effizienten Einsatz von Ressourcen fördern, so ist sie auf eine sichere, saubere und bezahlbare Rohstoffversorgung angewiesen. Dies erfordert stabile Rahmenbedingungen, damit Innovationen entwickelt und Investitionen getätigt werden können.

Bei allem Handel muss man sich bewusst sein, dass man sich im internationalen Wettbewerb befindet. Ich bin froh, dass wir hier über globale Ressourceneffizienz reden, denn dieser Wettbewerb findet mit fairen oder auch mit unfairen Bedingungen statt.

Da nur gleiche Bedingungen zu optimalen Ergebnissen führen, muss man auch immer wieder auf ein level playing field hinweisen. Und nicht zuletzt die Dynamik des Ressourcenverbrauchs – oder bei Metallen des Ressourcengebrauchs –, findet längst nicht mehr in Europa, USA oder Japan statt, wo sinkende Bevölkerungszahlen und/oder gesättigte Märkte den Bedarf ohnehin begrenzen, sondern in den Entwicklungsländern mit großen, stark wachsenden Populationen, mit einer stark steigenden, konsumierenden Mittelschicht und einer Industrie, die bei Ressourceneffizienz oft noch nicht auf der Höhe der Zeit ist. Wer hier insgesamt etwas bewegen will, muss vor allem die globalen Potenziale im Auge behalten.


Aufgezeichnet von Ewald König

Links


Zielkonflikte bei Ressourceneffizienz
: Präsentation der Wieland-Werke AG (von Dr. Stefan Priggemeyer): (PDF)

Homepage Unternehmensinitiative Metalle pro Klima

Homepage WirtschaftsVereinigung Metalle

WVM Geschäftsbericht PERSPEKTIVEN 2012/2013

Bundesministerium für Bildung und Forschung: Horizon 2020

Forschungsrahmenprogramm