Fokus Brandenburg: Unfreiwillig selbstständig

Ein integriertes Konzept, bei dem Unternehmertum von der Grundschule bis in die Hochschule hinein Teil des Lehrplanes ist, fehlt noch – nicht nur in Brandenburg. Foto: Fotolia © thingamajiggs

Die meisten der heute fast 140.000 Selbstständigen in Brandenburg sind nicht aus dem Job heraus gestartet, sondern aus der Arbeitslosigkeit. Als freiwillige Alternative zum Angestelltendasein ist das Unternehmerdasein in vielen Köpfen noch nicht verankert.

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Brandenburg braucht Nachwuchs – in jeder Hinsicht. In  dem ostdeutschen Flächenland benötigen etwa 6.000 Unternehmen mittelfristig einen  neuen Chef. Der Weg ist hart,  aber lohnt sich, berichtet Stefan Dewitz, der das Motorradhaus "Haase" im brandenburgischen Bad Freienwalde vor vier Jahren von seinem damaligen Chef übernommen hat.

Der alte Job, die neue Meisterausbildung, der richtige Businessplan, die anstrengenden Finanzierungsgespräche mit den Banken – vieles musste  parallel laufen. "Es war eine  sehr turbulente Zeit mit einigen Rückschlägen, aber es  ging voran. Ich hatte ja ein Ziel  vor Augen", sagt Dewitz.

Beratung und Einstiegshilfe

Wer ebenfalls daran denkt, eine Firma zu übernehmen, sollte sich rechtzeitig um die Voraussetzungen für den Schritt in die Selbstständigkeit kümmern, empfiehlt Dewitz. "Bittet diejenigen um Hilfe, die davon Ahnung haben, also die Handwerkskammer, Netzwerke von Wirtschaft und Industrie. Seht euer Projekt nicht zu euphorisch und lasst doch nicht von Niederlagen entmutigen", so Dewitz.

Die meisten der heute fast 140.000 Selbstständigen in Brandenburg sind allerdings nicht aus dem Job heraus gestartet, sondern aus der Arbeitslosigkeit. Über die Lotsendienste und das Gründungsnetz Brandenburg bekommen Gründungswillige Beratung und Einstiegshilfe rund um das Thema Existenzgründung. Als freiwillige Alternative zum Angestelltendasein ist das Unternehmerdasein in vielen Köpfen allerdings noch nicht verankert.

Kreative Köpfe gesucht

Zwar liegt die Selbstständigenquote mit 12,8 Prozent in Brandenburg über dem Bundesdurchschnitt, doch die Zahl der Gewerbeanmeldungen im Land geht seit Jahren stetig zurück. Dazu kommen Gründungen im kreativen Bereich. Allerdings wandern viele kreative Köpfe nach Berlin ab, stellt Barbara Nitsche von der IHK Potsdam fest. In Berlin gebe es etablierte Cluster, die auf dem Land mühselig aufgebaut werden müssten. Prinzipiell sollte in der Wirtschaftsregion Berlin-Brandenburg geprüft werden, ob und ie die bisher unterschielichen Förderbedingungen und Strukturen für Gründer harmonisiert werden können, empfiehlt Nitsche.

Wie die meisten Akteure in der Brandenburger Gründerszene ist sie zudem überzeugt, dass Kinder mehr über die Chancen des Unternehmertums erfahren sollten, um Berührungsängste zu verlieren. Landesweit gibt es über 100 Schülerfirmen, Pilotprojekte und Einzelaktionen, um Wirtschaft und Schule zusammenzuführen. Ein integriertes Konzept, bei dem Unternehmertum von der Grundschule bis in die Hochschule hinein Teil des Lehrplanes ist, fehlt noch – allerdings nicht nur in Brandenburg.

An den brandenburgischen Universitäten ist der Unternehmergeist bereits tiefer verwurzelt. Neun Fachhochschulen und Hochschulen des Landes und die ZukunftsAgentur Brandenburg (ZAB) haben sich vor sechs Jahren zum Brandenburgischen Institut für Existenzgründung und Mittelstandsförderung e.V. (BIEM) zusammengeschlossen. Eine der beteiligten Hochschulen ist die Universität Potsdam. Potsdam Transfer, die Schnittstelle der Uni für Gründung und Techogietransfer, begleitet etwa 30 Gründungen pro Jahr. Jedes dritte Unternehmen ist auch nach fünf Jahren noch am Markt. "Wenn Studenten mit Ideen kommen, die noch nicht so ausgereift sind, ist es wichtig, sie zu motivieren. Sie können ihren Ansatz überdenken und mit seriösen Ideen wiederkommen", sagt Professor Dieter Wagner, Direktor  von Potsdam Transfer.

Förderung und Finanzierung

Wenn es in der Beratung um Finanzierungsfragen geht, vermitteln die Gründungsberater den Kontakt zur Bürgschaftsbank Brandenburg, zur Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) oder zur Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB), die Existenzgründungen unter anderem über den  Brandenburg Kredit Mikro oder den Frühphasenfonds unterstützt. Der landeseigene Fonds richtet sich an innovative Startups, um deren Liquidität und Eigenkapitalbasis in der Frühphase zu stärken. Das Geld stammt zu 75 Prozent aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) und zu 25 Prozent aus der Landeskasse.

Eines der ersten Unternehmen, das von dem 2010 aufgelegten Frühphasenfonds profitierte, ist das Forschungs- und Dienstleistungsunternehmen Metabolomic Discoveries. Das Potsdamer Startup ist im GO:INcubator im Wissenschaftspark Potsdam-Golm angesiedelt, einer Art Brutstätte für wissens- und technologieorientierte Startups der Region. Mit dem Konzept, Analytik und Bioinformatik zu erbinden, hat das Brandenburger Unternehmen mehrere Gründerpreise erhalten und ist seitdem auf Erfolgskurs.

Die Finanzierung sei bei Gründungen eine wichtige Hürde, sagt Experte Wagner, entscheidend sei aber auch das Team der Gründer. "Viele Leute kennen sich aus dem Studium, haben sich aber nicht nach Anforderungs- und Fähigkeitsprofilen ausgewählt. Es gibt Engpässe bei den Finanzen und beim Personal“, sagt Wagner. Man könne lange streiten, wo der Engpass größer ist.

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SpecialReport: Junges Unternehmertum

Aus der Krise in die Gründung (I)

Startup-Politik: Mängel und Fortschritte in Europa (II)

Europäische Unternehmerregionen
(III)

Fokus Brandenburg: Unfreiwillig selbstständig (IV)