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28/07/2016

Berlins Kreative und ein Fördermodell fast ohne Bürokratie

Regionalpolitik

Berlins Kreative und ein Fördermodell fast ohne Bürokratie

Der interaktive Tisch: Beispiel für Produkte aus der Berliner Kreativwirtschaft, gefördert durch EFRE (Foto: Interactive Scape)

Berlin ist arm an großer Wirtschaft und reich an kleinen Initiativen. Vor allem die Kreativwirtschaft blüht hier besser als in anderen Städten. Eine modellhafte Konstruktion entlastet kleine Berliner Unternehmen vom bürokratischen Prozedere, an Fördermittel wie EFRE (Europäischer Fonds für regionale Entwicklung) zu kommen.

Berlin zieht Kreative aus ganz Europa an. In keiner anderen Stadt Europas findet man Lofts aufgelassener Fabriken mit so großen Flächen zu so günstigen Mieten. In den Künstlerateliers, Modestudios, Medienlofts und Werkstätten hört man Dialekte aus allen deutschen Regionen und Sprachen aus allen europäischen Ländern.

Das Ergebnis: Das Kulturleben in Berlin pulsiert. Im Tagesdurchschnitt bietet die deutsche Hauptstadt 1.800 kulturelle Veranstaltungen. Das beflügelt Kulturschaffende und Kreative, setzt sie aber auch unter Konkurrenzdruck.

Manche von ihnen schaffen es, sich mit Innovationen als Klein- oder sogar Mittelbetrieb zu etablieren, schaffen Arbeitsplätze und haben enormes Wachstumspotenzial. Rund 24.000 Unternehmen bilden in Berlin die Kreativwirtschaft. Dazu gehören Film, Rundfunk, Fernsehen, Modedesign, Architektur, Verlagswesen, Multimedia, Gamesoftware, Musik, Entertainment, Kunst, Kultur und Werbung.

Wenn Know-how und Kapital fehlen

„Was diesen Kreativen meist fehlt, sind betriebswirtschaftliches und kaufmännisches Know-how“, schildert Andreas Bißendorf. “Ein großes Handicap für Kreativunternehmen ist es daher, an Kapital zu kommen.“

Neben seiner Tätigkeit in der Investitionsbank Berlin (IBB) ist Bißendorf Geschäftsführer der Technologie Coaching Center GmbH, die die Projekte Kreativ Coaching Center (KCC) und Technologie Coaching Center (TCC) umfasst.

Ähnliche Erfahrungen habe er zuvor mit Wissenschaftlern gemacht. Auch sie waren auf der betriebswirtschaftlichen Seite wenig bewandert. So sei das Technologie Coaching Center (TCC) für technologieorientierte Unternehmen – oft Ausgründungen von Universitäten – entstanden. Das TCC besteht inzwischen 13 Jahre.

„Wir sind selbst das EFRE-Projekt“

Das Besondere am TCC und nunmehr am KCC: „Wir sind als TCC und KCC selbst das von EFRE geförderte Projekt. Das heißt, wir selbst müssen alle Anforderungen erfüllen, die EFRE bei Förderprogrammen stellt.“ Also laste alle Kraft der Bürokratie auf der TCC oder KCC. „Davon müssen wir relativ wenig an die Unternehmen übertragen.“

So hat TCC/KCC eine Art Pufferfunktion zwischen den Förderquellen und den Unternehmen und kann sich auf das eigentliche Coaching konzentrieren. „Dadurch empfinden unsere Kunden unsere Förderung als relativ unbürokratisch.“

Moscheen, Stadien, ganze Stadtteile im „Werk5“

In der Köpenicker Straße in Berlin Mitte (im Deutsche Architektur-Zentrum DAZ) stehen auf fast 1000 Quadratmetern Wolkenkratzer, Moscheen, Stadien, Museen, Einkaufszentren, Fabrikhallen, ganze Stadtlandschaften. So manches Modell, das hier für Architekten, Designer, Investoren und Künstler entsteht, kann den Wert eines Autos erreichen.

Mit Stolz zeigt Mangold die zwölf Tonnen schwere Fünf-Achsen-Fräse, eine Maschine, wie sie auch Audi zum Ausschneiden der Alu-Karosserien verwendet. „Die ist extrem vielseitig und genau richtig für uns. Man kann mit dem Material auch seitlich ranfahren und alle fünf Achsen simultan bewegen.“ Der kleinste Fräskopf ist 0,4 Millimeter breit. Die Maschine läuft 15 Stunden am Tag und ist damit gut ausgelastet.

Das „Werk5“ macht die Hälfte seines Umsatzes im Ausland. Es könnte daher seinen Sitz auch überall sonst haben. Doch in Berlin finden die beiden Geschäftsführer Hauke Helmer und Ulrich Mangold günstige Mietpreise und hochqualifizierte Mitarbeiter. „Wir können nur einen Kilometer Luftlinie vom Alexanderplatz entfernt ein Gewerbe treiben“, schwärmt Mangold. „Das ist, wenn man nach Paris oder London guckt, nicht selbstverständlich. Das könnte man nirgendwo bezahlen.“

Der Sand, die Spree und kreative Ideen

„Berlin hat dieses enorme kreative Potenzial. Hier sind Leute willens, anders zu arbeiten. Das wird auch international so wahrgenommen“, so Hauke Helmer. Nicht der Sand und die Spree hätten  Berlin so groß gemacht, „sondern die kreativen Ideen“.

Trotz der globalen Krise ist das „Werk5“ ausgelastet. Seine Modellbauten lassen sich auch durch noch so gute Computeranimationen nicht ersetzen. Aber mehr als die zwanzig Angestellten und sieben Auszubildenden gibt die Marktlage künftig nicht her.

Daher haben Helmer und Mangold ein zweites Standbein aufgebaut. Mit der „Interactive Scape GmbH“ haben sie binnen drei Jahren große Sprünge vor. Hier entstehen Interaktive Tische, die Tischplatte hat die Funktion eines überdimensionierten Touch Screens, entwickelt auf der Basis von LCD-Monitoren.

Riesenresonanz auf den interaktiven Tisch

Die Resonanz bei namhaften Unternehmen ist enorm. Sie setzen das intelligente Möbelstück mit 58 Zoll große HD-Oberfläche zur interaktiven Präsentation ihrer Produkte, zur Werbung und für Messeauftritte ein. Bilder und Dateien lassen sich über den interactive scape per Bluetooth, Handy oder Internet direkt austauschen.

Das Wachstumspotenzial dieser Innovation ist extrem vielversprechend. Für den mühsamen Weg der Finanzierung haben sie sich wieder an das KCC gewandt, wo ihnen ein Berater sehr effizient beisteht.

Andere Unternehmen, die sich vom KCC beraten ließen, sind etwa die PR-Agentur PublicScience, die sich auf Gesundheits- und Wissenschaftskommunikation spezialisiert hat. Die Gründerinnen Stefanie Link und Kathleen Wallner schärften mit Hilfe eines KCC-Coach ihr Unternehmensprofil und lernten, Aufträge abzulehnen, die nicht genau ihrer Zielgruppe entsprechen.

Modelabels, Lehrvideos, Filmabspänne

Oder „Konk“, der Name steht für Berliner Mode Avantgarde. Inhaberin des Konk ist Ettina Berrios-Negron, sie hatte (wie die meisten) von KCC durch Zufall gehört, sich beworben und lässt sich bei Organisation, Mitarbeiterführung und Kommunikation beraten, damit sie selber meh Freiraum für ihre eigene Kreativität schafft. Sie gehört zu den neunzig Prozent der KCC-Kunden, die deren Beratung weiterempfehlen würde.

Oder „Sofatutor“: Ein kleines Unternehmen, in dem mehrere Nachhilfelehrer Lehrvideos produzieren. Das Team um die Gründer Stephan Bayer und Andreas Spading setzt auf Web 2.0 Technologie. Jeder, der sich mit einem Thema gut auskennt, kann auf der Plattform Videos produzieren und so zum Online-Nachhilfelehrer werden.

Sie bekamen vom KCC einen Berater vermittelt, der in Finanzierungsfragen half und sie zwang, „die richtigen Fragen zu stellen und wichtige Entscheidungen rechtzeitig zu treffen“. Den Schritt zum KCC könne ein Gründer gar nicht schnell genug gehen, meint Bayer.

Oder „Untitled“: Das Berliner Unternehmen der Designerin Saskia Rüter hat sich voll auf die Gestaltung von Titeldesign und Artwork spezialisiert. Untitled gestaltet Vor- und Abspänne für Filme, „um die inhaltliche und emotionale Essenz des Films in einer intelligenten visuellen Kampagne aufzubereiten“, und das sehr erfolgreich. Als „Untitled“ wuchs, suchte es sich für Planung in Organisation und Finanzierung Beratung bei KCC.

Berater – Erfahrungen, Hilfen, Honorare

Das KCC hat einen Stab von zwei Dutzend freier Berater zur Verfügung. Die Coaches beraten die junge Kreativunternehmen bei Businessplänen und Bankdarlehen oder schnell gewachsene Unternehmen, die Controlling brauchen oder vor einer großen Marketingoffensive stehen. „Bei allen kaufmännischen Fragen stellen wir den Unternehmen tageweise Coaches zur Seite, die ihnen helfen, die richtigen Fragen zu stellen und die richtigen Antworten zu finden“, erläutert Bißendorf die Idee.

Wer sind die Berater des KCC? Sie müssen betriebswirtschaftliches Know-how sowie kreativwirtschaftliche Ausbildung oder Praxis nachweisen und etwas von Finanzierung verstehen. Und sie müssen mindestens drei Jahre in einem kleinen oder mittelständigen Unternehmen in leitender Funktion tätig gewesen sein. „Denn da läuft die Welt etwas anders als in einem Konzern.“

Die Honorare der Berater – zwischen 700 und 1.000 Euro pro Tag – zahlt zunächst das KCC.  Der Anfang ist für den Betrieb kostenlos, dann wird das Unternehmen nach einem Stufenmodell immer mehr an den Kosten beteiligt.

Beispiel: Alle Unternehmen starten mit zwei kostenlosen Beratertagen, in denen die Situation des Unternehmens eingehend analysiert und erste Meilensteine definiert werden. Vom dritten bis achten Tag leisten Unternehmen, die nicht länger als drei Jahre am Markt sind, einen Beitrag von 175 Euro zum Beraterhonorar. Die Beteiligung steigt dann auf maximal 520 Euro pro achtstündigem Beratertag.

„Geniale Konstruktion“ bei Förderanträgen

Im Jahr 2009 wurden 358 Beratertage vergeben. Es gab 120 Anfragen von Unternehmen, 74 davon wurden mit den Coaches unterstützt.

Förderanträge – besonders aus Brüssel – und Bürokratie sind üblicherweise nicht zu trennen. „Mit unserer genialen Konstruktion, die wir für uns gefunden haben, sind wir als TCC/KCC selbst das von EFRE geförderte Projekt.“ Somit könne man die Unternehmen wie ein Puffer von bürokratischen Anforderungen entlasten, wodurch die Kunden die Förderung als relativ unbürokratisch empfänden, so Bißendorf.

Was man verbessern könnte? „Es gibt immer mal wieder so kleine Schwierigkeiten, aber ich will mich auf keinen Fall beschweren. Man weiß ja: Wenn man mit EFRE zusammenarbeitet, muss man eine Menge Berichten schreiben. Das gehört nun mal dazu und ist legitim.“

Nervig sind rückwirkende Anforderungen

Eine bürokratische Hürde jedoch seien rückwirkende Anforderungen von EFRE an die Fördernehmer. Wenn beispielsweise die EU verlangt, dass bestimmte Unterlagen doch länger aufbewahrt werden müssen als ursprünglich vorgesehen. Da können alte Unterlagen schon länger vernichtet sein.

Am Ende einer sechsjährigen Förderperiode ist es dann schwierig rückwirkend den Anforderungen gerecht zu werden.

„Aber man muss einfach sagen: Wenn wir diese EFRE-Mittel in Berlin nicht hätten, dann hätten wir diese Förderung nicht.“

Wie hoch die Förderung ist? „Grob gesagt, alles was wir ausgeben. 2010 planen wir Ausgaben von 350.000 Euro. Das sind die Kosten vom Coaching über Personalkosten und Öffentlichkeitsarbeit bis zum Computer und Papier.“

Von den 350.000 Euro kommen 50 Prozent, also 175.000 Euro, von EFRE, 125.000 Euro bringt die Investitionsbank Berlin (IBB) ein, und 50.000 Euro werden durch die Kostenbeteiligung der gecoachten Unternehmen eingenommen.

Tropfen auf den heißen Stein

Insgesamt mag das wie ein Tropfen auf den heißen Stein wirken. Weil von den 24.000 Kreativunternehmen in Berlin die Budgetmittel nur für eine Förderung von bisher 74 pro Jahr ausreicht, sind die Förderkriterien relativ strikt. So fokussiert sich die KCC-Förderung beispielsweise auf Unternehmen und Gründungen, die bereits ein Produkt am Markt platziert haben und dabei als Unternehmen Wachstumspotenzial bei Arbeitsplätzen und Umsatz versprechen.

Außerdem muss – als klares Alleinstellungsmerkmal – eine eigene Kreativleistung im Unternehmen erbracht werden. Damit sind schon mal 7.000 Medienagenturen ausgeschlossen. Und selbstverständlich muss das Unternehmen – egal ob die Gründer Deutsche oder Ausländer sind – in Berlin sitzen.

Hintergrund: Europäischer Fonds für regionale Entwicklung (EFRE)

Der Europäische Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) ist das wichtigste Instrument der Regionalförderung der Europäischen Union. Vielerorts gibt es EFRE-geförderte Projekte. Nicht immer sind sie leicht zu erkennen. Das paneuropäische Netzwerk von EurActiv greift in der Artikelserie „Projekt des Monats“ einzelne – gelungene oder misslungene – Maßnahmen heraus.

Der EFRE unterstützt insbesondere die Stärkung von Wettbewerbsfähigkeit und Innovation, die Schaffung und Erhaltung dauerhafter Arbeitsplätze sowie Gewährleistung einer nachhaltigen Entwicklung.

Auch in Berlin war und ist der EFRE zentrale Stütze für die Umsetzung einer nachhaltigen Strukturpolitik. Wichtige Infrastrukturvorhaben wie der Ausbau neuer Technologiestandorte in Berlin-Adlershof (Treptow-Köpenick) und auf dem Campus Berlin-Buch (Pankow) werden ebenso unterstützt wie viele Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in Unternehmen sowie Investitionen zur Verbesserung der Umweltsituation in Berlin und Maßnahmen der integrierten Stadtentwicklung (Zukunftsinitiative Stadtteil).

Eine Vielzahl kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) hat vom EFRE profitiert. In den vergangenen Jahren wurden in Berlin Hunderte Existenzgründungen und viele Investitionen in moderne Technologien mit dem EFRE unterstützt.

Mehr als 50.000 Arbeitsplätze wurden allein in der Förderperiode 2000-2006 durch die EFRE-Interventionen in Berlin geschaffen oder gesichert. Zur Verwirklichung seiner Ziele im Zeitraum 2007 bis 2013 stehen Berlin aus dem EFRE insgesamt 875,6 Millionen Euro zur Verfügung.

Ewald König

Links:

Homepage EFRE

EFRE: Europäischer Fonds für regionale Entwicklung

Projektauswahlkriterien zur Vergabe von EFRE-Mitteln in Berlin

Homepage TCC und KCC

KCC-Coaching für Unternehmen der Kreativwirtschaft

KCC-Coaching für Existenzgründer und bestehende Unternehmen

Liste der KCC-Berater und ihrer Profile

Netzwerke der Berliner Kreativwirtschaft

Portale der Berliner Kreativwirtschaft

Homepage der „Werk5“ GmbH

TU Berlin über das „Werk5“

Homepage der Interactive Scape GmbH

YouTube Interactive Scape

Dailymotion Interactive Scape

Interactive Scape (englisch)

Homepage des Modeunternehmens “Konk”

Homepage der Online-Lernplattform „sofatutor“

Homepage der „Untitled GbR, Filmartwork & Design

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