Startup-Politik: Mängel und Fortschritte in Europa

Es gibt zahlreiche Auszeichnungen, um Startups und Unternehmertum in Europa zu fördern. Im Bild: EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou spricht bei den 1. Entrepreneurship Awards des Europäischen Instituts für Innovation und Technologie (EIT). Foto: E

SpecialReport: Junges Unternehmertum (II)Europa muss seine Startup-Politik verbessern, um bei der Gründerintensität mit Ländern wie den USA oder Japan mithalten zu können. Auch ist das unternehmerische Denken vielerorts noch nicht fest verankert, erläutert Ralph Diestelhorst vom Ausschuss der Regionen im Interview mit EURACTIV.de.

Zur Person


" /Ralph Diestelhorst
ist Koordinator der Initiative "Europäische Unternehmerregion" beim Ausschuss der Regionen (AdR).

Der 8-seitige SpecialReport "Junges Unternehmertum in Brandenburg und Europa" steht zum Download bereit.
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EURACTIV.de:
Die Gründerintensität in Europa hinkt im weltweiten Vergleich hinterher. Warum?

DIESTELHORST: Wir sind in Europa noch weit davon entfernt, Unternehmen so schnell und unkompliziert zu gründen wie in den USA oder Japan. Aber auch in Europa gibt es tolle Beispiele. In manchen Ländern können Sie ein Unternehmen online gründen, bekommen innerhalb von 24 oder 48 Stunden eine Registrierungsnummer und müssen dafür keine oder nur geringe Gebühren bezahlen. Was bei uns häufig auch noch fehlt, sind wirklich funktionierende "one-stop-shop"- Lösungen. Das heißt, ein Unternehmen hat einen einheitlichen Ansprechpartner, eine Anlaufstelle, die ihm alle notwendigen Behördengänge entweder abnimmt oder ihn dabei zumindest unterstützt. Unverzichtbar ist auch, dass ein Jungunternehmer nach der Gründung weiterhin auf Unterstützung setzen kann, zumindest in den ersten Jahren. Das erhöht die Erfolgsrate der Gründungen erheblich. Auch unter den EER-Regionen gibt es gute Ansätze für solche Konzepte, so zum Beispiel in Katalonien.

EURACTIV.de:
Was können die Regionen selbst machen, damit die Gründerstimmung steigt?

DIESTELHORST: Langfristig muss die Erziehung zum Unternehmertum im gesamten Bildungssystem verankert werden, am besten schon im Kindergarten. Gerade in Deutschland ist Bildung ja Kernkompetenz der Länder. Es ist überfällig, dass Unternehmertum als Unterrichtsfach oder als Kernkompetenz in den Schulalltag aufgenommen wird. Dazu gehört dann das entsprechende Training für Schüler und Lehrer.

Unternehmertum ist mehr, als nur ein Geschäft zu führen. Das unternehmerische Denken sollte in allen Lebensbereichen gefördert werden. Der Erfahrungsaustausch der EER-Regionen hat hier ja zu interessanten neuen Denkanstößen  in Brandenburg geführt.

Es gibt aber auch kurzfristige Ansätze, um das bestehende Potenzial besser zu nutzen. Jungunternehmer und erfahrene Manager müssen besser zusammenfinden. Network-Konzepte, regelmäßige Treffen und Mentoren-Programme können helfen. Außerdem müssen die Unternehmensübergaben besser organisiert werden. In Europa könnten in
den kommenden Jahren etwa 800.000 Firmen übertragen werden – oder auch nicht. Davon hängen sehr viele Arbeitsplätze ab.

EURACTIV.de:
Die Arbeitslosenquoten erreichen in vielen Teilen Europas immer neue Höchststände: Ist der Weg in die Selbstständigkeit eine Notlösung oder eine echte Alternative?

DIESTELHORST: Gründungen aus der Arbeitslosigkeit nehmen krisenbedingt in Europa zu – aber die stärkere Förderung dieser Selbstständigkeit hat schon vor der anhaltende Krise begonnen. Kurzfristig gibt es aus der Not heraus geplante Existenzgründungen, die zum Beispiel durch Business-Plan-Kurse, Beratung oder Förderung unterstützt werden können. Mittel- bis langfristig kann Selbstständigkeit aber vor allem eine sehr bereichernde Karrierelaufbahn sein, eine (mehr als) lohnenswerte Alternative zu einem Angestelltenverhältnis. Daher ist es gerade bei jungen Leuten sehr wichtig, für unternehmerische Tätigkeit zu werben. Wenn junge Menschen ihre eigenen Ideen entwickeln und dafür Unterstützung erhalten, dann wird das bei Ihnen Motivation, Selbstvertrauen und neue Fähigkeiten hervorrufen. Dieser Mentalitätswandel muss politisch  gefördert werden. Die Resultate lassen sich kaum nach 1 oder 2 Jahren messen. Sie können aber, zumindest teilweise, aus der Krise führen. Und in einigen Regionen tun sie das auch.

Interview: Michael Kaczmarek

Links

Zum Thema auf Euractiv.de

Aus der Krise in die Gründung (4. Dezember 2012)