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27/08/2016

Zukunftsszenarien für die Euro-Zone

Prioritäten der EU für 2020

Zukunftsszenarien für die Euro-Zone

Die Euro-Zone steckt in einem Dauer-Krisenmodus. Über die künftige Gestalt der Wirtschafts- und Währungsunion wird derzeit intensiv diskutiert. Foto: Rat

Analyse von Maria João RodriguesIn der Krise scheint alles möglich: Von einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone, der Spaltung der EU, über ein weiteres Durchwurschteln bis hin zur Politischen Union samt Eurobonds und einem gemeinsamen Schuldenmanagement. Maria João Rodrigues, Kopf hinter der Lissabon-Strategie, hat vier mögliche Zukunftsszenarien durchdekliniert.

Die künftige Gestalt der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) ist heute ungewisser denn je. Möglich ist jedoch die Darstellung von Entwicklungsszenarien, die jeweils unterschiedliche Geschichten über den weiteren Krisenverlauf darstellen. Sie sollen dem Krisenmanagement strategisch dazu dienen, besser auf unvorhergesehene Ereignisse vorbereitet zu sein und die übergeordnete Perspektive nicht aus dem Blick zu verlieren.

Maria João Rodrigues, Wirtschaftsprofessorin in Brüssel und Kopf hinter der Lissabon-Strategie, hat in einer Studie für die der SPD nahestehende Friedrich-Ebert-Stiftung mögliche Zukunftsszenarien für die Euro-Zone analysiert. Möglich scheinen folgende vier Szenarien:

A) Durchwurschteln
Die Fortführung des schrittweisen Krisenmanagements führt zur Perpetuierung der Probleme aus hohen Schulden, Kreditklemmen und Refinanzierungslücken. Der Austeritätskurs stranguliert die europäischen Wohlfahrtsstaaten; die Wachstumsstrategie bleibt in ihrem Erfolg begrenzt. In vielen Regionen kommt es zur wirtschaftlichen Stagnation und in der Folge zur Schwächung der öffentlichen Unterstützung für das europäische Projekt.

B) Auseinanderbrechen
Der Kollaps einzelner Banken und/oder der Default und Ausstieg einzelner Staaten aus der Euro-Zone führt zu Ansteckungseffekten, die nicht mehr unter Kontrolle gebracht werden können. Ratingagenturen stufen alle Mitglieder der Euro-Zone herab, ebenso den Europäischen stabilitätsmechanismus ESM. Die Europäische Zentralbank EZB gerät an die Grenzen ihrer Interventionsfähigkeit und auch die G20 können nicht genügend finanzielle Unterstützung leisten. Die Desintegration der EU wird begleitet von einer tiefen Rezession mit hohen Arbeitslosenquoten. Antieuropäischer Populismus setzt sich bis in die Mitte der Gesellschaften durch.

C) Kerneuropa
Eine kleine Gruppe von Mitgliedstaaten einigt sich auf die Ausbildung einer Fiskalunion. Finanzielle Stabilität wird durch ein gemeinsames Bankenmanagement sichergestellt. Zur Ausgabe von Gemeinschaftsbonds kommt es nur im äußersten Notfall und unter strengen Auflagen. Wachstumsinvestitionen und Transfers brechen zwar den Austeritätskurs auf, bleiben jedoch auf ein Mindestmaß beschränkt. Daher vergrößern sich die makroökonomischen Ungleichgewichte auch innerhalb des Kerns. Zusätzlich kämpft die Kerngruppe gegen wachsendes Steuer- und Sozialdumping gegenüber den EU-Staaten außerhalb der Fiskalunion. Die Europäischen Institutionen werden geschwächt und die innereuropäische Konkurrenz nimmt zu.

D) Vollendung
Die Defizite des Vertrags von Maastricht werden beseitigt durch die Komplettierung der Wirtschafts- und Währungsunion durch eine Politische Union, die auch eine Fiskalunion mit einschließt. Es kommt zur Ausgabe von Eurobonds und einem gemeinsamen Schuldenmanagement. Die Refinanzierungskosten der Krisenstaaten sinken, Pleiten von Banken und Staaten sind nicht mehr zu befürchten. Die makroökonomische Überwachung durch Brüssel wird bedeutend, fokussiert neben Konsolidierung aber auch auf die Ermöglichung von Zukunftsinvestitionen. Die Entscheidungsprozesse der EU werden grundlegend reformiert und stärken die öffentliche Unterstützung für das europäische Projekt.

Über die Studie

Die Studie ist das Produkt eines intensiven paneuropäischen Austauschs über entscheidende Entwicklungsfaktoren, ihre mögliche Entwicklungsrichtung und die sich aus ihrer Kombination ergebenden Szenarien für die künftige Gestalt der Euro-Zone. Vertreter der Wissenschaft, der Politik und der Zivilgesellschaft haben in Diskussionsrunden und einem Workshop im Brüsseler Büro der Stiftung zur Analyse der vier dargestellten Zukunftsszenarien beigetragen.

Die Studie "Mapping Future Scenarios for the Eurozone" von Maria João Rodrigues kann hier heruntergeladen werden. Der Statistische Anhang steht hier zum Download bereit.

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EurActiv Brüssel:
Rodrigues: Eurozone crisis is reaching a new stage (25. Juni 2012)

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Vier Bausteine für eine neue Währungsunion (25. Juni 2012)

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