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26/07/2016

Zwei-Länder-Umfrage: Deutsche und Österreicher lehnen Willkommenskultur ab

Österreich

Zwei-Länder-Umfrage: Deutsche und Österreicher lehnen Willkommenskultur ab

Flüchtlinge aus Afghanistan in einem neuen Flüchtlingsheim in Jena. Foto: dpa

Die deutsche und österreichische Bevölkerung zeigt mehrheitliche eine massive Abwehrhaltung gegenüber Flüchtlingen. Das Ergebnis einer Parallelbefragung gewährt tiefe Einblicke in die Gefühlslage der Öffentlichkeit.

Zwei Nachbarstaaten in der Mitte Europas. Gleiche Sprache, ähnlicher Wohlstand, ähnliche Rechtsordnung und Sozialsysteme, gleichfarbige Regierungen. Wie konform sind in diesen beiden Ländern die Ansichten der Bevölkerung zur Flüchtlingsfrage? Welche Bilder haben sich bei den Österreichern und Deutschen von den Migranten geformt? Wie groß ist ihre Neigung zur Integration? Diesen Kernfragen sind die Institute Spectra (Linz) und IMAS (München) im Rahmen der Integrationsforschung in gleichlautenden Untersuchungen in den beiden Ländern nachgegangen. Die vorliegenden Erkenntnisse der Parallelbefragung enthüllen Denkmuster der Bevölkerung, die einen unmittelbaren Bezug zum politischen Geschehen haben. Und den Politikern zu Denken geben sollten.

Praktisch deckungsgleich sind die Österreicher und die Deutschen der Überzeugung, dass sich die Flüchtlingspolitik im eigenen Land im Laufe der beiden letzten Jahre nachteilig entwickelt hat und zur Causa Prima geworden ist. Zwei Drittel der Bewohner sprechen von einer Verschlechterung, nur jeweils jeder Neunte von einer Verbesserung der Situation. Die Einschätzung der Zukunft ist da wie dort düster. Während in Deutschland 52 Prozent mit einer Verschlechterung der Gesamtsituation rechnen, liegt der Vergleichswert in Österreich sogar bei 60 Prozent. An eine Verbesserung der Gesamtlage glaubt in beiden Ländern allenfalls ein Zehntel der Bevölkerung.

Flüchtlingskrise Hauptursache für pessimistische Stimmung

Die Pessimisten machen für den Abwärtstrend zu rund drei Viertel vor allem die Zuwanderung verantwortlich. Nur wenige von ihnen glauben, dass ein Sinkflug des eigenen Landes durch einen Verlust an Wirtschaftskraft verursacht werden könnte. Genau umgekehrt begründen die Optimisten ihre Einschätzung der Zukunft. Sie glauben, dass der Aufstieg des Landes – unabhängig von der Entwicklung der Flüchtlingsproblematik – vor allem der Wirtschaft zuzuschreiben sein wird. Lediglich jeder 4. bis 5. der zuversichtlich gestimmten Österreicher oder Deutschen erblickt in der Zuwanderung eine Triebfeder des Aufstiegs.

Dementsprechend ausgeprägt ist auch das Unbehagen die Nachbarschaft mit Flüchtlingen und Migranten teilen zu müssen. Mindestens zwei Fünftel der Österreicher und gut die Hälfte der Deutschen haben das Gefühl, dass sich in der eigenen Wohngegend bereits ziemlich viele Zuwanderer aus dem Nahen Osten und Afrika befinden. Die Vorstellung, im eigenen Wohnbereich gebe es in Zukunft noch mehr Menschen aus diesen Zonen, löst Unbehagen aus. Lediglich fünf Prozent der Österreicher und neun Prozent der Deutschen würden sich über die Nachbarschaft einer größeren Zahl von Eurasiern oder Nordafrikanern ausdrücklich freuen.

Argumente, die gegen die Zuwanderung ins Treffen geführt werden

Sehr sicher ist sich die Bevölkerung darüber, dass die Zuwanderer aus dem Nahen Osten und Afrika dem eigenen Land mehr Nachteile als Vorteile bringen werden. In Österreich überwiegt das Gefühl der Nachteile mit 67:9 Prozent, in Deutschland mit 57:12 Prozent.

Sorge bereiten in Deutschland und Österreich einer überdeutlichen Mehrheit vor allem,

– dass die in die hohen Kosten für die Versorgung der Flüchtlinge längerfristig nicht verkraftbar sind;
– dass Zuwanderer auf Dauer hier bleiben werden, auch wenn sich die Lage in ihrer Heimat verbessert;
– dass der Großteil der Zuwanderer nicht bereit ist, sich den hier geltenden Spielregeln anzupassen;
– dass ganz allgemein schon zu viele Ausländer im Land sind;
– dass die Zuwanderung den Wohlstand beeinträchtigen wird;
– dass die Zuwanderung immer mehr die eigene Lebensweise verdrängt und
– dass die Bevölkerung von Regierung sowie Medien unvollständig und einseitig über die Nachteile und Gefahren der Zuwanderung informiert wird.

Demgegenüber steht eine relativ kleine Gruppe, die der Migration positiv gegenüber steht. Nicht einmal jeder sechster Österreicher glaubt, dass die vielen Menschen aus anderen Kulturen das Land bunter und interessanter machen werden. Lediglich 15 Prozent sind der Überzeugung, dass “die Zuwanderer Menschen wie Du und ich sind, problemlos zu uns passen”. Magere sieben Prozent führen ins Treffen, dass die Flüchtlinge überwiegend gut qualifiziert sind und den Fachkräftemangel beheben werden.

Idealbild eines lebenswerten Landes

In Deutschland werden übrigens manche Aspekte etwas anders als in der Alpenrepublik gesehen. So haben die Deutschen auffallend weniger Furcht vor einem Wohlstandsverlust durch die Zuwanderung, etwas geringer ist auch die Furcht vor einer Verdrängung der eigenen Identität. Insgesamt allerdings beziehen Deutsche wie Österreicher massive Abwehrhaltungen gegen die Zuwanderung und sind kaum von den Vorzügen der Migration zu überzeugen. Vielmehr werden in der Parallel-Befragung ungemein starke Zweifel der Bevölkerung sichtbar, dass sich die Zuwanderer zu Mitgliedern einer Vorbildgesellschaft westlicher Prägung entwickeln werden. Daher ist auch die Neigung der Österreicher und Deutschen, sich den Zuwanderern anzunähern, äußerst gering.

Damit liegt die Frage auf der Hand, und wie sieht das Idealbild seines eigenen Landes aus? 57 Prozent der Österreicher und 50 Prozent der Deutschen beschreiben ein lebenswertes Land als eines, in dem alle die gleiche Sprache sprechen, in dem die gleichen Sitten herrschen und die Menschen einander ähnlich sind. Nur rund jeder fünfte Bewohner der beiden deutschsprachigen Länder bevorzugt eine Lebenswelt mit viel Verschiedenheit, unterschiedlichen Verhaltensweisen und unterschiedlichen kulturellen Einflüssen.

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