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04/12/2016

Wiener Kardinal spricht sich für Europa und eine sinnvolle Integration aus

Österreich

Wiener Kardinal spricht sich für Europa und eine sinnvolle Integration aus

Auch Zuhören gehört zu einer sinnvollen Integration, so der Wiener Kardinal Schönborn

[International Federation of Red Cross and Red Crescent/Flickr]

Die Stimmung unter der Bevölkerung in Österreich, aber auch in Europa ist aufgeheizt. Ein Kontinent kämpft mit der eigenen Identität. Der Wiener Kardinal mahnt, die Sorgen ernst zu nehmen.

Die Flüchtlingskrise, die Europa unverändert beschäftigt, die Machtlosigkeit der EU, einen gemeinsamen Nenner unter den 28 EU-Staaten zu finden, sind quer durch den Kontinent ein bestimmendes Thema in der öffentlichen Diskussion. Das zeigt sich nicht nur bei den diversen Protestaktionen, an den so gennannten Stammtischen, besonders auffällig sind die Hasspostings in den Sozialen Medien. Das zeigt sich auch in Österreich, wo noch Tage nach der Präsidentschaftswahl verbale Verfehlungen zu hören sind. Schwer tun sich dabei vor allem jene, die auf der so genannten „Verliererseite“ stehen, Manipulation bei der Stimmenauszählung vermuten, zum Teil geradezu abstrusen Intrigen Glauben schenken. Trotz aller Aufrufe, Brücken zu bauen, einen demokratisch getroffenen Entscheid nun einmal akzeptieren zu müssen, ist eine gewisse Spaltung der Gesellschaft unverkennbar.

Diese Situation hat der Wiener Kardinal Christoph Schönborn zum Anlass genommen, um einen großes Bogen zwischen den polarisierten Frontabschnitten zu spannen, indem er um Mitleid mit den Flüchtlingen und Interesse für jene, die eine gegensätzliche Position in politischen Fragen einnehmen, warb.  Seiner Ansicht nach geht es nicht so sehr um das vielfach geforderte „Zuschütten von Gräben“, sondern darum, „die Anderen in ihrer Andersheit wahrzunehmen und auf sie zuzugehen“. Vor allem sollte es jetzt darum gehen, die „Selbstbezogenheit, an der wir kranken und die für unser Land, für unser Europa eine Gefahr ist“, zu überwinden. Nicht nur bei der politisch getroffenen Entscheidung bezüglich des neuen Staatsoberhauptes sondern auch im Umgang mit der Flüchtlingsproblematik gehe es darum, dem „anderen zuzuhören“, Beweggründe und Sorgen ernst zu nehmen. „Das kann …. helfen“, so Schönbron, um einen Ausweg aus der derzeitigen Situation zu finden.

Zuhören ein wichtiger Teil der Integration

Eines der strapaziertesten Wörter im Präsidentschafts-Wahlkampf war der Begriff „Heimat“. Im Hintergrund geht es dabei letztlich um die so genannten „Festung Europa“, ein Thema, das sich quer durch alle EU-Staaten zieht. So sehr der Wiener Kardinal Verständnis dafür hat, die eigene Heimat zu  lieben, so müsse es auch „möglich sein, mit Fremden zusammenzuleben und die eigene Heimat mit jenen zu teilen, die ihre Heimat verloren haben“. Scharf kritisierte der Wiener Erzbischof in diesem Zusammenhang Tendenzen, das Leid der Flüchtlinge zu verdrängen: „Hauptsache, sie leiden nicht mehr vor unserer Haustür, damit wir es nicht sehen müssen“. Anstatt das Problem zu verdrängen, ginge es darum, den Flüchtlingen zuzuhören und deren Schicksal zu erfahren.  Zuhören sei ein wesentlicher Teil gelingender Integration.

125 Millionen warten in Afrika auf humanitäre Hilfe

Das zeigt sich auch beim Humanitären Weltgipfel („World Humanitarian Summit“), der diese Woche in Istanbul stattfand. So würden  Flüchtlingsbewegungen auch dadurch entstehen, dass Menschen „zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel haben“. Dagegen anzukämpfen sei das wirksamste Mittel die Hilfe vor Ort. Allerdings gibt es hier das Problem,  dass eine große Differenz zwischen den benötigten Mitteln und deren Finanzierung besteht. Noch immer hat es sich nicht bis in die Staatskanzleien durchgesprochen, dass „jeder Euro, der dafür eingesetzt wird, absehbare Flüchtlingsbewegungen durch aktive Hilfe vor Ort zu verhindern, einen vielfachen positiven Effekt“ auslöst.

Es sei an der Zeit, den Blick nicht nur auf die, die täglichen Schlagzeilen beherrschenden langandauernde Krisen – wie etwa in Syrien und seinen Nachbarländern – zu werfen. Auch auf vergessene Notsituationen, wie etwa im Ost-Kongo, und sich schon abzeichnende Katastrophen, beispielsweise in Folge der aktuellen Dürre in Ostafrika, gelte es rasch und mit ausreichenden Hilfsmitteln zu reagieren. Über die Medien wird nur die Zahl jener Flüchtlinge kolportiert, die im Nahen Osten und in Nordafrika darauf warten, nach Europa übersetzen zu können, es sind weitere 125 Millionen Menschen, die auf humanitäre Hilfe warten.