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09/12/2016

Österreichs „dritte Halbzeit“

Österreich

Österreichs „dritte Halbzeit“

Quo vadis, Österreich? Die Bundespräsidenten-Wahl schien entschieden, muss jedoch wiederholt werden.

Foto: CHRISTIAN BRUNA, (c) dpa

In fünf Wochen sollte es Österreich geschafft und einen neuen Staatspräsidenten gewählt haben.

Die Ferienzeit endet in der Alpenrepublik offiziell erst in einer Woche im Osten und in zwei Wochen im Westen des Landes, der Wahlkampf für die dritte Runde der Präsidentschaftswahlen hat allerdings offiziell bereits begonnen. Der Kandidat der Grünen, Alexander van der Bellen, und jener der FPÖ, Norbert Hofer, sind wieder als Wahlkämpfer unterwegs. Ab heute nimmt eine eigens eingerichtete Telefon-Hotline die Arbeit auf, um Bürgern genaue Auskunft über die Wahlmöglichkeiten zu geben. Notwendig wurde der dritte Wahlgang aufgrund eines Einspruchs der unterlegenen FPÖ und einer nicht unumstrittenen Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes. Daher spricht man jetzt von der dritten Halbzeit.

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Neue Strategien für alte Kandidaten

Die Ausgangsbasis ist mit 50,3 gegen 49,7 Prozent denkbar knapp ausgefallen. Hofft van der Bellen das Resultat halten zu können, so setzt Hofer alles daran, den Vorsprung zu egalisieren. Um das möglich zu machen, versucht man nicht nur im jeweilig anderen Lager sondern auch bei den unentschlossenen Wählern und jenen, die beim letzten Mal gar nicht zur Wahlurne gegangen sind, auf Stimmenfang zu gehen. Und beide Kandidaten haben auch ein wenig ihre Strategie geändert. Van der Bellen dessen Eltern selbst Einwanderer aus Estland waren, der aber in Tirol aufwuchs, setzt jetzt so gar nicht zur Tradition der Grünen passend auf den Begriff „Heimat“. Hofer, dessen FPÖ in der Flüchtlingspolitik durch den rigiden Regierungskurs etwas ausgebremst wurde, will plötzlich von einem Öxit nichts mehr wissen und spielt auf mehr Staatsmann.

Mit Prognosen ist man vorerst noch sehr vorsichtig. Sicher ist, dass es einige unsichere Faktoren gibt. Allen voran stellt sich die Frage einer gewissen Wahlmüdigkeit und wer von einer möglicherweise niedrigeren Wahlbeteiligung profitieren könnte. Dazu kommt und das zeigen Untersuchungen, dass die Wählerschaft der FPÖ weitaus treuer ist als jene der anderen Parteien. Daher könnte auch das Wechselmotiv eine gewisse Rolle spielen.

Schlüsselrolle für ÖVP- und SPÖ-Wähler

Nachdem die Kandidaten der beiden Regierungsparteien, Andreas Khol und Rudolf Hundstorfer bereits im ersten Wahlgang ausgeschieden sind – eine ziemlich Blamage für die Wahlmanager von ÖVP und SPÖ –, kommt in der letzten Runde den Wählern beider Parteien eine Schlüsselrolle zu. Nicht ganz zu vergessen sind freilich auch noch jene, die der parteiunabhängigen Irmgard Griss zu einem Achtungserfolg im ersten Wahlgang verhalfen. Hatte sie noch vor den Ferien große Sympathie für die Unterstützung der NEOS gezeigt, so ist sie während der Ferien fast völlig von der Bildfläche verschwunden.

Die Qual der Wahl dürfte am 2. Oktober offenbar den Sozialdemokraten leichter fallen als jenen des traditionell bürgerlichen Lagers. Es gibt zwar keine Wahlempfehlung der SPÖ, aber Bundeskanzlers Christian Kern hat aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht und deutlich artikuliert, Van der Bellen zu wählen. Für viele Genossen sicher ein Leitmotiv.

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Van der Bellens Vergangenheit als Risikofaktor

Anders bei der ÖVP. Von Vizekanzler Reinhold Mitterlehner abwärts berufen sich die meisten Parteigranden – sieht man von einzelnen offenen Wortmeldungen für den Grün-Kandidaten, wie jener von Ex-EU-Kommissar Franz Fischler ab – auf das Wahlgeheimnis. Haupt-Argumentation ist dabei die politische Vergangenheit Van der Bellens. Und damit der Risikofaktor. In seiner Jugend wandte er sich von Linksaußen kommend zunächst der SPÖ zu, deren Mitglied er bis in die 1980er Jahre war, ehe er zum Grün-Politiker konvertierte. Dass er mittlerweile ein seriöser Politiker geworden ist, der sicher eine gute Figur auch auf dem internationalen Parkett machen wird, ist nur für einen Teil der ÖVP-Sympathisanten relevant.

Es wird ein spannender Wahltag. Und man wird fast 24 Stunden diesmal auf das Endergebnis warten müssen. Denn die Auszählung der Wahlkarten beginnt diesmal erst ausnahmslos am Montag. Und vorher darf kein Zwischenergebnis bekannt gegeben werden. Bloß Nachwahlbefragungen dürften diesmal am Wahlabend publiziert werden – und diese sind unscharf. Erst recht, wenn es wieder ein so knappes Rennen wird.