Kirche und Welt: Europa verliert die Führungsrolle

Wenn in zwei Jahren die protestantische Kirche ihren 500. Geburtstag feiert, so wird das gerade in Bezug auf Europa nicht unbedingt ein Jubelfest werden.

Denn die Nachfolger Martin Luthers leiden an massivem Gläubigerschwund. Und: Europa insgesamt wird nicht mehr der Nabel der christlichen Welt sein, wenngleich die katholische Kirche sich insgesamt im Aufwind befindet.

Indem Martin Luther 1517 seine 95 Thesen auf die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg anschlug, setzte sich die Reformation, die so genannte kirchliche Erneuerungsbewegung in Gang. Sie führte zur Spaltung des westlichen Christentums in verschiedene Konfessionen. Neben Luther waren es die Schweizer Huldrych Zwingli und Johannes Calvin, die sich ans Werk machten, die römisch-katholische Kirche zu reformieren, mit vielen Missbräuchen aufzuräumen. Letztlich kam es aufgrund unterschiedlicher Lehrmeinungen zu einer Spaltung in verschiedene protestantische Kirchen (Lutheraner, Calvinisten, Zwinglianer und Presbyterianer). In England entstand der Anglikanismus, der in weiterer Folge – insbesondere nach der Unabhängigkeitserklärung – zum Entstehen so genannter Freikirchen in Amerika führte.

Afrika im Fokus der katholischen Kirche

Ein halbes Jahrtausend nach der großen Reformation, die vor allem Europa betraf, kämpfen die protestantischen Kirchen nicht nur mit der Entfremdung vieler Bürger von kirchlichen Bindungen und Traditionen, sondern auch mit einer Neu- und Umorientierung ihrer „Schäfchen“. Wechseln doch viele von Ihnen zur katholischen Kirche, wie man im Vatikan aufmerksam registriert.

Innerhalb der katholischen Kirche wiederum verlagert sich zunehmend der Schwerpunkt von Europa, das einstmals den Titel „christliches Abendland“ trug und mittlerweile zu einem „säkularisiertem Erdteil“ wurde, in andere Kontinente. Rom ist und bleibt zwar das Verwaltungszentrum, der Wachstumsmarkt liegt aber in erster Linie im Süden, vor allem in Afrika, das auf dem Weg zur Nummer 1 ist. Von daher ist mehr als nur vorstellbar, dass nach dem Südamerikaner Franziskus ein Kardinal des schwarzen Kontinents nächster Papst wird. Unverändert auf Wachstumskurs segelt Südamerika. Und auch im von Mehr-Gott-Religionen und die Existenz hinterfragenden Philosophien geprägten Asien, ja selbst in der muslimisch-arabischen Welt verzeichnet die römisch katholische Kirche bemerkenswerte Zuwächse.

Christentum verzeichnet stärkstes Wachstun

Die Angst, dass der Islam zur dominierenden Religion wird, „uns gewissermaßen überrollt“, ist eigentlich unbegründet, sagt ein leitender Mitarbeiter des Päpstlichen Rats in einem Gespräch mit EURACTIV.de. Dass Christen besonders verfolgt werden, ist ein anderes Kapitel. So etwa stellen sie unter den weltweit millionenfach auf der Flucht befindlichen Menschen die Mehrheit. Generell übt das Christentum mit 2,2 Milliarden Gläubigen aber offenbar die größte Anziehungskraft aus, ist sie doch die am stärksten wachsende Religionsgemeinschaft. Und innerhalb dieser Gruppe ist der Katholizismus die expandierende Bewegung. Jeder dritte Erdenbürger bekennt sich zum christlichen Glauben, mehr als ein Drittel der Menschen ist getauft. Die katholische Kirche bildet mit rund 1,2 Milliarden Gläubigen die weitaus größte und vor allem geschlossenste Gruppe. Alle protestantischen Gemeinschaften – darunter versteht man heute insbesondere auch die Vielzahl so genannter Freikirchen – zusammen umfassen 37 Prozent der Christenheit. 12 Prozent gehören den orthodoxen und orientalischen Kirchen an.

Protestanten verlieren an Katholiken

Interessant ist die Entwicklung in Europa, das von der weltweiten Statistik abweicht. Hier bekommt auch die katholische Kirche einen gesellschaftspolitischen Trend zu spüren, indem die Bindung der Bevölkerung an die christlichen Kirchen nachlässt, die Distanz zu den kirchlichen Institutionen und deren Amtsträgern wächst, was sich ja auch unter anderem in den rückläufigen Besucherzahlen in den Gottesdiensten zeigt. Zulauf erhalten gewisse Freikirchen. Und auch die Agnostiker, für die die Existenz eines übergeordneten Wesens, also Gottes, nicht geklärt ist. Einen immer geringer werdenden Anteil stellen dagegen die Nihilisten, die die Existenz eines Gottes absolut leugnen. Allerdings, und auch das ist ein Phänomen, wechseln immer mehr Protestanten zum katholischen Glauben über. Das wird zum Beispiel gerade in den skandinavischen Ländern registriert, wo die evangelischen Kirchen, mit besonders hoher Nervosität auf den Zulauf bei den Katholiken, auf die Entstehung neuer Diözesen reagieren. Zusammen mit der schon länger währenden Krise im Lager der deutschen protestantischen Kirche, sieht man im Vatikan eine Entwicklung auf Europa zukommen, wonach bis zum Ende des Jahrtausend Luthers Nachfolger nur noch eine kleine Minderheit bilden.

Glaubwürdigkeit – EU Kommission und Kirche Schlusslichter, der Papst Spitzenreiter

Nicht unwesentlich von Entscheidung wird sein, ob die unter Papst Franziskus eingeleitete Öffnung der römisch katholischen Kirche anhält, diese wieder zu einer echten „Volkskirche“ macht. Hoffnung liegen hier vor allem auf der für Herbst angesetzten Familiensynode. Auch die jüngst veröffentlichte Umweltenzyklika, die man in der Umgebung des Heiligen Vaters vor allem als Sozialenzyklika interpretiert wissen will, ist mehr als nur ein solches Signal. Die Stimmungslage zur Kirche an sich dürfte in vielen europäischen Ländern nicht unähnlich zu jener in Österreich sein. Auf die Frage „Wen hält Österreich für glaubwürdig?“ meinten in einer im Mai dieses Jahres durchgeführten demoskopischen Erhebung des Sora-Institutes gleich 79 Prozent, dass dies der katholische Oberhirte sei. Er gilt überhaupt als die glaubwürdigste aller Personen des öffentlichen Lebens weltweit. Ganz anders ist es da derzeit um jene Institution bestellt, an deren Spitze er steht. Mit 35 Prozent liegt sie in punkto Glaubwürdigkeit nur auf dem vorletzten Platz. Schlechter bewertet ist nur noch die EU-Kommission mit 24 Prozent.