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09/12/2016

Integration: „Business as usual“ ist fehl am Platz

Österreich

Integration: „Business as usual“ ist fehl am Platz

Die Flüchtlingszuwanderung belastet den Staatshaushalt in Österreich - viele Experten bemängeln die Integrationsmaßnahmen.

Foto: dpa

Wie sind die religiös-kulturellen Vorstellungen der Flüchtlinge mit einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft vereinbart? Der Integrationsbericht Österreich stellt heikle Fragen.

1,321.050 Asylanträge wurden im vergangenen Jahr in Europa gestellt. Davon allein 81 Prozent in den Ländern Deutschland, Schweden, Österreich, Italien, Frankreich und Ungarn. Schweden und Österreich weisen dabei mit 17 bzw. 10 Asylanträgen pro 1.000 Einwohner die höchste Pro-Kopf-Quote auf. In Österreich selbst wurden 88.340 Asylanträge eingebracht. Fast 10 Prozent von unbegleiteten Minderjährigen.

Die Zahlen zeigen die Dimension des Flüchtlings-Tsunamis auf. Damit ist es aber längst nicht getan. Es muss mehr als bisher geschehen, um das Bevölkerungswachstum zu verarbeiten, das Potenzial der Zugewanderten zu nützen und eine gesellschaftliche Spaltung entlang religiöser, sozialer und kultureller Konfliktlinien zu vermeiden. Das ist jedenfalls die Kernaussage des jüngsten Integrationsberichts aus Österreich. Ein Expertenrat hat einen 50-Punkte-Plan erstellt. Und das sind die fünf Kernforderungen:

  1. Integrationspolitisch relevante Maßnahmen werden derzeit von einer Vielzahl von AkteurInnen realisiert. Solange die Vielfalt nicht zu Doppelgleisigkeiten und zum ineffizienten Einsatz öffentlicher Mittel führt, ist das akzeptabel, wenn das aber nicht mehr gegeben ist, dann sind Reformen notwendig. Daher bedarf es einer straffen Führung und Koordinierung
  2. Mit Stand Juni 2016 waren über 25.000 Asyl- und subsidiär Schutzberechtigte arbeitslos gemeldet. Es existieren zwar Erwartungen, dass 50 Prozent der Asylberechtigten nach fünf Jahren erwerbstätig sein werden, Analysen lassen das jedoch bezweifeln. Daher werden mehr Schulungsmaßnahmen, Deutschkurse und Nachqualifikationen notwendig sein, um die Asylberechtigten in die Erwerbsarbeit überführen zu können. Wichtig ist allerdings, dass diese Angebote von Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten auch in Anspruch genommen werden.
  3. Im Schuljahr 2015/2016 besuchten rund 13.000 schutzsuchende Kinder Österreichs Schulen. Die spezifischen Umstände der Flucht, des Kriegsalltags im Herkunftsland und Traumatisierungen schaffen wie auch die soziale Isolation von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen schwierige Voraussetzungen für ein angstfreies und zügiges Lernen. Hier müssen mehr Augenmerk auf den umfassenden Kompetenzerwerb gelegt sowie gezielte Unterstützungsmaßnahmen für Schulen ergriffen werden.
  4. Die Flüchtlingszuwanderung des Jahres 2015 hat eine Bevölkerung nach Österreich gebracht, für die das Leben in einem liberalen, säkularen Rechtsstaat, der auf demokratischen Grundstrukturen basiert, etwas Neues darstellt. Es ist dringend und zwingend notwendig, Informations- und Orientierungsangebote über das kulturelle System, das der Gesellschaft in Österreich unterliegt, anzubieten. Nur so werden raschere Anschlussmöglichkeiten an die neue Gesellschaft geschaffen, für die Sicherung einer gemeinsamen Wertebasis gesorgt.
  5. Städte im Allgemeinen und Wien im Speziellen sind Zuwanderungsmagnete. Derzeit ziehen bereits rund 70 Prozent der Asyl- und subsidiär Schutzberechtigten in die Bundeshauptstadt. Hier braucht es einen breit gefassten Lösungsansatz, der eine ausgewogene Verteilung, die Schaffung eines leistbaren Einstiegssektors in den Wohnungsmarkt und die Realisierung von städtebaulichen Aufwertungsprozessen in abgewohnten Stadtvierteln umfasst.

Zum Schluss des Berichts stellt der Expertenrat sehr unmissverständlich fest, dass man noch mit einer ganzen Reihe ungeklärter Fragen und Sachverhalte konfrontiert ist. So zum Beispiel: Was sind die Lebensperspektiven von AsylwerberInnen und anerkannten Flüchtlingen? Was sind ihre Erwartungen, ihre Einstellungen zu Staat und Gesellschaft? Was sind ihre realen und perspektivischen Beziehungen zu ihren Herkunftsländern? Führt die Zuwanderung der mehrheitlich muslimischen ZuwandererInnen zu einem Mehr an traditionellem Religionsverständnis oder haben die Geflohenen genug von Religion und wählen einen säkularen Weg?