Wie die Medien-Krise überwunden werden könnte

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shutterstock_511304944 team journalists editorial [GaudiLab/Shutterstock]

This article is part of our special report #Media4EU: Mit Innovationen gegen Europas Medien-Krise?.

Europäische Medienorganisationen reagieren auf die Krise in der Branche, indem sie sich auf ihre Heimatmärkte konzentrieren. Online-Plattformen bekräftigen ihre globale Ausrichtung. Zeit für Zusammenarbeit. EURACTIV Brüssel berichtet.

Das Media4EU-Projekt geht auf die Annahme zurück, dass der europäische Mediensektor schneller Innovationen umsetzen muss, um die Krise zu überstehen. Wie es schon in Manier des “Gattopardo” heißt: “Alles muss sich ändern”, wenn die traditionellen Medien auch weiterhin einem großen Zielpublikum qualitativ hochwertige Inhalten bieten wollen.

Der Wettbewerb auf dem Markt ist hart. Soziale Medien, Tech-Giganten und Digital Natives beanspruchen einen Großteil der Einnahmen durch Online-Werbung für sich. Mainstream-Agenturen schaffen es immer seltener, ihre Leserschaft angemessen über politische Entwicklungen in Europa zu informieren. Das Ergebnis: Fake News grassieren in den sozialen Netzwerken und populistische Bewegungen nutzen sie zu ihrem Vorteil.

Traditionelle Medien gegen Populismus im Web 2.0

Die Medienbranche in Europa steht einer „Legitimiationskrise“ gegenüber, bestätigen Experten aus sechs unterschiedlichen Ländern.

EURACTIV interviewte Edwy Plenel, den Mitbegründer der französischen Nachrichtenseite Mediapart. Er fragt sich, ob der Erfolg seiner Organisation „einfach auf das Erscheinen einer neuen Presseart zurückzuführen ist, die ausschließlich auf dem Internet basiert, oder ob auch die Krise, der französischen Demokratie, der Unabhängigkeit, Autonomie und Gründlichkeit der traditionellen Medienbranche in Frankreich verantwortlich ist“.

Partnerschaftlicher Austausch

Um unabhängig zu bleiben, werden Medienanstalten mehr und mehr auf Inhalte anderer Anbieter angewiesen sein, insbesondere was die Berichterstattung zu internationalen und europäischen Themen angeht. Anstatt jedoch den Großteil des Materials von Agenturen und Freiberuflern zu beziehen, könnten sie auch grenzüberschreitende Partnerschaften für den Austausch von Inhalten ins Leben rufen. So könnten sie ihre Berichterstattung vielfältiger gestalten und tiefergehende Recherchen durchführen.

Es gab bereits Projekte solcher Art, von denen jedoch viele im Laufe der Jahre wieder beendet wurden. Manche laufen noch, haben bisher allerdings kaum Erfolgsgescichten geschrieben. Ihre größte Schwäche besteht darin, dass sie über kein nachhaltiges Geschäftsmodell verfügen.

Das von der EU-Kommission geförderte Radionetzwerk Euranet Plus zum Beispiel leistet wöchentlich 75 Minuten lang europapolitische Berichterstattung in 16 Ländern. Erst kürzlich stellte man seine Daseinsberechtigung in Frage. Dabei ist es seit 2007 erfolgreich auf Sendung und verzeichnet pro Tag fast 22 Millionen Zuhörer.

Den Erfolg seines Netzwerks erklärt Chefredakteur Jean-Michel Bos wie folgt: „Wir haben festgestellt, dass jedes Mitglied gern bereit war, Inhalte mit anderen zu teilen. Die Umsetzung war jedoch sehr schlecht. Also haben wir entschieden, vermehrt in den menschlichen Aspekt unserer Zusammenarbeit zu investieren. […] Wir stellen sicher, dass sich die Mitglieder von Euranet Plus jedes Jahr regelmäßig treffen, um ihre Beziehungen über journalistische Kulturen hinweg auszubauen, anstatt den Fokus nur auf eine strikt kontaktbasierte Zusammenarbeit zu legen. Es hat lange gedauert und war anstrengend, aber ich glaube, dass es so effektiver und nachhaltiger ist.“

Medien-Kooperationen: Es geht um Menschen

Obwohl anfangs gar nicht bedacht, treten Fragen zu den Einstellungen und Fähigkeiten von Medienschaffenden zunehmend in den Vordergrund des #Media4EU-Projektes. „Wir sollten nicht den Fehler machen zu denken, es gehe nur um Geld und Technologie, denn wir müssen auch den Faktor Mensch berücksichtigen“, betont Professor François Heinderyckx, Dozent an der Fakultät für Literatur, Übersetzung und Kommunikation der Freien Universität Brüssel.

„Was hier meiner Meinung nach häufig vergessen wird, ist die Arbeit an einem ­– nennen wir es mal – Redaktionsprojekt“, erklärt er. „Man muss also ein Zielpublikum finden, es dazu motivieren, den gebotenen Inhalt zu nutzen und später noch einmal wiederzukommen. Das hat nichts mit Technologie zu tun, auch nicht unbedingt mit Geld. Hier geht es um Vorstellungskraft und clevere Innovationen.“ Die Fähigkeiten der Journalisten innovativ zu erneuern, wurde bald zum Leitmotiv der #Media4EU-Reihe.

Eine Medienstrategie für die EU?

Medienexperten des europäischen Festlands setzten angesichts der Krise in ihrer Branche auf die EU und schlagen regulierende Unterstützung oder innovative Programme vor.

„Hauptpunkt ist doch, dass Reporter aus ihrer Blase herauskommen, worin auch immer diese bestehen mag“, fordert Sebastian Turner, Herausgeber des Tagesspiegels, im Gespräch mit EURACTIV. „Ich denke, Geschäftsinnovationen in den Medien lassen sich am einfachsten umsetzen, wenn sie von technologie-affinen Journalisten vorangetrieben werden. Man muss diese beiden Welten miteinander verbinden – Technologie und Journalismus – und eine neue Generation von Menschen in beidem ausbilden. Darin besteht die wirkliche Herausforderung.“

Auch Fabio Carducci , stellvertretender Chefredakteur von Il Sole 24 Ore kritisiert die mangelnde Zusammenarbeit der Verkaufs- und Redaktions-Teams, wenn es um Innovationen geht. „Das Problem ist, dass das Management und die Redaktion einer Zeitung in Italien kaum miteinander interagieren, weil sie fürchten, beeinflusst zu werden. […] Das ist in meinen Augen ein Fehler: Das Management könnte der Redaktion dabei helfen, die wirklichen Bedürfnisse des Lesers zu verstehen. Die beiden sollten besser zusammenarbeiten. […] Ich denke, es wäre nützlich, wenn sie sich in einem eindeutigen Rahmen austauschen. Vielleicht könnte eine Institution  Aus- oder Weiterbildung anbieten, Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen oder Qualifikationsprogramme.“

Miguel Castro von der Gates Foundation erklärt, warum Finanzkürzungen, mit denen viele im Moment zu kämpfen haben, den dringend notwendigen Innovationsprozess nicht gerade vereinfachen. „Innovationen sind kostspielig und ich denke, dass niemand, der sich in einer ähnlichen Situation wie die Medien befindet, ein Scheitern riskieren würde. Ich kenne zahlreiche Herausgeber und Redakteure, die innovativer und risikofreudiger sein möchten, als sie es sich derzeit erlauben können“, unterstreicht er. Castro warnt: „Viele hoffen, in eine Zeit zurückkehren zu können, in der die Medien waren, wie sie meiner Meinung nach nie wieder sein werden.“

Erasmus4Media: Medienschaffende zusammenbringen

Das Ziel ist ambitioniert: Es geht darum, innovative Lösungen zu entwickeln, die zwischenmenschlich Qualifikationsangebote fördern – über Grenzen, Altersgruppen und die kommerziell-redaktionelle Trennung hinweg. Aus diesem Gedanken hat sich das Erasmus4Media-Programm entwickelt, das sich an junge Medienschaffende richtet.

Die Idee des Austausches ist nicht neu: Erasmus gilt als das erfolgreichste Integrationsprogramm der EU. Auch Sekundärprojekte wie Erasmus für Jungunternehmer oder der Versuch, die studentische Mobilität auch auf sekundäre Bildung auszuweiten, zeigen die hohe Nachfrage an Austauschprojekten zwischen den Mitgliedsstaaten.

„Journalisten sollten sehr zukunftsorientierte Menschen sein. Das sind viele jedoch nicht“, kritisiert Marco Zatterin, Vize-Direktor von La Stampa. „Wir denken noch immer zu sehr über unsere eigenen Angelegenheiten nach, anstatt uns mit globalen Themen zu beschäftigen. Ich begrüße es [das Erasmus4Media-Programm] sehr, denn es gibt in meinen Augen nicht genug Menschen mit Erfahrungen in diesem Gebiet – vor allem wenn es um internationale Fragen geht. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass sie, wenn man sie nach draußen schickt und sie über Europa aufklärt, zurückkommen und überzeugt davon sind, dass die EU noch eine Chance hat.“

Auslandserfahrungen steigern Qualität der Berichterstattung

Auch britische Medienorganisationen sind der Ansicht, man müsse die Menschen besser über Europa informieren. Manche gehen sogar so weit zu sagen, die Brexit-Berichterstattung wäre anders gewesen, wenn nationale Journalisten mehr über die EU gewusst hätten.

Laut John Peet vom Economist gibt es eine tiefe Kluft zwischen jenen, die Zeit in Brüssel verbracht haben und die Funktionsweise der EU sowie der Europäischen Zentralbank verstehen, und jenen die ausschließlich über Innenpolitik berichten. „[Es ist] erstaunlich, wie wenig Journalisten, die über nationale Ereignisse berichten, über die Europäische Union wissen“.

Emma Tucker, Redaktionsdirektorin bei der Times, weiß ihre Zeit als Brüssel-Korrespondentin noch immer sehr zu schätzen. „Ich bin dankbar für die sechs Jahre, die ich in Brüssel verbracht habe“, erklärt sie. „Nie war es für britische Journalisten wichtiger, zu verstehen, was dort vor sich geht. […] Die sechs Jahre, in denen ich dort gelebt und detaillierte Bereiche des Europäische Projekts kennen gelernt habe, haben mir definitiv zu verstehen geholfen, was alles auf dem Spiel steht, wie sehr Großbritannien Teil der EU ist und wo die Herausforderungen der Zukunft liegen.“

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